Unsichere Situation
Ein staatliches Fach LER könnte zu Entlassungen von Religions- und Lebenskundelehrkräften führen.
von Olaf Schäfer, Lebenskundelehrer
Michael Müller, Fraktionsvorsitzender der SPD ließ durch die Presse mitteilen, dass das Berliner Modell des Religions- und Weltanschauungsunterrichts geändert werden soll (Tagesspiegel, 13.9.04). Nachdem Klaus Böger sich mehrmals an diesem Vorhaben die Zähne ausgebissen hat, meint Müller nun, dass es gelingen könnte bis 2006 entweder ein Wahlpflichtmodell oder ein staatliches Fach vergleichbar dem Brandenburger LER-Modell einzuführen.
Für die jetzt arbeitenden Kollegen ist die erneute Diskussion um den Religions- und Weltanschauungsunterricht mit starken Ängsten verbunden, da nicht klar ist, was bei einer Änderung des jetzigen Modells mit den bestehenden Lehrkräften geschieht. So wären bei Einführung des LER-Modells alle hauptamtlichen Religions- und Lebenskundelehrkräfte von Entlassung bedroht, da LER die bestehenden Fächer verdrängen würde. Im Falle eines Wahlpflichtmodells wären wahrscheinlich "nur" die rund 200 hauptamtlichen Lebenskundelehrkräfte gefährdet, da die weltliche Alternative dann "Ethik" hieße. Über die Presse ließ der Schulsenator inzwischen verlautbaren, dass möglicherweise bei Änderungen die Lebenskundelehrkräfte vom Senat übernommen würden (Morgenpost, 18.9.04).
Dabei ist die Situation für die jetzt arbeitenden Kollegen schon ohne diese Diskussion sehr bedrückend, da der Senat die Arbeitsbedingungen bereits jetzt erheblich verschlechtert hat. So wurde die Mindestgruppengröße an Gymnasien und für Religionslehrkräfte erhöht. Außerdem wurden die Zuschüsse für Lehr- und Lernmittel gestrichen.
Religions- und Lebenskundelehrkräfte müssen somit notwendig von ihren Arbeitgebern ermahnt werden, möglichst viele "Kunden", sprich SchülerInnen, zu bedienen, damit die Refinanzierung durch den Senat gesichert ist. Religionslehrkräfte beispielsweise im Osten aber auch Lebenskundelehrkräfte können die vom Arbeitsgeber geforderte Quote jedoch oft nicht bringen, was nicht unbedingt an ihnen liegt, sondern an Umständen, die sie nicht beeinflussen können. Schon eine Schulsekretärin oder ein Klassenlehrer, der einen bestimmten Unterricht ablehnt, kann das Bemühen einer Lehrkraft zunichte machen.
Lehrkräften, die nicht entsprechende Schülerzahlen vorweisen, droht neben dem obligatorischen psychischen Druck des Arbeitsgebers die Versetzung oder die Reduzierung ihrer Stundenzahl. Dass viele dieser Lehrkräfte an mehreren Schulen arbeiten, oft keine eigenen Räume haben und statt dessen entweder jede Stunde in einem anderen Raum unterrichten oder mit Behelfsräumen vorlieb nehmen, sei hier nur angemerkt.
All dies kommt hinzu zu den normalen psychischen Belastungen, die das Schulleben mit sich bringt. Dabei müssen die Lehrkräfte meist "gut drauf" sein, denn der Unterricht auf freiwilliger Basis lebt von der Freude der Lehrkraft und der SchülerInnen. Nicht selten arbeiten die KollegInnen auch zusätzlich, führen Exkursionen und Schülerfahrten durch, beteiligen sich in den Schulgremien, organisieren Lehrerfortbildungen, Weihnachtsfeiern etc. und setzen oft noch eigenes Geld ein, denn andere Mittel haben sie ja nicht mehr zur Verfügung.
Nicht selten bleiben sie aber auch exotische Randfiguren im Kollegium. Wer zwei Schulen gleichzeitig bedienen muss, wird sich schwer in beide Kollegien gleichzeitig integrieren können. Stimmberechtigt sind sie als "Schulfremde" auf Gesamtkonferenzen ohnehin nicht. Die Gesamtsituation der KollegInnen ist also in der Regel ziemlich unbefriedigend.
Der Berliner Senat ist daher aufzufordern, die Arbeitsbedingungen der Religions- und Lebenskundelehrkräfte nicht noch weiter zu verschlechtern und die oft sehr engagiert arbeitenden KollegInnen nicht zusätzlich durch eine weitere unsinnige Diskussion über die Zukunft ihrer Fächer zu verunsichern. |