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Nr. 10 / 2004: Theaterstücke kritisch gesehen

Theaterstücke kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Große Pläne hat die Shakespeare-Company: sie will das Globe-Theatre nachbauen, der ersten Spatenstich ist erfolgt, Baubeginn soll 2005 sein. Die praktische Arbeit startete schon jetzt in einem gut bespielbaren Zelt in der Nähe des Ostbahnhofs: geschützt vor der Witterung, aber mit einer Atmosphäre wie draußen, nahe bei Wind, Regen, Sommerluft. Ein guter Start: die Company wagt sich an den „Sturm“ und meistert  ihn mit  acht SpielerInnen: eine süße Miranda, ein männlicher Prospero, eine (!) beweglich-bewegende Arielle und ein spielfreudig-kompetentes Ensemble, das virtuos durch gegensätzliche Rollen wirbelt. Ebenfalls im Zelt der „Sommernachtstraum“  als Gastspiel vom Potsdamer Poetenpack (gekürzt auf sieben SpielerInnen). Beide Inszenierungen bleiben nahe an Shakespeare: klassische Übersetzung, leicht bearbeitet mit einigen Modernismen und Aktualisierungen, eine verständliche Sprache, eine gute Einführung in eine wichtige Theatertradition (ab 15).-
Das Hexenkessel-Hoftheater spielt schon seit einigen Jahren höchst variabel im Monbijou-Park, zeigt in diesem Jahr zu „Julia und Romeo“ die seltener gespielte „Komödie der Irrungen“, eine Verwechslungsspiel um zwei Zwillingspaare. Die eigene Übersetzung und Bearbeitung, leider noch veralbert durch ein pseudo-chinesisches Vorspiel, ist auf fünf Darsteller so gekürzt, dass das Originalstück zum Schluss nur noch in Bruchstücken gespielt werden kann. Also keine gute Einführung in Shakespeare!
Ganz anders der  „Der Kreidekreis“, ein echter Fund. Klabunds Stück erweist sich als überaus spielbar, wird in der Interpretation der Gruppe Molino sorglich im Stil des klassischen chinesischen Theaters (Kostüme, Masken, Musik) realisiert und zeigt sich als eine poetisch-leichte, bewegende, nicht mit Ideologie befrachtete Geschichte. Ein junges Mädchen geht tapfer ihren Weg, ihre Arbeit wird schließlich belohnt - mit einem (durchaus nicht süßlichen) Happy end  (ab 14 – nach Vorbereitung auf den besonderen Stil!). -
„Vom märkischen Narren Hans Clawert“ – ein neues Stück, kommt eher altertümelnd daher; es passt gut als geformt-besinnlicher Kontrapunkt auf turbulente Mittelaltermärkte und Gauklerfeste, auch in den Innenhof im Deutschen historischen Museum (wo die Uraufführung stattfand). Als eigenes Stück kann es nicht überzeugen: eine Abenteuer- und Pointenreihung ohne durchgehende dramatische Spannung; Anspielungen auf die Gegenwart, aber kein scharfer Zugriff, keine Entschiedenheit. Die religiösen und sozialen Spannungen der Zeit werden zwar genannt, aber nicht spürbar. Zu brav also das Ganze (brauchbar als historisches Zeugnis ab 14).-
      

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