Theaterstücke kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Ein kleines Theaterwunder im Wedding! Auch bei der 14. Folge ist das Prime Time noch quirlig, dicht, hat nichts von seiner Frische eingebüßt. Die vergnügliche Kiez-Story transportiert einiges an Gegenwart, ist also nicht nur flotte Unterhaltung, sondern soziologische Bestandsaufnahme mit Weddinger Lokalkolorit, übertragbar auch auf andere Wohnbezirke, ein Spiel mit politisch-emotionalen Problemen ohne lastend oder penetrant zu sein, ein Theaterspaß ohne Anbiederung. Erfreulich für den Herbst: mit dem Fortsetzungs- Krimi „Polizeiruf 65“ gibtes zusätzlich ein neues Parodie-Format (ab 14; besonders empfehlenswert für junge Theatergruppen – sie können erfahren, worin eigentlich die Wirkung von Theater besteht).
Das Obdachlosentheater Ratten überrascht in seinen „Räubern“ mit einem doppelten Franz Moor, einer eigenen eigenwilligen Interpretation, einer temperamentvollen Verteidigung der Außenseiter-Position. Für September ist „7. – stiehl ein bisschen weniger“ von Dario Fo angekündigt – sicherlich wieder eine gute Gelegenheit, (nach Vorbereitung!) in besondere Lebensformen hineinzuschauen, sich einem verdrängten Teil unserer Wirklichkeit zu stellen (ab 10. Klasse, im RAW,Revalerstraße).
„Anderwelt“, gespielt vom Jugendprojekt der Schaubühne, blickt von außen auf unsere Gegenwart, siedelt sich an in Virtualität und Zukunft, durch die unsere Realität von heute hindurchschimmert. Eine intensive Auseinandersetzung, in der ich mir höchstens mehr Eigenes, weniger bearbeitete Texte gewünscht hätte (Sek II).
„Parzelle Paradies“, eine Kleingarten-Performance in der Kolonie Bornholm 1, ist nicht nur ein Blick in eine besondere Realität, ein szenischer Spaziergang durch Schicksale und Lebensräume, sondern entdeckt in knappen Mono- und Dialogen und historischen Kommentaren das politisch Bewegende im Kleinen, vermittelt zwischen Selbstdarstellung und immanenter Kritik, zeigt die Nische als oftmals existentiell notwendige Großstadt-Korrektur: endlich einmal wieder intelligentes Theater! Die Aufführung ist rührend-komisch (wenn etwa Gartenzwerge Beckett zitieren) und tief berührend, sie wird rhythmisiert von hintergründigen Kommandos, macht fröhlich und nachdenklich: eine vom Abriss bedrohte, zwiespältige Idylle. – Die vielschichtig-bewegende, sich selbst immer wieder befragende und relativierende Szenenfolge ist für Berlin von besonderer Bedeutung: nicht nur wegen der „Grenzlage“ an der Bornholmer Straße. Sehr zu empfehlen!
Die Neuköllner Oper setzt ihre Erfolgsgeschichte fort (hoffentlich auch in Zukunft mit der neuen Leitung). „Elternabend“ bringt abwechselnd die Eltern eines selbst verwalteten Schülerladens und ihre Kinder auf die Bühne, meist witzig- satirisch, auch bitterböse und todtraurig, wenn Illusionen zerplatzen, die Fassade fällt. Szenisch-musikalisch brillant, eine frappierende und erhellende Grundsituation (jeder Darsteller spielt abwechselnd einen Erwachsenen und dessen Kind), die freilich zum Schluss nicht mehr aufgeht und eher notdürftig zu einem "end" gebracht wird. |