Hat sich der ganze Aufwand gelohnt?
Über den Ertrag der Vergleichsarbeiten.
von Erhard Laube, Grundschulleiter in Schöneberg
Ich bin für Vergleichsarbeiten! Sie können der Standortbestimmung des Schülers, der Klasse, der Schule oder eines Landes dienen. Ohne Standortbestimmung kann Schule kaum ernsthaft die Frage nach ihrer Qualität stellen. Von der Auswertung der Ergebnisse erwarte ich Anregungen, in welche Richtung Veränderungen einer Schule zur Verbesserung der Qualität des Unterrichts gehen sollten. Dazu brauchen wir Antworten auf die Frage, wie z.B. unterschiedliche Ergebnisse von Klassen zu erklären sind. So heißt es auch in der AV Vergleichsarbeiten: "... leisten einen Beitrag zur Verbesserung des Unterrichts und unterstützen die Lehrkräfte bei der Einschätzung ihrer Unterrichtsergebnisse, der Auswahl geeigneter Fördermaßnahmen und stärken ihre diagnostischen Kompetenzen."
Vor den Sommerferien wurden in allen zweiten Klassen Orientierungsarbeiten in Deutsch und Mathematik geschrieben, nach den Sommerferien Vergleichsarbeiten (Vera) in den vierten Klassen , ebenfalls in Deutsch und Mathematik. Bei den Orientierungsarbeiten im Frühjahr war der Aufwand schon hoch, bei "Vera" extrem. 28 Aufgabenseiten pro Schüler (13 Seiten für Mathematik, 15 Seiten für Deutsch!), 22 Seiten Auswertungshinweise für Mathematik und 31 Seiten für Deutsch. Der Arbeitsaufwand für Lehrkräfte pro Fach lag - nicht übertrieben - bei 12 bis 20 Stunden! So mal nebenbei! Deshalb sollte unbedingt ein zeitlicher Ausgleich gewährt werden. Das geht auch nachträglich! Es ist nicht einzusehen, warum es in Rheinland-Pfalz und NRW einen freien Tag gibt, bei uns aber nicht.
Und was hat uns das Ganze gebracht? Wir wissen aus den Ergebnissen der Orientierungsarbeiten, wie die einzelne Klasse im Verhältnis zu den Parallelklassen und wie die Einzelschule im Vergleich zum Berliner Durchschnitt abgeschnitten hat. Wir wissen auch, welche Aufgaben der einzelne Schüler richtig oder falsch gelöst hat. Wir wissen aber nicht, warum er (oder auch die Klasse) erfolgreich war oder nicht. Sind die Unterschiede beispielsweise durch die Zusammensetzung der Schülerschaft, durch die Unterrichtsmethode oder mit der pädagogischen Kompetenz der Lehrkraft zu erklären? Antworten und Hilfe auf diese schwierige und entscheidende Frage zur Verbesserung schulischer Leistungen gab es nicht!
Viele empörten sich darüber, zahlreiche Aufgaben bei Vera hätten keinen Bezug zum Rahmenplan. Stimmt! Sie gingen an der Lebenswirklichkeit von Kindern in Berlin vorbei. Auch richtig! Und vor allem Kinder nichtdeutscher Herkunftssprache verstünden viele Arbeitsanweisungen nicht, erst recht nicht Redewendungen wie "sich etwas aus dem Kopf schlagen". Wohl wahr!
Andererseits: Warum sollte man nicht testen dürfen, was Kinder einer bestimmten Altersgruppe in Deutschland können - unabhängig vom Wohnort? Dann aber lohnte sich der Aufwand nicht. Dann würde alle drei Jahre eine repräsentative Stichprobe ausreichen! Will man aber wissen, unter welchen Bedingungen Schüler am besten lernen, müssten sich die Aufgaben am Rahmenplan orientieren und Lernausgangsuntersuchungen am Anfang stehen.
Eine große Gefahr sehe ich in Folgendem: Wir haben seit dem Sommer neue Rahmenpläne. Die angestrebte Handlungskompetenz umfasst Sachkompetenz, Methodenkompetenz, soziale und personale Kompetenz. Ich fürchte, dass dieser pädagogisch begrüßenswerte Ansatz nicht ernsthaft verfolgt wird, wenn einseitig auf Sachkompetenz bezogene Vergleichsarbeiten einen zu hohen Stellenwert erhalten. Aufwand und Nutzen standen 2004 in keinem sinnvollen Verhältnis. Zu klären ist vor allem: Welche Informationen sollen Vergleichsarbeiten liefern? Von der Beantwortung dieser Frage hängt die notwendige Veränderung des Testaufbaus ab!
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