| Beobachtungen und Eindrücke von einer Bildungsreise zu den skandinavischen Nachbarn
Schwedische SchülerInnen schneiden in internationalen Tests besser als die deutschen ab. Angeregt durch die Ergebnisse des TIMSS/III-Abschlussberichts von Jürgen Baumert, Leiter des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung in Berlin, wollte es die Autorin genau wissen: Wie erreicht Schweden das, woran es in Deutschland mangelt?
Baumert hat bei der Präsentation seines umfangreichen Abschlussberichts am Beispiel von Norwegen und Schweden auf den Zusammenhang zwischen Öffnung der Bildungswege zum Abitur und den Spitzenleistungen in der Oberstufe hingewiesen. Bei hoher Bildungsbeteiligung schälten sich in Skandinavien viel mehr Schüler mit Spitzenleistungen heraus als bei "restriktivem Zugang" zum Gymnasium, so der Bildungsforscher mit kritischem Blick auf die deutschen Schulverhältnisse.
Während die Schweden es normal und überhaupt nicht bemerkenswert finden, dass 70,6 Prozent der Schüler in die gymnasiale Oberstufe überwechseln, sind es bei uns lediglich 25 Prozent, die den Sprung schaffen. Und selbst diese magere Quote scheint einigen noch viel zu hoch.
Ausschöpfung aller Bildungspotenziale für alle Kinder
Dies ist der Anspruch des schwedischen Schulsystems. Damit verzichtet es auf die Selektivität, wie wir sie durch die weiterführenden Schulformen nach der Grundschule pflegen. So ist die schwedische Grundschule die Pflichtschule für praktisch alle Kinder und Jugendlichen. Sie umfasst die Klassen 1 bis 9, ihr vorgeschaltet ist eine einjährige Vorschulklasse für die 6-Jährigen. Sonderschulen gibt es nur für ganz wenige.
Die Schweden haben eine Lernkultur entwickelt, die Heterogenität auch im Bereich der Leistungen nicht nur akzeptiert, sondern positiv für den individuellen Lernprozess nutzt. Anstrengungsbereitschaft und Leistung, davon sind sie überzeugt, wachsen aus Selbstvertrauen und Lernermutigung.
Dazu passen die vielen familienähnlichen Elemente des schwedischen Schullebens: Die Klassen sind meist wesentlich kleiner als bei uns. Sie umfassen im Schnitt 22 Schüler und sind eine gute Grundlage für individuelle Zuwendung und für ein individuelles Unterrichtsarrangement, in dem der Lehrer als Coach auftritt.
Selbstverständlich werden die Schulen als Ganztagsschulen geführt. Es ist üblich, in Lehrerteams zu arbeiten, die jeweils Klassen mehrerer Jahrgänge durchgängig begleiten und damit als "Schulen in der Schule" für Überschaubarkeit, Orientierung und sozialen Zusammenhalt sorgen. Professionellen Austausch gewährleistet die verpflichtende Anwesenheit der Lehrer in der Schule mit eigenen PC-Arbeitsplätzen und festen wöchentlichen Konferenzen. Das Lernen in jahrgangsübergreifenden Gruppen ist sehr viel stärker verbreitet als bei uns. Es setzt auf Lernen in sozialen Bezügen statt in Konkurrenz. Für Schüler mit Lernproblemen gibt es maßgeschneiderte individuelle Programme. Darauf haben sie einen Rechtsanspruch. Selbstverständlich sind Migranten und Flüchtlinge einbezogen.
Äußere Differenzierung
Es gibt Diskussionen an Schulen darüber, ob die Einführung der äußeren Fachleistungsdifferenzierung, z. B. in Mathematik oder Englisch, die individuellen Lernleistungen nicht doch verbessern könnte. Freimütig berichtet die Schulleiterin der Vasaskolan in Skövde, dass ihr Kollegium mit Unterstützung der Eltern einen Versuch gemacht habe, das Verbot der äußeren Fachleistungsdifferenzierung zu unterlaufen. Man habe die Klassen 8 und 9 zwischen Leistungsgruppen auf drei Niveaus wählen lassen. "In kürzester Zeit haben wir erkannt: Die guten Schüler haben keinen Vorteil von dem Arrangement, aber den Lernschwächeren schadet eine Trennung nach Leistung sehr. Wir sind überzeugt zu unserem alten System zurückgekehrt."
Noten als leistungssteigernde Mittel? Nein, danke!
Es gibt in Schweden nicht die bei uns verbreitete Notengläubigkeit. Schweden bevorzugt stattdessen Lernberichte, die mit den Schülern und ihren Eltern zweimal im Jahr besprochen werden. Auch Varianten wie an der Stöpenskolan werden praktiziert. Dort sind nicht nur die Berichte der Lehrer, sondern auch die Selbsteinschätzungen der Schüler in schriftlicher Form Grundlage für die gemeinsamen Gespräche. Erst am Ende von Klasse 8 kommen Noten ins Spiel.
Nationale Tests sind in Klasse 5 und 9 üblich, aber nicht vorgeschrieben. Die meisten Lehrkräfte nutzen sie. Sie ziehen kein öffentliches Ranking der Schulen nach sich, sondern sind eine interne Information für das Skolverket, den schwedischen Pädagogischen Dienst. Dieser wiederum gibt gegenüber der Regierung in regelmäßigen Berichten Empfehlungen zur Entwicklung des Schulsystems ab. Für die Schulen sind die Tests eine Rückmeldung, wieweit sie mit ihren Schülern die landeseinheitlichen Lernziele erreichen können. Auch eine andere deutsche Spezialität, das Sitzenbleiben, ist in schwedischen Schulen nicht bekannt. Stattdessen greift im Bedarfsfall das System der individuellen Förderung durch individuelle Programme. Sie sollen dem Einzelnen wieder den Anschluss ermöglichen.
Die Oberstufe: bei gleicher Zielsetzung getrennte Wege unter einem Dach
Die typisch deutsche Trennung von allgemeiner/voruniversitärer und beruflicher Bildung mit der geringeren Wertschätzung der beruflichen gegenüber der allgemeinen gibt es in Schweden nicht. Beide Zweige finden unter einem Dach statt. Die dreijährige Oberstufe umfasst siebzehn nationale Programme. Dreizehn von ihnen verbinden berufliche und allgemeine Bildung und führen zu einem beruflichen Abschluss. Vier Programme (Kunst, Naturwissenschaften, Sozialwissenschaften und Technologie) sind eher theoretisch angelegt und führen direkt ins Studium.
Die berufliche Ausbildung basiert auf einer breiten Allgemeinbildung von acht Fächern und weist als Einladung zum lebenslangen Lernen über sich selbst hinaus. Nach erfolgreichem Abschluss ermöglicht sie mit dem Erwerb von Zusatzqualifikationen den Hochschulzugang. Auch in der Oberstufe gilt, dass Jugendliche mit Lernschwierigkeiten individuell unterstützt werden. Zur Verbesserung der Integrationschancen von Jugendlichen mit "special needs" sind die individuellen Programme auf 4 Jahre angelegt. Die gemeinsamen Oberstufen sind größer als unsere gymnasialen Oberstufen. Sie können deshalb auch im Wahlbereich vielfältigere Angebote und eine gute Ausstattung vorhalten.
Selbstständigkeit der Schulen
Mit der Kommunalisierung hat sich die Verantwortung für die konkrete Ausgestaltung des Schulwesens vom Staat auf die Kommunen und die Schulen verlagert. Die Schulen haben weitgehende curriculare Freiheit, da die neuen nationalen Curricula nur Zielformulierungen enthalten. Sie müssen aber der Kommune ihren schuleigenen Lehrplan vorlegen. Die Kommunen erarbeiten in Abstimmung mit den Schulen einen Schulentwicklungsplan, der auch gleichzeitig Rechenschaft ablegt über die Verwendung staatlicher Gelder und die Umsetzung der allgemeinen Rahmenvorgaben. Er weist die "innere Schulentwicklung" der Schulen ebenso aus wie die klassischen planerischen Aufgaben, die unsere Schulträger zu erfüllen haben.
Gerüstet fürs 21. Jahrhundert
Die schwedischen Schulen sind für das Lernen im 21. Jahrhundert unvergleichlich besser gerüstet als die deutschen, auch wenn sie nicht unberührt von Problemen der Ökonomie sind. Eine schlechtere wirtschaftliche Lage hat in den letzten Jahren zu Gehaltskürzungen bei den Lehrern geführt. Gleichzeitig sind viele Neuerungen in Kraft getreten, die die Lehrer meistern mussten.
Die Altersstruktur der Kollegien ist unserer vergleichbar. Aus dem Gefühl der Überforderung kann Resignation und Müdigkeit erwachsen. Hier ist die Verantwortung der schwedischen Bildungspolitik gefragt. Eine kürzlich veröffentlichte Erklärung "A school for all" kündigt den Gemeinden bei jetzt verbesserter wirtschaftlicher Lage erhebliche zusätzliche Mittel an, um mehr Lehrkräfte für noch bessere individuelle Lernhilfen einstellen zu können.
In Deutschland dagegen ist die Lage sehr viel komplizierter und problematischer. Unser Bildungssystem braucht einen Richtungswechsel. Mit dem Irrglauben, dass nur eine selektive Bildungsbeteiligung Qualität verspricht, verfehlt es nicht nur den jeweils Einzelnen mit seinem Recht auf Bildung, sondern auch den gesellschaftlichen Bedarf an beruflich und akademisch gebildeten Menschen.
Brigitte Schumann
Frühere bildungspolitische Sprecherin der Bündnisgrünen im NRW Landtag.
Wir bedanken uns bei der Autorin für die Nachdruckerlaubnis. Der Artikel ist zuerst in der Frankfurter Rundschau am 28.6.01 erschienen. |