Das Chaos wächst
Klaus Böger reformiert die Kitas und die Grundschule zu Grunde.
von Klaus Schroeder, Leiter des Referats Jugendhilfe und Sozialarbeit
Der Bildungssenator muss sich an seinen Versprechen messen lassen. Wenn sein Erfolgsprogramm weiterhin so viele Proteste und Misserfolge produziert, könnte das schnell das Ende der Ära Böger bedeuten. Das Reformjahr 2005 entscheidet auch über das politische Schicksal von Klaus Böger." (Berliner Morgenpost vom 8.11.04) Was ist passiert, dass die Berliner Morgenpost den Bildungssenator fast unverhohlen zum Rücktritt auffordert? Wohlgemerkt, die Morgenpost, nicht die GEW BERLIN!
Zu Recht beklagen Eltern, ErzieherInnen, Lehrkräfte und die Fachöffentlichkeit das Chaos, das Senator Böger mit der Gleichzeitigkeit der Umorganisation in den Kitas und den Grundschulen verursacht: Für das Jahr 2005 sind weiterhin erhebliche Umstrukturierungen in Kitas und Grundschule geplant. Das Thema, das die Öffentlichkeit zur Zeit am meisten bewegt, ist die beabsichtigte Verlagerung aller Kita-Hortplätze in die Schulen zum August 2005. Zusätzlich müssen die Schulen zum selben Datum 13 000 Erstklässler mehr verkraften. Schon mit dem Beginn des Schuljahres 2004/2005 sind die Hortplätze der Kitas der Ostberliner Bezirke nahezu vollständig und etliche Hortplätze in den Westbezirken in die Grundschulen verlagert worden. Diese Planung geht trotz aller öffentlichen Verlautbarungen nicht in erster Linie zurück auf den vorrangigen Wunsch des Senats, eine bildungspolitisch verbesserte Situation für die Kinder im Grundschulalter zu schaffen, die Planung geht zurück auf den Bericht der so genannten "Scholz-Kommission" zur "Staatsaufgabenkritik".
Die Trennung der Bereiche Jugendhilfe und Schule nach dem Alter der Kinder (bis zum Schuleintritt/nach dem Schuleintritt) ist von der Scholz-Kommission vorgeschlagen worden, um Geld einzusparen. "Reduzierung des Anteils von Kindertagesbetreuungsangeboten in städtischer Trägerschaft durch Übertragung von Plätzen bzw. Mittel auf den Schulbereich und Schaffung eines einheitlichen offenen Ganztagsangebots für Schulkinder" (Vorschlag der o.g. Kommission).
Die Reduzierung des Anteils der kommunalen Angebote soll nach Beschluss des Abgeordnetenhauses 30 Millionen jährlich "einsparen".
Gleichwohl begrüßen sowohl die GEW BERLIN wie auch Eltern und die Fachöffentlichkeit den verstärkten Ausbau der Grundschulen zu Ganztagsschulen. Dies darf aber nicht zu Lasten der Kitas und Horte geschehen.
Welche Situation haben wir aktuell?
Vom 1. bis zum 12. November müssen die Eltern ihre Kinder, die mit Beginn des kommenden Schuljahres schulpflichtig werden, an den Grundschulen anmelden. Erstmalig muss mit einem neu gestalteten Anmeldebogen von den Eltern auch der Bedarf an einem Hortplatz in der Schule angemeldet werden. Für das neue Verfahren und den neuen Anmeldebogen gibt es noch keine rechtliche Grundlage. Bisher gelten noch die alten Bestimmungen.
Fragen Eltern in den Schulen nach dem zu erwartenden Angebot an Hortplätzen, erhalten sie oft keine verlässliche Auskunft, weil allenfalls die wenigen gebundenen Ganztagsschulen oder die Schulen, die schon einen offenen Ganztagsbetrieb haben, sagen können, ob es ab August 2005 ein Hortangebot an der Schule geben wird. Zur Zeit ist im Vergleich zum Kita-Hort und zum Schülerladen eine Verschlechterung der Personalausstattung durch die Senatsverwaltung geplant. Die zu erwartenden Kosten eines Hortplatzes in der Schule sind für die Eltern unklar. Die Möglichkeit der freien Träger, ihre bis zu 10 000 Schülerladenplätze anbieten zu können in Kooperation mit Schulen, ist zur Zeit ebenfalls unklar. Es ist mehr als fraglich, ob die räumliche Ausstattung der Hortplätze in den Schulen auch nur annähernd an die der Kitas und Schülerläden heranreicht. Ob es ein Mittagessensangebot in jeder Schule geben wird ist unklar. Ob die Integration mit StützerzieherInnen stattfinden wird ist noch ebenso ungeklärt wie die Frage der Bereitstellung von Leitungskräften für die sozialpädagogischen Bereiche.
Es ist ferner unbedingt notwendig, dass ErzieherInnen und Lehrkräfte gemeinsam ein Konzept über die beabsichtigte Arbeit entwickeln. Diese Konzeptionserarbeitung muss unterstützt werden durch entsprechende Fortbildungen und wissenschaftliche Begleitung. Das setzt auch voraus, dass ErzieherInnen und Lehrkräfte für ihre gemeinsame Arbeit Kooperationszeiten zur Verfügung haben. Aber der Senat ist zur Zeit nach Kräften dabei, die Chance auf Verbesserung der Bildung für Kinder im Grundschulalter zu verpassen.
Der für die Kitas durch Senator Böger groß angekündigte Qualitätsschub durch die Einführung eines Bildungsprogramms droht im Ansatz stecken zu bleiben, weil die Rahmenbedingungen der Arbeit der ErzieherInnen sich enorm verschlechtert haben. Durch den Anwendungstarifvertrag wird das zur Verfügung stehende Personal reduziert. Die beabsichtigte Gleichzeitigkeit der Hortverlagerung, Schließung von Kitas, Ausgründung in freie Trägerschaft sowie die Rechtsformänderung der restlichen kommunalen Kitas demotiviert und überfordert die ErzieherInnen und Schulen. Viele KollegInnen sehen sich in ihrer beruflichen Existenz bedroht.
Unter diesen Voraussetzungen ist die notwendige inhaltliche Neuausrichtung der Arbeit in den Kitas auf der Basis des Bildungsprogramms genau so erschwert wie die Verzahnung der Arbeit der Sozial- und Schulpädagogik in den Schulen.
Die GEW BERLIN hat von Anfang an die rein fiskalisch begründeten Rechtsformänderungen der Kitas sowie die aus gleichem Grund geplanten Übertragungen in freie Trägerschaft abgelehnt. Leider hat sich die parlamentarische Mehrheit eher an den Sarrazin'schen Haushaltsvorgaben als an einer vernünftigen Politik der Stärkung der frühkindlichen Bildung orientiert. Die Vorstellungen von ErzieherInnen, Eltern und Fachöffentlichkeit wurden weitgehend ignoriert.
Trotzdem müssen wir gemeinsam versuchen, Schlimmeres zu verhindern.
Wenn wir auch noch sehr weit entfernt sind von einem neuen konsistenten Gesamtsystem von Bildung, Erziehung und Betreuung unter Einbeziehung der Kita und der Schule, so müssen wir mindestens dafür sorgen, dass der Weg dahin nicht stärker verbaut wird. Ich halte dies für eine Aufgabe der gesamten GEW.
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