| Über 800 TeilnehmerInnen haben den Berliner Bildungstagen einen großen Rahmen gegeben. Wir dokumentieren die Reden der Professoren van Leeuwen und Jürgens, das Manifest für die Zukunft der Bildung und blicken zurück auf einen erfolgreichen Kongress des Berliner Aktionsbündnisses "Zukunft für Bildung".
Strahlende Herbst-Sonne über der Berliner Humboldt-Universität. Ein Ort mit großer Tradition und ideal für einen Bildungskongress mit Plenum und 21 Foren. Elisabeth Willkomm und Klaus Schröder eröffneten für das Aktionsbündnis am 12. Oktober pünktlich den Kongress, dessen Ziel es war, im Vorfeld der Berliner Wahlen die Politik und die Berliner Politiker zu eindeutigen Zukunftsaussagen für die Bildung zu bewegen. Dieter Scholz, Vorsitzender des Deutschen Gewerkschaftsbundes Berlin-Brandenburg, gab dann den Ton vor. In einer kämpferischen Rede zum Thema Bildungsfinanzen und Steuerpolitik mahnte er ein eindeutiges Umsteuern zu einer anderen Gesellschaftspolitik an.
Chancengleichheit in der Bildung
Professor Eiko Jürgens aus Bielefeld knüpfte an den Ausspruch "Mehr Demokratie wagen" von Willy Brandt an und stellte in seinem Vortrag "Bildung (in) der Zukunft. Zukunft der Chancengleichheit" die humanen Pflichtaufgaben einer Demokratie in den Mittelpunkt. Er startete einen kollektiven Weckruf an all jene Politiker, für die Chancengleichheit in der Bildung schon lange kein Thema mehr ist. Bildung und Chancengleichheit bedingen einander. Die Permanenz der Bildungsbenachteiligung und die Entsolidarisierung als Folge ökonomischer Globalisierung haben zu einer stillen Umdefinition von Chancengleichheit geführt. Chancenungleichheit führt zu alltäglicher Ausgrenzung. Jürgens schließt mit dem Aufruf, Deutschland solle sich wieder so viel Bildung wie andere Länder leisten. In 21 Foren wurde im Anschluss jeweils zwei Stunden das Thema von ganz unterschiedlichen Seiten bearbeitet und vertieft.
Leibliches Wohl und "Bildung mal anders"
Für eine erstklassige Verpflegung der TagungsteilnehmerInnen sorgten Schülerfirmen mehrer Berliner Schulen, die am Projekt "Netzwerk Berliner Schülerfirmen" teilnehmen. Es waren dies die Richard-Keller-, die Berolina-, die Wilhelm-Busch-Schule und die Schule an der Malchower Aue. Das Abendprogramm war dann "mal anders". Matthias Rischau von der Bar jeder Vernunft hatte ein kurzweiliges aber doch bildendes Programm arrangiert. Eckart von Hirschhausen als Moderator und Entertainer hatte mit seinen spritzigen Beiträgen und Übergängen das Publikum voll auf seiner Seite. Soul-Sängerin Patricia Schwab und Pianist Uwe Matschke füllten den Saal mit Musik und erst Recht Cora Frost, die Königin des modernen Chansons und Meisterin des Skurrilen. Der "Chaotisch bunte Wanderzirkus Cabuwazi" präsentierte Ausschnitte aus dem neuen Programm. Abwechslungsreiche Beiträge brachten Martin Quilitz, der Klub Komiker und Kabarettist, Nino Sandow, der Schauspieler und Regisseur am Berliner Ensemble sowie der virtuose Geiger und begnadete Dirigent Stephan Frucht. Und dann erst Patrick Schleifer, Kultkomiker und "wahrer Sexgott Sachsens". Wenn Patrick auf die Bühne kommt, geraten Frauen in quietschende Verzückung. "Manche kriegen nie genug von mir und manche kennen mich gar nicht". Mit ihrem ehrenamtlichen Auftritt haben diese Künstler das Anliegen der Bildungstage kunstvoll unterstützt.
Öffentliche Bildung unter den Bedingungen der Globalisierung
Zu diesem Thema hielt Fred van Leeuwen, Generalsekretär der Bildungsinternationale (BI), ein spannendes Referat. Van Leeuwen ortete die Wurzel der Bildungsmisere in der internationalen Wirtschaftsunordnung, der zunehmenden Dominanz des Marktes auch im Bildungsbereich und belegte seine Thesen mit hartem Zahlenmaterial. Es beginnt meist mit der Deregulierung, führt dann über eine Gebührenphase zur Abhängigkeit von Sponsoren und führt am Ende immer zu einem System von Konkurrenz, Selektion und Ungleichheit. Bildung wird als Markt der Zukunft gesehen. Weltweit wurden dafür im vergangenen Jahr über eine Billion US Dollar ausgegeben. Eröffnet hatte den zweiten Tag Prof. Christaller vom Bündnis und Bernd Rissmann, stellv. Vorsitzender des DGB Berlin-Brandenburg, brachte mit geschickter Rhetorik den richtigen Schwung in den zweiten Tag.
Politikerin und Politiker
Zum Abschluss moderierte Ulrich Zelle eine Runde mit Sybill Klotz (Grüne/Bündnis 90) Peter Strieder (SPD) Gregor Gysi (PDS) Martin Matz (FDP). Als externe Fachleute standen Anja Schillhaneck (Asten), Matthias Rischau (Eltern) und Klaus Schröder (GEW) bereit, hatten es aber schwer, den PolitikerInnen ins Wort zu fallen. Diese stellten ihre Sichtweise der Berliner Bildungslandschaft kurzweilig und thesenartig, aber manchmal bar jeder Sachkenntnis dar. Eine exakte Darstellung der durchaus unterschiedlichen Positionen ist an dieser Stelle nicht möglich. Sie gingen von "Das Landesschulamt hat sich nicht bewährt" (Strieder) über Kindergärten sind Bildungseinrichtungen (Klotz), Verslummungstendenzen können wir in der Hauptstadt nicht zulassen (Gysi) bis zu 50.000 zu kürzenden Stellen im öffentlichen Dienst (Matz).
Eine Koalition für bessere Bildungsbedingungen von SPD, PDS und Grünen schien mir möglich.
Strieder hielt sich bei Koalitionsaussagen bedeckt und Gysi und Matz machten von ihrer gegenseitigen Abneigung in Sachfragen keinen Hehl. Da die FDP im Falle einer "Ampel" schon das Bildungsressort reklamiert haben soll, kann ich an dieser Stelle nur schon jetzt vor dem Prioritätenwechsel zu mehr Markt warnen. Und für alle, die nicht an den Bildungstagen teilnehmen konnten gilt: sie haben viel verpasst. Das gilt auch für Frank Steffel (CDU), der sich gedrückt hatte.
Das Bündnis für Bildung wird sich auf jeden Fall lautstark und fachlich in die kommenden Koalitionsverhandlungen einschalten und die Politik täte gut daran, auf diese Ratschläge zu hören.
Pit Rulff,
Verantwortlicher Redakteur der blz |