| Nebenan warten sie auf den Vertretungslehrer. Brüllen, Kreischen, Rumpeln, Poltern. In regelmäßigen Abständen wirft sich jemand gegen die Verbindungswand. Wir schreiben gerade eine Arbeit. Meine Schülerinnen und Schüler sehen mich vorwurfsvoll an. Also gebe ich ihnen die Gelegenheit zur "Rücksprache" untereinander, welche Formel hier und da wohl greifen könnte, und pilgere in den Klassenraum nach drüben. Dort tobt fröhliches Chaos. Ich stelle auf Bauchatmung um und brülle: "Seid ihr noch bei Trost?" Da erhebt sich aus dem Schülerrudel eine Kollegin und fragt irritiert: "Was ist denn los?" Ich bitte um Ruhe, weil wir gerade eine Arbeit schreiben, und komme mir blöd vor, eine Kollegin zu ermahnen. Es wird tatsächlich fünf Minuten lang etwas leiser. Dann kracht und johlt es weiter. Was soll ich tun? Mich noch mal unbeliebt machen? Hat nicht die Kollegin letztens auf einer Konferenz so hoheitsvoll erklärt, dass "produktive Unruhe" im Unterricht allemal förderlicher sei als diszipliniertes Strammsitzen, vielleicht noch im Frontalzwangsverband?
Im Lehrerzimmer ärgern wir uns, dass wir den Zeugnisunterschriften seit Wochen hinterherrennen. Ich erkläre sauer: "Beim dritten Vergessen müssen die Schüler bei mir etwas abschreiben." Lächelt einer der fortschrittlichen Pädagogen mokant: "Das ist ja eine mittelalterliche Pädagogik!" und enteilt kopfschüttelnd. Wenn seine Klasse in der Bücherei "arbeitet", hat keine andere Gruppe eine Chance, in Ruhe etwas zu lesen. Nicht mal einen bunten Comic. In dieser äußerst "kreativen Unruhe" bewerfen sich seine Kinder hinter den Regalen mit brandneuen Deutschlektüren. Ich mische mich diesmal nicht ein. Das ist sicher Freiarbeit oder selbstbestimmter Unterricht. Da lernen die Schüler eine Menge über Erdanziehung und freien Fall. In der Pause treffe ich dieselben liberal erzogenen Schüler im Flur: Einer liegt am Boden, der andere hält drohend einen Fuß über dessen Gesicht. Beide sehen ziemlich verbissen aus. Ich sortiere sie auseinander und informiere den Klassenlehrer. Er führt mir am Tag darauf triumphierend die beiden Kampfhähne zu, die erklären, es sei doch alles nur ein Scherz gewesen... Vielleicht sollte ich mal meinen verkniffenen Humor hinterfragen?
Spiel- und Sporttag im 7. Jahrgang. Ich muss in der Turnhalle eine fremde Klasse mit betreuen. Eigentlich mögen Siebtklässler Ballspiele. Aber nur 8 von diesen 32 Schülern haben Sportsachen dabei. Die anderen geben Fuß-, Frauenleiden und fehlende Motivation als Entschuldigungsgrund an. Der Klassenlehrer produziert zwei vorwurfsvolle Sätze: "Das finde ich jetzt aber gar nicht gut. Wer soll denn nun unsere Klasse beim Wettbewerb vertreten?" Dabei entfaltet er seine Zeitung und setzt sich bequem in eine Ecke. Die Kinder rennen voller Bewegungsfreude mit ihren Straßenschuhen über die Bänke, aber das sieht er ja glücklicherweise nicht mehr. Auch nicht, wie ich ihnen hinterhüpfe und sie zum Sitzen nötige. Ich bin sauer und denke: "Wenn das meine Schüler wären, würden wir jetzt im Klassenraum schön Rechtschreibung üben, wenn alle keine Lust haben, Sport zu machen." Als habe er meine Gedanken gehört, hebt der Kollege den Kopf von der Zeitung und murmelt: "Soll ich mich jetzt groß aufregen? Da bestrafe ich mich doch nur selber!"
Derselbe Kollege steht beim nächsten Wandertag, auf dem ich ihn leider begleiten muss, desorientiert auf dem U-Bahnsteig. Da er vorher nicht besprochen hat, wie so eine Fahrt abzulaufen hat, ist ein Teil der Kinder bereits eingestiegen, der andere steht mit mir weit entfernt am Fahrscheinautomaten und wird diesen Zug sicher nicht schaffen. Der Kollege winkt hektisch, alle steigen wieder aus. Die Bahn fährt an, das letzte Kind springt aus dem Waggon und fällt dabei hin. Gott sei Dank ist nichts passiert. Aber solchen Kollegen passiert ja seltsamerweise nie was, auch nicht, wenn sie auf Ausflügen stoisch vorneweg marschieren und ihnen die Klasse blindlings über die Straßen folgt. Die Autos werden schon anhalten. Fragt man als Begleitlehrer vor dem Ausflug, ob den Kindern alle Regeln klar sind, erntet man erstauntes bis mitleidiges Lächeln.
Dichterlesung. Der Schriftsteller kommt aus Israel, um deutsche Kinder über den Holocaust aufzuklären. Die meisten Schüler sind gebannt, betreten, traurig. Aber in der Runde von hundertfünfzig Besuchern gibt es auch einige, die ganz ungeniert quatschen und sich köstlich amüsieren. Ich drehe mich um und fauche fünf Reihen rückwärts, aber da ich nicht ihre direkte Bezugsperson bin, juckt das die vier Mädchen eines anderen Jahrgangs herzlich wenig. Ihre Begleitlehrer haben sich zu dritt in die letzte Reihe gesetzt. Da können sie die Lesung konzentrierter verfolgen als zwischen ihren kichernden Schülern.... Der Autor aus Israel, der seine Familie im Dritten Reich verloren hat, ist ein sehr gütiger, weiser und humorvoller Mann. Sonst würde er diese Vortragsreisen quer durchs Neue Deutschland kaum aushalten. Er bittet die Gruppe um etwas mehr Ruhe, aber unterdrücktes Kichern ist weiter zu hören. Nicht einer der Kollegen, die ganz in der Nähe sitzen, fühlt sich bemüßigt, die zehn Quatscher zu beruhigen oder gegebenenfalls hinauszuschicken. Wenn ich mich jetzt durch die Stuhlreihen nach hinten drängle und mit ihnen anfange zu streiten, bringt das noch mehr Unruhe in die Diskussion. Voller Wut warte ich auf das Ende der Veranstaltung. Eine der Kolleginnen erklärt mir tadelnd: "Du hast aber enge Toleranzgrenzen. Bei so einem Thema ist es doch ganz normal, dass die Kinder herumalbern und quatschen. Das ist einfach eine Art Abwehr, um sich von dem schrecklichen Thema abzulenken." Was soll man da noch sagen?
Aber im Gegensatz zu "uns mittelalterlichen Pädagogen" sind diese "modernen" Kollegen wahre Menschenfreunde: Sich selbst gegenüber...
Gabriele Frydrych |