 |
Mit dem Vortrag von Prof. Dr. Eiko Jürgens von der Universität Bielefeld wurden die Bildungstage eröffnet. Für ihn steht fest: 98 Prozent der Schüler werden in der heutigen Schule nicht ausreichend gefördert. Von Chancengleichheit könne keine Rede sein. Wir drucken den Vortrag stark gekürzt ab, der vollständige Text ist im Internet verfügbar bzw. wird in die Dokumentation der Bildungstage aufgenommen.
Bildung (in) der Zukunft. Zukunft der Chancengleichheit
Die Sorgen der Bildungspolitiker konzentrieren sich auf die schwachen Schulleistungen der deutschen Schülerinnen und Schüler im internationalen Vergleich, und zwar vor allem deshalb, weil sie die deutschen Wirtschaftschancen im internationalen Wettbewerb gefährdet sehen. Die Angst, im Globalisierungsgerangel evtl. nicht an der Spitze dabei zu sein oder gar den Anschluss - woran eigentlich - zu verlieren, lässt sie einen bangen Blick besonders auf den geringen Anteil von Schülerinnen und Schülern mit Spitzenleistungen werfen. Nicht genug damit, dass unsere nachwachsende Generation im unteren Drittel der internationalen Champion League der mathematischen und naturwissenschaftlichen Schülerleistungen spielt, nein noch viel schlimmer, uns fehlt die Elite, jene Elite, die doch unseren wirtschaftlichen Erfolg sichern soll. Weil sie diesen Zustand für einen Skandal halten und teilweise sogar schon einen Abgesang auf die wirtschaftliche Macht der BR Deutschland anstimmen wollten, wenn sich nicht schleunigst daran etwas änderte, haben sie Konsequenzen gezogen.
Ohne nach dem Sinn von Leistungstests zu fragen, ohne darüber nachzudenken, ob das den internationalen Vergleichsstudien zu Grunde gelegte Leistungsverständnis überhaupt dem einer humanen und demokratischen Schule entspricht und ohne intensiver die Untersuchungslogik derartiger komparativer Forschungen zu hinterfragen, hat die Bildungspolitik dem Schulwesen zum einen eine Qualitätskur durch mehr Messen und mehr Vergleichen verschrieben und zum anderen hat sie die Ein-Prozent-Minderheit entdeckt. Das ist die angeblich bisher so schändlich vernachlässigte Gruppe der Hochbegabten. (...)
Kaum eine ernst zu nehmende Rolle scheint die Tatsache zu spielen, dass alljährlich ca. acht Prozent eines Altersjahrgangs unsere Schulen verlassen ohne überhaupt zu einem Abschluss gekommen zu sein. Auch scheint die Bildungspolitik nach wie vor die hohe Zahl der jährlichen "Sitzenbleiber", die rund 265.000 Schülerinnen und Schüler (davon allein 18.000 in Berlin) nicht als ein von ihr zu verantwortendes Fiasko wahrnehmen zu wollen. Ebenso wenig die vielen Einzelschicksale derjenigen, die durch diese schulische Maßnahme das Vertrauen in die eigene Leistungsfähigkeit und Lebenstüchtigkeit verloren haben, das Sitzenbleiben als ein Trauma erleben, welches sie ein Leben lang nicht wieder loslassen wird. Weiter scheinen die vielen lernschwächeren und bildungsbenachteiligten Kinder und Jugendlichen eher eine lästige Sorge, allenfalls eine die demokratische Fassade währende Pflicht zu sein, als eine die Humanität einer Gesellschaft auf die Probe stellende Herausforderung.
Vor diesem Hintergrund ist die Rede von der Qualitätssicherung im deutschen Schulwesen zwar gut inszeniert und populär, aber in der Sache selbst unehrlich und am Rand der Menschenverachtung. Denn mit der Qualitätsdebatte werden die Hochbegabten hofiert, die Durchschnittsleistungen als noch förderwürdig betrachtet, aber von denen, die Hilfe und Solidarität am nötigsten hätten, wird kaum gesprochen. (...)
Weil sich nach Prognosen der Nürnberger Bundesanstalt für Arbeit der Qualifikationsbedarf bis zum Jahr 2010 auf dem Arbeitsmarkt immens verändern wird, d.h. die höherqualifizierten Tätigkeiten nehmen danach von derzeit 28 Prozent auf 40 Prozent zu, die mittelqualifizierten Tätigkeiten bleiben mit etwa 43 bis 45 Prozent gleich und einfache Tätigkeiten gehen von derzeit ca. 27 Prozent auf rund 15 Prozent zurück, ist diese Gruppe besonders gefährdet, von der Berufswelt von vornherein ausgeschlossen zu werden bzw. sich allenfalls als die Reserve der Reserve auf dem Arbeitsmarkt anbieten zu können. (...)
Permanenz der Bildungsbenachteiligung
Die Zahl der höherqualifizierenden Abschlüsse ist in den zurückliegenden 30 Jahren zwar deutlich gestiegen, die bekannten sozialen und regionalen Ungleichheiten bestehen jedoch fort, viel an Verschiebung und Angleichung hat sich nicht ergeben. Noch immer ist die Anzahl der Bücher im Elternhaus ein wichtigerer Faktor beim Übergang zu den weiterführenden Schulen als die gezeigte Leistung. Zunehmende Bedeutung hat auch die Nationalität gewonnen. Kinder und Jugendliche ausländischer Familien haben vergleichsweise recht ungünstige Bildungschancen. Neben den sich verschärfenden klassischen Ungleichheitsbedingungen aufgrund von materieller, kultureller und sozialer Deprivation trifft Chancenungleichheit u.a. vor allem die Kinder alleinerziehender Mütter, aber im Grunde sind Kinder gefährdet, deren Mütter neben der Familienarbeit auch Erwerbsarbeit leisten bzw. leisten müssen. Es fehlt nicht nur an der nötigen Infrastruktur in Form eines flächendeckenden und qualifizierten Kindergarten- und Hortangebots, in Form von Freizeitangeboten und Ganztagsschulen, sondern es fehlt an der gesamtgesellschaftlichen Verantwortung der Politik, nicht nur der Bildungspolitik, Familien diese Angebote kostenlos zur Verfügung zu stellen. (...)
Entsolidarisierung als Folge ökonomischer Globalisierung
Bildung als Fähigkeit zur Selbstbestimmung, zur Mitbestimmung und zur Solidarität, vor allem mit denen, für die Selbst- und Mitbestimmung noch erkämpft werden müssen, wird deshalb ausgehöhlt, weil sich die modernen Zieldeklarationen nach Ausbildung und Qualifikation primär an denjenigen orientieren, die von dem gesellschaftlichen Umverteilungsprozess von unten nach oben profitieren und die in der Schule ein opportunes Vehikel sehen, ihre erworbenen Privilegien gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppen zu schützen. Offenbaren doch Studien zur Schulwahl das heimliche Motiv von Eltern aus diesen Kreisen, den eigenen Nachwuchs fernzuhalten von Kindern aus sozial niederen, mit einem geringeren kulturellen und materiellen Potenzial ausgestatteten Familien. Als Vision hinter dieser Art von schulischem Nützlichkeitsdenken, in das die Hochbegabtenförderung und Turbo-Klassen mit Turbo-Abitur, also Beschleunigungsmechanismen so reibungslos hineinpassen, steht eine Qualität von Schule, mit der sich konsequent aus dem gesellschaftlichen Auftrag verabschiedet und dem inneren sozialen Zusammenhalt schlichtweg gekündigt wird. Die gegenwärtige Qualitätsdebatte ist ebenso wie die allerorten ausgerufene Bildungsoffensive Rhetorik, schlechte zudem. Freiheit, Solidarität und Gleichheit werden noch beschworen von der Politik, aber es sind Phrasen. "In Wirklichkeit lassen die Politiker", sagt Bourdieu, der bekannte französische Soziologe, "der Globalisierung ihren Lauf. Sie bedienen sich schamlos eines Vokabulars der Freiheit, des Wohlstands für alle; dabei unterwerfen sie sich selbst und ihre Bürger den derart von ihren Fesseln befreiten Kräften der Ökonomie" (Spiegel 2001, 29, S. 1). Weil jedem klar ist, dass in Wahrheit Unfreiheit nicht nur in Form von Konsumabhängigkeit, sondern auch in Form geistiger Unfreiheit, schließlich werden Globalisierungsgegner mitunter schon als geistig Verwirrte bezeichnet und kriminalisiert als Terroristen, mit dem neoliberalen Globalisierungsprozess einhergeht, muss man einerseits den schulischen Bildungsbegriff entsprechend zurechtstutzen und andererseits die Erinnerung an die Hoffnung auf Chancengleichheit auf kleiner Flamme halten, in die Hinterzimmer der Bildungspolitik verbannen. Allenfalls als konsequenzenlose, unverbindliche Vokabel wird sie hin und wieder in blutleere Verlautbarungen eingestreut, um diejenigen ruhig zu stellen, die als unverbesserliche Träumer oder Don-Quichotte-gleiche Kämpfer immer noch an eine gerechte Gesellschaft mit Bildung für alle und mit Chancengleichheit für alle glauben. (...)
Chancenungleichheit als alltägliche Ausgrenzung
Die Zukurz-Gekommenen sind die mit Abstand größte Gruppe in unserem Schulsystem und sie ist in allen Schulformen zu finden, in der einen mehr, in der anderen weniger, aber grundsätzlich überall. Chancengleichheit ist nämlich kein Randproblem, sondern ein Hauptproblem der Schule.
Vermutlich haben die Bildungspolitiker tatsächlich Chancengleichheit gar nicht vergessen, sondern verdrängt, weil ihnen ihre Versäumnisse in puncto unterlassener Fürsorge für große Teile der heutigen Jugend einerseits schlaflose Nächte bereiten würden und andererseits die Verpflichtung zur Herstellung von Chancengleichheit ebenfalls deshalb verdrängt werden muss, weil es nicht in den Mainstream des Fortschrittsglaubens an eine bessere Welt durch mehr Markt und mehr Wettbewerb und noch mehr globalisierte Wirtschaft, in der sich jeder selbst der Nächste ist, passt. Auch diejenigen aus der Politik, die kein schlechtes Gewissen verspüren, sollten wissen, dass Ausgrenzung statt Einbindung, Gegensätzlichkeit statt Unterschiedlichkeit, Ausschluss statt Teilhabe, Egomanie statt Gemeinschaftlichkeit, Vereinzelung statt Solidarität den Zusammenhalt der Gesellschaft in ihren sozialen Fundamenten gefährden. (...)
Chancengleichheit anerkennt Differenz und Heterogenität
Ohne Zweifel kommt den gesellschaftlichen Strukturen große Bedeutung bei der Entstehung von Chancenungleichheit zu, und Sozialpolitik hat dort anzusetzen, um Benachteiligung abzubauen, aber den im Schulsystem stattfindenden Prozessen kommt bei der Erzeugung von Ungleichheit eine eigene Rolle zu. Schulische Erziehung und schulische Bildung sind keine Allheilmittel gegen Chancenungleichheit, aber sie können einen wichtigen Beitrag zu mehr Chancengleichheit leisten. Wichtig wäre generell eine stärkere Pädagogisierung der schulischen Arbeit. Das derzeitige Schulwesen bzw. Bildungswesen berücksichtigt nicht, in welch großem Maß sich die Kinder und Jugendlichen in ihren Voraussetzungen unterscheiden, in ihren sozialen, kulturellen und emotionalen Erfahrungen ebenso wie in ihren Lernstilen, Lernmotiven und Lernbiographien. Schulischer Unterricht ist immer noch trotz der lange gesicherten Erkenntnisse aus der anthropologischen Bedürfnisforschung, aus der Emotions-, Motivations- -und Lernpsychologie, aus der Neurobiologie und der Neurowissenschaft etc., die allesamt eine ganz andere Unterrichtsgestaltung nahe legen, überwiegend frontal organisiert und vom Grundsatz der Gleichschrittigkeit geprägt. Allen Schülerinnen und Schülern auf diese Weise gleichermaßen gerecht werden zu wollen - eine Fehlform von Chancengleichheit (!) - muss fehlschlagen, tatsächlich führt diese Unterrichtsorganisation dazu, niemanden richtig gerecht zu werden. Einige werden etwas, aber die Mehrzahl wird stark benachteiligt. (...)
Vielfalt und Verschiedenartigkeit als gemeinsame Chance für mehr Unterrichtsqualität ist das genaue Gegenstück zu mehr Unterrichtsqualität durch mehr Auslese und Vergleichstests. Schule wird nicht besser und dem Abbau von Chancenungleichheit wird nicht dadurch gedient, wenn künftig in den Schulen mehr und genauer gemessen wird. Der ehemalige hessische Kultusminister Holzapfel hat dies drastisch so ausgedrückt: "Die Sau wird nicht schwerer, je häufiger man sie wiegt!" Entscheidend ist Pflege, Fütterung etc. Die heutige Schule hat sich auf die vielfältigen gesellschaftlichen Veränderungsprozesse einzustellen, in denen Individualisierung einen hohen Stellenwert einnimmt. Kinder wachsen nun einmal anders, d.h. sehr viel stärker unter dem Zwang auf, ihr Leben selbst zu gestalten und zu planen. Individualisierung und Differenzierung sind gesellschaftlich vermittelt, Schule kann daran anknüpfen. Abschied vom Gleichschritt der Belehrung erfolgt einerseits im Respekt vor der Vielförmigkeit menschlicher Voraussetzungen und der menschlichen Fähigkeit zur Selbstbestimmung und andererseits der Achtung vor dem Demokratiegrundsatz der Integration und der Gemeinschaftlichkeit, der menschlichen Fähigkeit zur Solidarität.
Einbinden statt Ausgrenzen bedeutet ein anderes Bewusstsein im Umgang mit Heterogenität an den Tag zu legen. Wissen wie Migrantenkinder gefördert, wie Behinderte integriert, wie Hochbegabte zusätzlich gefordert, wie die langsam Lernenden an die Mindeststandards herangeführt, wie den Verhaltensauffälligen geholfen und wie die von Armut Bedrohten unterstützt werden können, sollte Maßstab von Unterrichtsqualität und schulischer Bildungsbemühungen sein. In Schweden mit seinem Gesamtschulsystem wechseln nach der 10. Klasse 76 Prozent der Schülerschaft zur gymnasialen Oberstufe. In Norwegen sind das sogar über 80 Prozent. Beide Länder belegten im internationalen Vergleich Spitzenplätze. Breitenförderung hilft diesen Staaten "exzellente Bestleistungen" zu erreichen, ohne Lernschwächere mit der Strafe des Sitzenbleibens zu bedrohen. Ohne Behinderte auszuschließen und Hochbegabte in exklusiven Förderkursen oder Profilklassen zu unterrichten. Es geht also, aber es geht anders als bei uns. Wir denken oft das in Gegensätzen, was anderswo zusammengedacht und zusammengebracht wird. Gemeinsamkeit und Differenzierung, Frühförderung und Vielfalt, Qualitätssicherung und Integration von Behinderten, Leistungsschule und Herzensbildung, Entfaltung der Menschenwürde und Ausbildung, dies sind keine Antinomien, sondern sie gehören zusammen. (...)
Bildung braucht Zeit, Lernen lässt sich beschleunigen
Unter dem Aspekt der wirtschaftlichen Nützlichkeit des "homo oeconomicus" und dessen Anpassung an den beschleunigten Zeittakt der sogenannten "Informations- und Wissensgesellschaft" verliert Bildung ihren Sinn und an ihre Stelle tritt Lernen als ein technisches Problem: "Man muss den Leuten beibringen, wie sie aus ihren eigenen Nützlichkeitsperspektiven heraus mit den zur Verfügung stehenden Medien sich selbst eine kleine Wissenswelt zusammen schustern können", fordert Norbert Bolz ganz im Mainstream der eindimensional argumentierenden Qualifikationstheoretiker liegend. Ein windschnittiger Lernbegriff (vgl. Grigat 2000, S. 363) wird zur Leitfunktion einer Schule, die "Lernen des Lernens" und "lebenslanges Lernen" als Schlüsselkompetenzen für ein "optimales Selbstmanagement inklusive professionellem Selbstmarketing" versteht. Lernen lässt sich beschleunigen, ist deshalb allein über die Zeitkomponente hervorragend für Auslese, Ausgrenzung, Abkoppelung geeignet. Scheinbar ganz gerecht und ganz objektiv. Wer zu langsam ist, muss warten, einen neuen Anlauf nehmen, soll die Schnelleren nicht aufhalten. Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben. Wer zu langsam ist, der fliegt raus. Bildung hingegen braucht Zeit! Bildung ist Entschleunigung des Lernens!
Die angekündigten Bildungsoffensiven sind deshalb auch keine Offensiven für mehr Bildung, sondern für die Entleerung der Schule von Bildung bei gleichzeitiger Verschnellung der Wissensaufnahme. Bildungsoffensiven sind das trojanische Pferd für den heimlichen Umbau der Schule. Für die Aufkündigung des demokratischen Konsens auf Achtung vor der Andersartigkeit. Sie sind die Rechtfertigung für Selektion und Zementierung von künstlichen Gegensätzen. Sie sind in Wahrheit die nützlichen Tarnkappen, um sich aus der politischen Verantwortung für mehr Chancengleichheit und mehr Bildung für alle zu verabschieden. Das nennen deren Verfechter dann Fortschritt. Wenn wir diesen Qualitätsbegriff nicht mittragen, die damit verbundene Konkurrenz unter den Schulen ebenso ablehnen, wie die darauf bezogenen strukturellen Maßnahmen zurückweisen, dann ist das nicht nur nicht mit Blick auf Länder wie Schweden und Norwegen sehr gut begründet, sondern unsere Pflicht, dem Rad dieser Art von Fortschritt in die Speichen zu greifen, weil das Grundgesetz unteilbar ist. Die Unantastbarkeit der Menschenwürde beweist sich nirgends mehr als in der Herstellung von Chancengleichheit und in dem Recht von Bildung für alle. Das Schulwesen krankt nicht an der angeblich so fahrlässig unterlassenen Förderung der Hochbegabung, sondern an der Vernachlässigung von Bildung für die 95 bis 98 Prozent anderen Schülerinnen und Schüler. (...)
Eiko Jürgens
Universität Bielefeld
Der Vortrag wurde gehalten auf dem Berliner Bildungstag am 12. Oktober 2001 und ist von der Redaktion stark gekürzt worden. |
 |