Berufsbildende Schulen in Berlin
Vor 25 Jahren, am 12. September 1979, übergab der damalige Schulsenator Rasch (FDP) die ersten sechs Oberstufenzentren ihrer Bestimmung. Anlässlich dieses Jubiläums skizzieren wir die Entwicklung dieser damals neuen Schulform in Berlin.
von Rosemarie Pomian und Pit Rulff
Die Russen sind schuld an den Oberstufenzentren: In den späten fünfziger Jahren platzierte die Sowjetunion den ersten Satelliten im Weltraum. Der erste Mensch, der die Erde umrundete, war Juri Gagarin, ein Russe. Keine Frage: Die Bildungsreform der siebziger Jahre geht auf den Sputnik-Schock zurück, der eine "Weltbildungskrise" auslöste. 1969 hob die Regierung Brandt/ Scheel "Bildung und Ausbildung, Wissenschaft und Forschung" in ihrer Regierungserklärung auf Platz eins. Der deutsche Bildungsrat forderte Gleichwertigkeit von allgemeiner und beruflicher Bildung sowie wissenschaftsorientiertes Lernen auch in den beruflichen Schulen.
Auf den Reformdruck der 60er, der durch die Studentenbewegung im Inneren forciert wurde, folgte das Reformklima der siebziger Jahre. "Gleichwertigkeit" war das zentrale Schlagwort der berufsbildungspolitischen Reformdiskussion. Die sozialliberale Regierung sowie die Bildung neuer Organe wie das Bundes-Institut für Berufliche Bildung und die Bund-Länder-Kommission begünstigten Reformen und am 12.9.1972 erfolgte der Startschuss für die Errichtung "berufsfeldbezogener Oberstufenzentren".
Angleichung der Bildungssysteme
Nach der Wiedervereinigung prägten im wesentlichen drei Faktoren die Entwicklung der Berufsbildung im Land Berlin: die Situation auf dem Ausbildungsstellenmarkt in der Stadt, die Finanzen der Stadt Berlin nach der Vereinigung mit den entsprechenden Auswirkungen auf die sächliche, räumliche und personelle Ausstattung der Schulen sowie eine fehlende langfristige Planung zur Versorgung mit Lehrkräften.
Kurz nach der Wiedervereinigung verschlechterte sich die wirtschaftliche Situation Berlins dramatisch. Gründe dafür sind aus Sicht der GEW BERLIN die Streichung der Zuwendungen für die Stadt, das Abwandern von Industrie aufgrund des Abbaus der Subventionen und eine desolate Politik der großen Koalition. Infolge der sich verschlechternden wirtschaftlichen Situation stagnierte Anfang der 90er Jahre die Zahl der betrieblichen Ausbildungsplätze und nahm Ende der 90er Jahre sogar ab. Gleichzeitig wuchs aber die Zahl der Jugendlichen, die die allgemeinbildenden Schulen verließen und von denen der größte Teil einen Ausbildungsplatz suchte, von 25.583 im Schuljahr 1991/92 auf 38.826 im Schuljahr 1998/99. Seitdem ist sie geringfügig auf etwas mehr als 37.000 Jugendliche gesunken.
Das Land Berlin reagierte sowohl mit der Bereitstellung staatlich finanzierter außerbetrieblicher Ausbildung bei Bildungsträgern als auch mit dem Ausbau vollschulischer Bildungsangebote, die mit Kammerprüfung abschließen, und mit Angeboten an Berufsfachschulen, die mit einer staatlichen Abschlussprüfung enden. Für Jugendliche, die auch in diese Bildungsgänge nicht aufgenommen werden konnten, stellte das Land Berlin zunehmend Plätze im 11. Pflichtschuljahr zur Verfügung (VZ 11-Lehrgänge, 1jährige Berufsfachschule und Ende der 90er Jahre MDQM I).
Im Schuljahr 2003/04 waren über 50 Prozent der in den berufsbildenden Schulen aufgenommenen Jugendlichen nicht mehr in der Berufsschule, dem Kernstück der Oberstufenzentren. Diese Entwicklung ist aus Sicht der GEW BERLIN in zweierlei Hinsicht problematisch: Erstens verursacht die Bereitstellung von Schülerplätzen außerhalb der Berufsschule erhebliche Kosten für den Steuerzahler, und zweitens, und das ist viel dramatischer, signalisiert die Gesellschaft einem großen Teil der Heranwachsenden, dass sie nicht gebraucht werden. Die gesellschaftlichen Folgekosten werden wir alle zu tragen haben.
Entwicklung nach der Wiedervereinigung
Nach der Wiedervereinigung war es das erklärte Ziel aller Akteure in der beruflichen Bildung, eine schnelle Angleichung der Bildungssysteme herzustellen. Über den Weg dort hin gab es unterschiedliche Vorstellungen. So lehnte die GEW BERLIN Anfang der 90er Jahre die Filiallösung vehement ab. Diese Lösung bestand darin, die selbstständigen Betriebsberufsschulen und einige wenige kommunale Berufsschulen zu Teilen der Westberliner Oberstufenzentren zu machen, ihnen also die Selbstständigkeit zu nehmen. Je nach Betrachterin wird das erzielte Ergebnis sicherlich anders gewertet. Auffallend ist allerdings mehr als zehn Jahre nach dieser Entscheidung, dass die meisten SchulleiterInnen und -leiter, aber auch viele AbteilungsleiterInnen der inzwischen selbstständigen Oberstufenzentren und berufsbildenden Schulen im Ostteil der Stadt "Westimporte" sind. Anders als in den allgemeinbildenden Schulen sind die Kollegien im Ostteil der Stadt allerdings durchmischte Kollegien. Seit 1995 (Gründung des Landesschulamtes Berlin) konnte aus der internen Sicht des für alle berufsbildenden Schulen zuständigen Personalrats beobachtet werden, mit welch unterschiedlicher Geschwindigkeit Funktions- und Leitungsstellen in den berufsbildenden Schulen der östliche Bezirke besetzt worden sind. Das lag nicht immer nur daran, dass die Schulaufsicht darauf wartete, dass die KollegInnen die laufbahnrechtlichen Voraussetzungen erfüllt hatten. Aus personalrätlicher Sicht hat sich der Eindruck verfestigt, dass insbesondere die Nichtgleichbehandlung der KollegInnen in West und Ost hinsichtlich ihrer Besoldung und Vergütung, aber auch bei der Besetzung von Funktions- und Leitungsstellen zur Desillusionierung und auch zu Frustration in den östlichen Bezirken geführt hat. Einiges davon hätte der Gesetzgeber verhindern können, anderes wiederum die politische Leitung der jeweils zuständigen Behörde, aber auch die Schulaufsicht. Bewundernswert ist nach wie vor, mit welchem Schwung und pädagogischen Engagement die KollegInnen im Ostteil der Stadt an das für sie neue Berufsbildungssystem herangegangen sind. Auch im Jahr 2003 bekommen die verbeamten KollegInnen mit einer Ausbildung aus der ehemaligen DDR immer noch geringere Bezüge, ganz zu schweigen von denjenigen angestellten Lehrkräfte, die mehrere Vergütungsgruppen schlechter eingruppiert sind, weil der Gesetzgeber deren Abschlüsse im Einigungsvertrag und in der Zweiten Besoldungsübergangsverordnung offenbar übersehen hat.
OSZ-Ergänzungsprogramm
Unmittelbar nach der Wende wurde das OSZ-Ergänzungsprogramm ausgearbeitet. Mit diesem Programm sollten im Ostteil der Stadt die gleichen schulischen Verhältnisse wie im Westteil erreicht werden.
Jedoch spätestens seit Mitte der 90er Jahre war das OSZ-Ergänzungsprogramm geprägt von der finanziellen Situation des Landes Berlin, aber auch der sich verändernden Bildungsgangstruktur der Oberstufenzentren. VollzeitschülerInnen brauchen nun einmal die Klassenräume an jedem Schultag. Es gibt keine berufsbildende Schule und kein OSZ, die/das heute nicht unter Raumnot leiden. Wanderklassen, Unterricht in der 9. und 10. Stunde, Unterricht am Samstag sind alltäglich geworden. Wir haben nicht nur im Ostteil der Stadt marode Schulgebäude, Gebäude, in denen die Sanitärräume von den SchülerInnen nicht mehr aufgesucht werden. Eine Verwahrlosung der Schulstandorte droht oder ist schon eingetreten.
Wir haben allerdings auch neue Oberstufenzentren einweihen können: z.B. nach einer Planungs- und Bauzeit von mehr als 25 Jahren das OSZ Farbtechnik und Raumgestaltung.
Gründung des Landesschulamtes
Im Vorgriff auf die (gescheiterte) Länderfusion mit Brandenburg hatten sich die Bildungspolitiker der Großen Koalition vorgenommen, die Strukturen für ein "richtiges" Ministerium mit zweigestufter Zuständigkeit zu schaffen. Wichtiger aber war, direkten Zugriff auf mehr als 30.000 Lehrer zu haben. Die Vorbehalte der GEW gegen die Mammutbehörde haben sich bestätigt. Zahlreiche Umstrukturierungen innerhalb des LSA und nicht zuletzt die Auflösung bestätigten, dass diese Behörde weitgehend mit sich selbst beschäftigt war.
Für die berufsbildenden Schulen brachte die Zentralisierung der Schulträgerschaft zum Teil deutliche Verbesserungen, insbesondere in finanziellen Angelegenheiten. Wie von der GEW befürchtet, reduzierte sich aber der Kiezbezug der Schulen auf ein Minimum. Die GEW hat sich den neu geschaffenen Strukturen angepasst. Seit Ende der 90er Jahre gibt es in Berlin sowohl eine Abteilung berufsbildende Schulen als auch eine Referatsleitung berufliche Bildung.
Selbstständige Hüter der Mangelverwaltung
Bereits 1995 startete die damalige Senatsschulverwaltung das Modellprojekt "Schule in erweiterter Verantwortung". Es folgte 1999 die Errichtung der Projektgruppe SQIB (Schulqualität in Berlin) und der Start des Modellprojektes "Schulprogrammentwicklung und Evaluation". Geplant wurde als nächstes ein Rundschreiben über das Projekt "Schulprogrammentwicklung und Evaluation berufsbildender Schulen zur Entwicklung von Kompetenzzentren". Es wurde nie erlassen und liegt in der Schublade des letzten LSA-Leiters. Wieder einmal eine monatelange Arbeit für den Papierkorb. Neben der Entwicklung von Schulprogrammen ging es vor allem um die Evaluation der Schulen. Dazu erfolgen ab 2000 MitarbeiterInnenbefragungen vom Deutschen Institut für internationale pädagogische Forschung und der Humboldt-Universität Berlin (HUB). Daneben gab es von der HUB SchülerInnenbefragungen. Schulspezifische Ausschreibungen werden erprobt; dazu gibt es eine Arbeitsanweisung für schulische Ausschreibungen. In der Schulverwaltung entstehen Masterprofile für SchulleiterInnen. Mehrere OSZ beteiligen sich an der Fortbildung "Pädagogische Schulentwicklung (PSE)" beim Landesinstitut für Schule und Medien. Am 1. August 2001 startet befristet bis 31. Juli 2005 das Modellprojekt "Personalkostenbudgetierung an Schulen". An diesem Modellprojekt nehmen fünf Oberstufenzentren und die Staatliche Technikerschule sowie zwei allgemeinbildende Schulen teil. Die beteiligten Schulen erhalten, sofern sie unter 101 Prozent ausgestattet sind, ein Budget (2 Prozent der Personalmittel der Schule), das sie eigenverantwortlich bewirtschaften; u.a. können sie befristet für maximal 12 Monate Lehrkräfte und anderes schulisches Personal beschäftigen.
Noch vor dem Inkrafttreten des neuen Schulgesetzes (Februar 2004) startet die Senatsbildungsverwaltung zum Schuljahr 2003/04 ein neues Modellvorhaben "Eigenverantwortliche Schule". Die teilnehmenden berufsbildenden Schulen verpflichten sich die Arbeitsfelder Unterrichtsorganisation und Unterrichtsgestaltung sowie Qualitätssicherung und Rechenschaftslegung zu bearbeiten. Daneben können sie wählen, ob sie auch an den Arbeitsfeldern Personal- und Sachmittelbewirtschaftung teilnehmen wollen. Eine Teilnahme wird den Schulen ermöglicht, wenn Gesamt- und Schulkonferenz diese mit Zweidrittelmehrheit beschließen. Insgesamt acht berufsbildende Schulen nehmen an dem Modellvorhaben teil.
Während die Senatsverwaltung einerseits ein Modellvorhaben zur erweiterten Verantwortung der Schulen nach dem nächsten startet, verschlechtert sie andererseits genauso stetig die Ausstattung der Schulen. Zwischen 1992 und 2003 wird allein viermal die Unterrichtsverpflichtung für die LehrerInnen erhöht, einmal in Form von später zurückzuzahlender Arbeitszeitkonten. Eine schlechte Ausgangslage für Schulreformen.
Kompetenzzentren ohne Personal
Seit 1998 streicht die Senatsbildungsverwaltung kontinuierlich Stellen beim nichtunterrichtenden Personal der berufsbildenden Schulen. Erstes Opfer waren 1998 die Medienwarte. Finanzpolitische Vorgaben führten danach zu Stellenstreichungen bei Labortechnikern und 2002/03 zu Streichungen bei den Schulsekretärinnen, bei den Schulhausmeistern, bei den Hauswarten und Hallenwarten und den SozialpädagogInnen. Mit dem Haushalt 2004 wurden die Stellen aller Beschäftigten in den OSZ-Bibliotheken sowie weitere Stellen bei den Schulhauswarten, bei den Schreibkräften und bei den DruckerInnen gestrichen. Mit den Menschen werden allerdings die Aufgaben nicht verschwinden, sondern den verbleibenden MitarbeiterInnen erhalten bleiben. Und diese arbeiten seit der tariflichen Vereinbarung des Sommers 2003 wöchentlich mit acht Prozent geringerer Arbeitszeit und Einkommensverlusten in gleicher Höhe.
Bildungspolitisch dramatisch ist die Streichung der Stellen in den Bibliotheken. Noch verfügen die Oberstufenzentren über einzigartige Fachbibliotheken, die für das jeweilige Berufsfeld aufgebaut worden sind. Die Hälfte ist allerdings schon geschlossen. Pädagogisch unsinnig ist die Streichung der SozialpädagogInnen-Stellen. Gerade die Jugendlichen aus schwierigen sozialen Verhältnissen benötigen während der Berufsvorbereitung, aber auch in der Berufsausbildung Unterstützung, insbesondere in Zeiten, in denen Ausbildungsplätze Mangelware sind. Für 2005 sind weitere Stellenstreichungen beim technischen Personal geplant.
Ohne Geld geht es nicht
Die sächliche Ausstattung unserer Schulen ist erheblich schlechter geworden. Das betrifft in erster Linie die Lehr- und Lernmittel, wird sich aber in Kürze auch bemerkbar machen, wenn Ersatzanschaffungen im Bereich der EDV-Ausstattung und in den Werkstätten notwendig werden. Bei den Lernmitteln sind die Kürzungen besonders drastisch ausgefallen. Im Schuljahr 1998/99 standen den berufsbildenden Schulen für Lernmittel pro SchülerIn im Durchschnitt noch 95,46 DM pro Jahr zur Verfügung. 2002/03 lag der Durchschnittssatz nur noch bei 12,56 Euro.
Deutlich wird die Mittelkürzung auch bei den OBF-SchülerInnen, z.B. OBF im Berufsfeld I (Wirtschaft und Verwaltung) 2000/01 DM 105,00, 2002/03 nur noch 25,00 Euro.
Bereits im Sommer 2000 hat sich der Berliner Senat und mit ihm das Abgeordnetenhaus entschlossen, die Lernmittelfreiheit für die BerufsschülerInnen aus dem Schulgesetz zu streichen. Das führte in vielen berufsbildenden Schulen zu einer Halbierung des Schuletats. Diejenige, die sich in der beruflichen Bildung auskennt, weiß, dass von den Lernmittelzuweisungen nicht allein Schulbücher, sondern Nachschlagewerke, z.B. Gesetzestexte, Materialien für die Projektarbeit und moderne IuK-Techniken, aber auch Verbrauchsmittel wie Mehl, Eier, Holz, technische Gase, Tintenpatronen bezahlt werden.
Mit dem Schuljahr 2003/04 wurde die Eigenbeteiligung aller Eltern bei der Beschaffung der Lernmittel eingeführt. Das führte zur sofortigen Kürzung der Schuletats entsprechend der SchülerInnenzahl und zu teilweise chaotischen Verhältnissen beim Geldeinsammeln.
Lehrkräftebedarfsdeckung: Senat konzeptionslos
Die vergangenen 15 Jahre sind geprägt von Notmaßnahmen zur Deckung des BerufsschullehrerInnenbedarfs. Anfang der 90er Jahre überzeugte der Berliner Senat Diplom-Kaufleute, Diplomvolkswirte und andere Diplomierte, in den Vorbereitungsdienst an den Berufsschulen zu gehen. Er zahlte sogar Zulagen, um danach diejenigen, die die 2. Staatsprüfung abgelegt hatten, erst einmal wieder in die Arbeitslosigkeit zu schicken; denn der Senat erhöhte 1992 die Unterrichtsverpflichtung und vernichtete damit Einstellungsmöglichkeiten.
Ab 1997 wurde ein Teil des Bedarfes an Berufsschullehrkräften über den Abschluss einer Vereinbarung zur Beschäftigungssicherung zwischen der GEW BERLIN und dem Senat gedeckt. LehrerInnen aus den allgemeinbildenden Schulen wurden für den Einsatz in den berufsbildenden Schulen gewonnen. Viele dieser KollegInnen absolvierten ein Ergänzungs- oder Erweiterungsstudium an den Hochschulen, um sich für ein berufstheoretisches Fach zu qualifizieren. Auf Initiative der GEW BERLIN begannen 50 junge arbeitslose Lehrkräfte ab Januar 2000 eine vom Arbeitsamt finanzierte sechsmonatige Fortbildung in Wirtschaftslehre. Sowohl 1999 als auch 2002 wurde auch auf Drängen der GEW BERLIN das Lehrerbildungsgesetz geändert, sodass bis Ende Mai 2005 ein eng umrissener Kreis von Menschen genau definierter Diplomstudiengänge (QuereinsteigerInnen) in das Referendariat aufgenommen werden können. Und mit schulscharfen Ausschreibungen geht's auf die Suche nach Lehrkräften ohne volle Lehrbefähigung: Menschen mit fachlicher Qualifikation und pädagogischer Neigung sollen die Lehrer"löcher" zu stopfen, für die keine ausgebildeten BerufspädagogInnen mehr zu finden sind.
Ausbeutung der Personalressourcen
Neben allen Notmaßnahmen zur Gewinnung von Quer- und SeiteneinsteigerInnen kennen die Regierenden in dieser Stadt scheinbar nur noch eine weitere Antwort für die Personalbedarfs- und -entwicklungsplanung: Erhöhung der Unterrichtsverpflichtungen für im Dienst befindlichen Lehrkräfte. Die Folgen der Arbeitszeiterhöhungen 1992, 2000 und 2003 sind fatal: Der Lehrerberuf verliert an Attraktivität. Die Zahl der Lehramtsstudierenden reicht bei weitem nicht aus, um die absehbaren Lücken von 1900 Lehrkräften zu schließen. In den kommenden 10 Jahren wird fast die Hälfte der derzeit beschäftigten Berufsschullehrkräften aus dem Dienst ausscheiden. Unsere Kollegien sind überaltert, da nicht kontinuierlich junge LehrerInnen eingestellt wurden. Und seit dem Schuljahr 2003/04 unterrichten die LehrerInnen an den berufsbildenden Schulen vier Stunden mehr als 1992; für manch eine Kollegin noch mehr als sie 1992 hätte arbeiten müssen, da die Altersermäßigung in den Jahren 1992/93 und 1996/97 reduziert wurde und seit dem Jahr 2002/ 03 ganz weggefallen ist, ganz zu schweigen von der schleichenden Arbeitszeiterhöhung infolge von Frequenzerhöhungen.
Die ständige Erhöhung der Unterrichtsverpflichtung ist nicht nur bildungs-, sondern auch beschäftigungspolitischer Irrsinn. Während der Berliner Senat die Anfang 2003 verordnete Verlängerung der Arbeitszeit der Berliner Beamten im Sommer 2003 wieder zurücknahm, weil er die Beamten zum Verzicht auf das Urlaubsgeld und zur heftigen Reduzierung des Weihnachtsgelder "verdonnern" konnte, blieb es bei der erhöhten Unterrichtsstundenzahl für die Lehrerinnen und Lehrer.
Die Fassade steht noch - es besteht Einsturzgefahr
Trotz all dieser Umstände und Maßnahmen sollen scheinbar die KollegInnen motiviert werden, Schulprogramme und Konzepte für interne Evaluation zu entwickeln, sich neue Unterrichtsmethoden anzueignen, sich schnellstens auf neue Inhalte in Rahmenlehrplänen aufgrund neugeordneter oder neuer Berufe einzustellen und die neuen Inhalte in ihrem Unterricht umzusetzen.
Nebenbei sollen sie dann auch noch die Jugendlichen motivieren, die in den Warteschleifen der berufsbildenden Schulen gelandet sind, weil Ausbildungsplätze fehlen. Viele Gebäude sind nach 25 Jahren reichlich sanierungsbedürftig. An manchen Stellen besteht akute Einsturzgefahr. Happy Birthday!
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