| "Schafft die Geisteswissenschaften ab, und in fünfzig Jahren haben wir eine neue Diktatur", schrieb Andreas Karsten Schmidt in der letzten blz. Christof Jeggle findet diese These zwar nicht haltbar, begrüßt aber eine Diskussion über den Stellenwert der Geisteswissenschaften.
Nach den Erfahrungen des 20. Jahrhunderts, in dem Geisteswissenschaftler Diktaturen und autoritäre Regime aller Art nach Kräften gestützt und legitimiert haben, ist die These nicht haltbar, dass Geisteswissenschaften vor erneuten Diktaturen schützen. Diese zu kurz greifende Legitimation der Geisteswissenschaften verdeutlicht jedoch das Problem, das diese Fächer gegenwärtig haben. Das bildungsbürgerliche Ideal, das Bildung als Wert an sich hoch gehalten hat, ist gesellschaftlich nicht mehr mehrheitsfähig.
Die neue "Wissensgesellschaft" interessiert sich stärker für die gesellschaftliche Relevanz von Wissen, nicht umsonst wird in der Diskussion um die Reform der Schulbildung das "Lernen auf Vorrat" in Frage gestellt. Die Geisteswissenschaften müssten nicht allzu viel befürchten, wenn sie sich stärker gesellschaftlichen Anliegen öffnen würden und zu gegenwärtigen Fragen Wissen in verständlicher Form anböten. Im Moment kann man durchaus den Eindruck gewinnen, dass die Geisteswissenschaften in erster Linie mit sich selbst beschäftigt sind. Da geisteswissenschaftliche Forschungen häufig gesellschaftswissenschaftliche Grundlagenforschungen sind, die sich unmittelbarer ökonomischer Verwertung entziehen, sind sie in hohem Maße auf öffentliche Gelder angewiesen. Als Gegenleistung kann die Öffentlichkeit sehr wohl Wissensdienstleistungen verlangen. Leider haben die meisten GeisteswissenschaftlerInnen diese (eigentlich nicht so neue) Aufgabenstellung noch nicht wahrgenommen, sondern sehen sich schlicht als Opfer. Etablierte Fachkreise blockieren zudem fast jede Reform. Dabei wäre dringend zu diskutieren, wie wissenschaftliche Dienstleistung auf der einen sowie Qualitätssicherung und Unabhängigkeit wissenschaftlicher Forschung auf der anderen Seite gewährleistet werden können. Da es nicht nur um Fragen der inhaltlichen wissenschaftlichen Ausrichtung geht, sondern auch um Fragen der Arbeitsbedingungen, werden auch gewerkschaftliche Belange berührt.
Die GEW sollte sich stärker einmischen
Hinsichtlich der gegenwärtigen Veränderungen sollte die GEW als Interessenvertretung von ArbeitnehmerInnen zwei Aspekte offensiver thematisieren:
- Eine weitere Verschlechterung der Lage der geisteswissenschaftlichen Fächer beeinträchtigt die ohnehin schon unzulängliche fachwissenschaftliche Ausbildung der Hauptklientel der GEW, der LehrerInnen. Minimalistisch ausgestattete Fachbereiche werden die überfällige Reform der fachwissenschaftlichen Ausbildung nicht leisten können. Es wird also nicht nur zu wenige, sondern auch unzureichend ausgebildete LehrerInnen geben.
- Wegen der immer noch rückläufigen Stellen im Mittelbau und der Neuausrichtung der Nachwuchsrekrutierung durch das Juniorprofessorenmodell besteht die Gefahr, dass der jetzige Nachwuchs der Jahrgänge 1956-1970, der wesentliche Leistungen zur wissenschaftlichen Produktion in den Geistes- und Sozialwissenschaften beiträgt, aus dem Wissenschaftsbetrieb herausfällt. Neben den sozialen Problemen droht ein erheblicher Verlust von Fachkompetenz.
Reformabgeneigtes Verhalten wird gefördert
Die Geisteswissenschaften stehen noch vor dem Generationswechsel, die Chance einer damit verbundenen Reform wird durch den ständigen Ressourcenmangel und fehlende Nachwuchspflege eingeschränkt. Nachwuchs-WissenschaftlerInnen müssen sich in erster Linie mit dem Problem ihres wirtschaftlichen Überlebens beschäftigen und sehen ihre Zukunftschancen rapide schwinden. Der große Druck fördert angepasstes reformabgeneigtes Verhalten, konformes Wohlverhalten wird nach wie vor belohnt. Vor dem Hintergrund der sehr hohen Anforderungen und Erwartungen, die an zukünftige Bildungseinrichtungen gestellt werden, ist eine grundlegende Reform der Geisteswissenschaften unabdingbar. Diese verlangt jedoch erfahrene, kompetente und reformwillige FachvertreterInnen, die die Möglichkeit haben, neue Konzepte zu erarbeiten. In den Geisteswissenschaften haben diese oft die Altergrenze von 32 Jahren überschritten. Neben einem Drängen auf Veränderung sollte die Integration des älteren geisteswissenschaftlichen Nachwuchses ein vordringliches Anliegen der GEW bei der an sich begrüßenswerten Dienstrechtsreform sein.
Christof Jeggle |