Schulvergleichstests sind in England umstritten
Lagebericht aus dem Land des straffen Marktprinzips.
von Brigitte Schumann
Der angeschlagene britische Premierminister Tony Blair will im kommenden Wahlkampf mit Bildung punkten, auch dort nicht unumstritten. Trotz einiger Erfolge, z.B. in internationalen Leistungsvergleichen, stoßen jedoch die bildungspolitischen Instrumente der Labour-Regierung auf weitgehende Ablehnung bei den Betroffenen. Viele Lehrer und Eltern fordern die Abschaffung der nationalen Schülertests, mit deren Hilfe die Regierung die Leistungen der einzelnen Schulen bewertet und in Rangtabellen veröffentlicht. Neuerdings werden die Schulen auch an ihrem eigenen Vorjahresergebnis gemessen. Natürlich erwartet die Regierung, dass die Schulen sich in den Testergebnissen jährlich verbessern. Und wenn dies nicht der Fall ist, droht den Schulen der Entzug von Fördermitteln.
Kritiker halten die Tests für unfair. Sie berufen sich auf eine Studie des Schulministeriums. Danach hängen 79 Prozent der Unterschiede davon ab, welche Leistungen die untersuchten 14jährigen beim Eintritt in die Gesamtschule mitbringen. Rund 20 Prozent der Unterschiede lassen sich mit dem Armutsfaktor erklären. Unter dem Wettbewerbsdruck kommen fast alle Gesamtschulen der Regierungsempfehlung nach und sortieren ihre Schüler in den Hauptfächern nach Leistung. Einige staatliche Profilschulen haben von der Regierung das Privileg bekommen, 10 Prozent ihrer Schülerschaft nach Leistung aussuchen zu dürfen. Unter den Marktbedingungen machen natürlich einige Schulen davon Gebrauch. So wird unter "New Labour" das Prinzip der sozialen Inklusion im englischen Gesamtschulsystem ausgehöhlt.
Während nach Schottland nun auch Wales zumindest auf Teile der zentralen Tests verzichtet und bei der Bewertung der Schülerleistung wieder mehr auf die Lehrer vertraut, schwört die englische Regierung unverdrossen auf die Wirksamkeit des Testens, obwohl die selbst gesteckten Ziele für die Testergebnisse der 11-Jährigen nicht erreicht werden konnten. Damit handelte sie sich den Vorwurf ein, jegliches pädagogische Augenmaß verloren zu haben.
Eine Umfrage hat ermittelt, dass die Sekundarschulen gegenüber den Primarschulen in der öffentlichen Schulzufriedenheit deutlich abfallen. Da die erreichten Verbesserungen im Primarschulsektor als entscheidender Faktor für den Wahlsieg der Labour Party in 2001 gelten, müssen die aktuellen Meinungsbilder die Regierung eher nachdenklich stimmen. Danach glaubt sogar ein Drittel der Befragten, dass die Leistungsstandards sich in den letzten drei Jahren dort verschlechtert haben. Neben dem Schulstress durch Leistungstests werden zu große Klassen und gravierende Disziplinprobleme bemängelt. Als einen Beleg für die Unzulänglichkeit des staatlichen Bildungssystems werten die Lehrergewerkschaften die steigende Zahl der Kinder, die zu Hause von ihren Eltern unterrichtet werden.
Die oppositionellen Konservativen interpretieren hingegen den kontinuierlichen Anstieg der erfolgreichen Schulabgänger mit universitärer Zugangsberechtigung (A-levels) als Ausdruck eines dramatischen Leistungsverfalls im Anspruchsniveau der Oberstufe. In diesem Sommer gab es dort ein Rekordergebnis: Von den 36 Prozent der englischen Oberstufenschüler haben 96 Prozent den Abschluss bestanden. Die Regierung ist gleich in die Offensive gegangen mit der Parole "worth not birth" und signalisiert Aufgeschlossenheit für den Vorschlag einer Kommission, die Prüfungsordnung so zu verändern, dass die Freiheit der Schüler in der Wahl ihrer Prüfungsfächer eingeschränkt wird. Es ist sicherlich kein Zufall, dass sie in der öffentlichen Darstellung die Verbindung von sozialer Mobilität und individuellen Bildungsanstrengungen hervorhebt, aber den Begriff der sozialen Gerechtigkeit vermeidet. Schließlich will sie die neuen bildungsambitionierten Mittelschichten umwerben.
Ihren linken Traditionswählern mutet sie allerdings jede Menge zu. So bleibt z. B. das Privatschulsystem unangetastet. Ein neuer Gesetzentwurf wird den Privatschulen die Gemeinnützigkeit nicht aberkennen, obwohl mit Recht gefragt werden kann, worin die Gemeinnützigkeit einer Schule besteht, die mittels Elternbeiträgen von lockeren 25000 Euro jährlich die soziale Exklusivität für ihre Klientel sichert.
Die günstigen Ausgangsbedingungen in Großbritannien will sich eine Gesellschaft zunutze machen, die mit Hauptsitz in Dubai unter dem Namen Gem (Global education management system) für ihre Privatschulen wirbt. Mit einem deutlichen Preisnachlass will sie unzufriedene Eltern mit einem nicht ganz so opulenten Einkommen einfangen. In den nächsten fünf Jahren will Gem 150 private Schulen in England auf den Markt bringen. Auf den europäischen Kontinent und insbesondere auf Deutschland hat sie auch schon ein Auge geworfen.
Die Kluft zwischen Arm und Reich hat sich unter New Labour vergrößert. Auch die Armutsrate von Kindern liegt im internationalen Vergleich höher als in anderen europäischen Staaten. Wenn die Pläne von Gem aufgehen, wird die englische Bildungslandschaft sich nachdrücklich verändern und sich auch bildungspolitisch die Spaltung der Gesellschaft in arm und reich vertiefen.
Nachdem mit der Einsetzung von Alan Milburn zum Chef-Strategen das Marktprinzip im Kabinett gestärkt wurde, scheint die Regierung in einem Punkt zurückzurudern: Das Privileg der Schülerauswahl für die Profilschulen soll zurückgenommen werden.
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