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Nr. 10/2001
SCHULKLEIDUNG... einen Versuch wert
Die Klassenlehrerin Marianne Strohmeyer berichtet über ihre Erfahrungen mit einem umstrittenen Versuch.

Knapp zwei Monate trug meine Klasse, die 8a des Willi-Graf-Gymnasiums in Steglitz, versuchsweise "Schuluniform", bestehend aus blauen Sporthosen, wahlweise lang und weit geschnitten oder für die Mädchen 7/8 Hosen, sowie hellblauen Polohemden und dunkelblauen Sweatshirts mit dem Schulemblem, der weißen Rose. Initiiert wurde dies durch einen Aufruf des Tagesspiegel. Aus Lust auf einen Versuch meldeten wir uns und wurden zusammen mit der 10. Klasse der Heinrich-Ferdinand-Eckert Schule aus Friedrichshain unter 50 Klassen ausgewählt. (Möglicherweise hat für uns gesprochen, dass wir das Thema im Unterricht behandelt hatten, die Klasse sehr heterogen zusammengesetzt ist und Mode für Teile der Klasse eine wichtige Rolle spielt.)

Versuch ja - Schuluniform nein

Eine Befragung der gesamten Schülerschaft unserer Schule vor dem Versuch hatte eine Ablehnung der Schuluniform ergeben. (48,17 Prozent hatten sich dagegen, 33,76 Prozent dafür ausgesprochen, 18,06 Prozent enthielten sich.) Meine Klasse war für den Versuch, aber nicht unbedingt für Schuluniformen. Zumindest hatte sich in einem Aufsatz im Herbst 2000 die Mehrheit der Schüler eher ablehnend dazu geäußert und für das Recht sich individuell zu kleiden plädiert.

Was hat sich durch den Modellversuch geändert? Eine klare Mehrheit der Klasse lehnt inzwischen die Schuluniform ab. "Es ist langweilig, immer dasselbe anzuziehen" (Linda, 15 Jahre) war ein Hauptgrund. Manche fühlten sich zunehmend verkleidet und eingeengt. Die Mädchen beklagten, dass nicht zwischen Jungen- und Mädchenkleidung unterschieden war. So wechselten sie nach der Abschlusspressekonferenz erleichtert wieder zu Adidas, Nike, Reebok und nabelfreien Tops. Die Bedeutung von Markenkleidung spielten die Schüler im Verlauf des Versuchs immer stärker herunter: "Bei uns gab es keinen Markenzwang." Wobei der Augenschein widerlegt, dass Marken keine große Rolle spielen und sich zeigt, dass die Meinungsführer(innen) in der Klasse mehr Einfluss haben als die Schüler zugeben. "Ich trage Markensachen, weil ich mich damit einfach besser fühle und damit etwas Besonderes habe, das nicht jeder hat."( Lisa, 15 Jahre)

Insgesamt schien zumindest während des Modellversuchs die Bejahung der Schuluniform durch die Jungen deutlich größer zu sein, obgleich auch die Mädchen sich anfänglich positiv äußerten. "Irgendwie habe ich mich schon ziemlich an diese Klamotten gewöhnt und fühle mich wohl!" (Sasskia, 14 Jahre, nach den ersten Tagen). Oder Sandra, 14 Jahre: "Ich finde es mit der Schuluniform auch gar nicht mehr peinlich, da ich sie nach der Schule, wenn ich zu Hause bin, meistens überhaupt nicht mehr ausziehen will!" Möglicherweise hatten aber auch die Meinungsführer(innen) die Rückkehr zur "individuellen Markenkonformität" eingeläutet.

Problematisch am Versuch war sicher, dass meine Klasse innerhalb der Schule eine Exotenrolle spielte, da ja die anderen Schüler keine Uniform trugen und den Versuch zum Teil auch mit abfälligen Bemerkungen begleiteten (vielleicht aus Neid auf die Sonderrolle der Klasse). Zugleich stärkte dieser Umstand das Zusammengehörigkeitsgefühl der Klasse und erforderte auch den Mut der einzelnen Klassenmitglieder. Hätten alle Schüler der Schule versuchsweise Uniform getragen, wäre das Ergebnis vielleicht anders ausgefallen.

Ein Grund für die zunehmende Ablehnung war sicher, dass die Schüler aus einer begrenzten Auswahl von Sportkleidung "ihre" Uniform aussuchen mussten und nicht - wie ursprünglich vorgesehen - ihre eigenen Vorstellungen im Hinblick auf Schnitt, Material und Farbe umsetzen konnten. So erwiesen sich z.B. die Synthetikhosen bei den hochsommerlichen Temperaturen als recht unangenehm.

Der Versuch löste ein unerwartet großes Medienecho aus, das eine normale Unterrichtssituation zumindest in meinen Stunden erschwerte. "Die nerven einfach. Am Anfang hat es, glaube ich, jedem gefallen, dass die Presse da war. Es war schön, dass wir ausgewählt wurden, das ehrt schon ein bisschen. Aber irgendwann haben die Journalisten die immer gleichen Fragen gestellt." (Andreas, 15 Jahre)

Positive Effekte

Trotzdem hat dieser Begleitumstand für die Klasse auch positive Ergebnisse gebracht. Das Selbstbewusstsein ist durch die vielen Interviews gestiegen, die Cliquenwirtschaft wurde etwas abgebaut und vor allem war ein berechtigter Stolz da, gemeinsam etwas geschafft zu haben. "Es war schon eigenartig: heute war eine ganz andere Stimmung in der Klase als sonst. Wir waren im Unterricht viel ruhiger und hörten einander irgendwie mehr zu und der Umgangston war auch nicht mehr ganz so aggressiv wie sonst. Ob das wohl an der Uniform lag?" (Michaela, 14 Jahre). Sicher kann man dagegen einwenden, dass das auch mit einem anderen Projekt, z.B. einer Theaterarbeit, hätte erreicht werden können, doch für die Erfahrung mit den Medien und für die Reflexion des individuellen Konsumverhaltens war dieser Versuch besonders geeignet und aufschlussreich.

Das, was an dem vielschichtigen Thema Schuluniform interessant ist, ist die Frage, inwieweit kann durch eine einheitliche Schulkleidung, - den medien-wirksamen Begriff "Uniform" finde ich nicht zutreffend -, der "modischen Rüstungsspirale", wie Christine Brasch in "Die Zeit" schreibt, Einhalt geboten werden und inwieweit ist es möglich, die Ausgrenzungsprozesse, die über die "falsche" Kleidung laufen, einzudämmen. Nach meiner Beobachtung sind vor allem Mädchen sehr rigide in der Aburteilung von Mitschülerinnen, die nicht die richtigen (Marken-)Klamotten tragen.

Positiv an einer gewissen einheitlichen Schulkleidung sehe ich aber auch die Möglichkeit, sich auf Wesentlicheres zu konzentrieren. Die Frage, was ziehe ich heute an? - für manche kostet sie nach eigenen Aussagen morgens 1 bis 1 1/2 Stunden - entfällt. Auch das "Abchecken", was die anderen tragen, ist nicht mehr so relevant, sodass man direkter zu Inhalten kommen kann.

Das Argument, die Konkurrenz verlagere sich dann auf andere Bereiche, wie z.B. Füller, Uhren usw., kann ich für den kurzen Versuchszeitraum nicht bestätigen. Diese Dinge sind ohnehin vorhanden und müssen nicht durch bessere ersetzt werden. Eher waren Versuche zu beobachten, durch das Weglassen der Polohemden oder das Anlegen von "Hundehalsketten" oder das Tönen der Haare Individualität herauszustellen. Auch im Hinblick auf die immer stärker um sich greifende "aesthetic correctness", von der der Erziehungswissenschaftler Thomas Ziehe im "Spiegel" spricht, (Hungern für die Traumfigur bis hin zu Schönheitsoperationen schon bei Jugendlichen) kann eine einheitliche Schulkleidung korrigierend wirken. Warum sollte nicht auch das Bekenntnis zur "eigenen" Schule über das Tragen einer in Grenzen einheitlichen Kleidung gefördert werden können?

Einheitliche Teilkleidung

Ich würde mich für eine Schulkleidung, die sich nur auf Oberteile beschränkt (wie in einer Hamburger Schule erprobt) und eine Variationsbreite zulässt, z.B. T-Shirt, Sweatshirt oder Polohemd, die wahlweise getragen werden, aussprechen, d.h. eher eine lockere, aber wahrnehmbare Einheitlichkeit bevorzugen, die einem Bedürfnis nach Individualität noch Spielraum lässt. Die größere Förmlichkeit, die durch eine gewisse Einheitlichkeit der Kleidung erzeugt wird, begrüße ich. Bauchfreie Tops und Strandkleidung haben in der Schule nichts zu suchen. Viele Kollegen beklagen die aufreizende Kleidung etlicher Mädchen und wünschen sich mehr "Förmlichkeit".

Die Diskussion geht weiter

Wie wird es an unserer Schule weiter gehen? Auch wenn in der Gesamtschülerschaft die Ablehnung einer Schulkleidung zugenommen hat bzw. diejenigen, denen bei der ersten Befragung die Möglichkeit einer Enthaltung eingeräumt worden war, sich bei der zweiten Befragung, bei der diese Möglichkeit fehlte, für "nein" entschieden - 67,65 Prozent der Schüler sprachen sich gegen Schuluniform aus, 32,35 Prozent dafür - werden wir das Thema innerhalb der Gremien weiter verfolgen. Die GEV begrüßte nämlich die Schulkleidung, obgleich dagegen eingewandt wurde, dass damit nicht eine Kostenersparnis verbunden sei, sondern eher mehr Kosten auf die Eltern zukämen, da ja trotzdem Kleidung für die Freizeit angeschafft werden müsse. Innerhalb der Elternschaft der Klasse war die Zustimmung erstaunlich groß, es wurde sogar der Wunsch nach weiterer Vereinheitlichung als im Modellversuch laut.

Das Kollegium zeigt sich exakt in zwei gleich große Lager gespalten. Viele derjenigen, die eine einheitliche Schulkleidung ablehnen, halten zum gegenwärtigen Zeitpunkt anderes, wie die Diskussion über grundsätzliche Werte, für wichtiger. Das ist unbestritten; ich sehe allerdings auch mit der Diskussion über Kleidung und Konsumverhalten wichtige Wertfragen angesprochen und eine gute Möglichkeit, Jugendlichen auf ihrer Suche nach individueller Identität ihre Abhängigkeit von Moden und Marken und ihre Verführbarkeit durch Werbe- und Verkaufsstrategien transparent zu machen, und kann abschließend nur feststellen: Das Experiment "Schulkleidung" war einen Versuch wert.

Marianne Strohmeyer

Die GEW diskutiert

Das Thema "Schuluniformen" wird auch in der GEW diskutiert, führte bislang allerdings noch nicht zu einem Beschluss. In einem Papier für den Hauptvorstand der GEW stellte Marianne Demmer (im Geschäftsführenden Vorstand für den Bereich Schule zuständig) folgende Position zur Diskussion:

Die verpflichtende Einführung von Schuluniformen sei abzulehnen, da Schulen keine "Anstalten" seien, in denen junge Menschen einem fremden Willen unterworfen werden dürfen. Denkbar sei allenfalls die probeweise, freiwillige Einführung von einheitlicher Schulkleidung in Form von T-Shirts oder Sweatshirts, bei deren Auswahl die SchülerInnen mitbestimmen können. Das Prinzip der Freiwilligkeit müsse uneingeschränkt für Schüler und Eltern gelten und die Schulkleidung dürfe außerdem nicht für fremde Werbezwecke eingesetzt werden.

Der mit großer Wahrscheinlichkeit bei der Einführung von einheitlicher Schulkleidung auftretende Gruppenzwang müsse schließlich pädagogisch aufgearbeitet werden: Es sollte ein Zeichen der Corporate Identity sein, aus selbstbewussten Individuen zu bestehen. Zweck der Gemeinsamkeit sollte das gegenseitige Helfen und Rücksichtnehmen sowie die Arbeit an gemeinsamen Projekten sein und nicht Ab- und Ausgrenzung gegenüber anderen.

Die probeweise Einführung müsse dann auch wissenschaftlich untersucht und ausgewertet werden.

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