Klug & vertrauenswürdig, beständig & ausgezeichnet
Das ist der Leitspruch einer Mittelschule in Seoul, Südkorea.
von Folker Schmidt, Sonderkorrespondent der blz aus Seoul
Seit 1997 gibt es in Südkorea Richtlinien des Ministeriums für alle Schulen, so auch für den Stoff der Yeouido Middle School. Die Schule liegt im gleichnamigen Stadtteil, der vom Fluss Han umschlossen wird und in dem auch das Parlament Südkoreas sitzt. Wir hatten im September die Gelegenheit, uns vom Direktor, Herrn Lee Byong-Ho, der seit März 2004 die Schule leitet, diese Mittelschule zeigen zu lassen. Das 1973 eingeweihte Gebäude bietet eine herrliche Aussicht auf den Han und ist fünfstöckig an eine als Sportplatz genutzte Freifläche gebaut. Am Kopfende befinden sich die Bibliothek und die Schulmensa. Die Mensa ist nötig, weil es sich um eine Ganztagsschule handelt, deren Unterricht täglich von 8.30 bis 15.30 Uhr dauert.
Wir konnten um 15 Uhr feststellen, dass in den Klassenräumen, von denen es für jede Klasse einen gibt, nahezu alle Plätze besetzt waren. Es gibt also offensichtlich wenig Fehlzeiten. Wir hatten sowieso den Eindruck, dass die SchülerInnen den Unterricht gerne besuchen. Wenn wir den Klassenraum betraten, waren wir als Exoten natürlich ein Ereignis, aber auch die Klassen, in die wir beim Vorbeilaufen sehen konnten, vermittelten uns den Eindruck von lebhaft am Unterricht teilnehmenden SchülerInnen. Alle zwanzig Sekunden scholl uns ein "yeah" (oder so ähnlich) entgegen, über das der Direktor uns aufklärte: es bedeute eine kollektive Zustimmung zum gerade Gehörten. Die im Durchschnitt gut dreißig SchülerInnen pro Klasse verfolgten am Bildschirm den von den Lehrkräften vermittelten Stoff. Beispielsweise haben wir im Erdkundeunterricht der Erklärung der Entstehung von Wind und im Geschichtsunterricht der Behandlung des Ersten Weltkrieges beiwohnen können. Auf den Bildschirmen, die in jeder Klasse vorhanden sind, wurden gerade Landkarten der Kriegsverläufe gezeigt. Für fast alle Unterrichtsstoffe scheint es Videos zu geben, die von den Lehrkräften teilweise über Mikrofon erläutert werden. Platz für Diskussionen war allerdings wenig.
Die Schule bemüht sich um eine internationale Ausrichtung. So ist z.B. vor zehn Jahren ein Austausch mit einer Junior High School aus Takase in Japan aufgenommen worden, der seitdem jährlich stattfindet. Die Klassenatmosphäre war bei disziplinierter Teilnahme am Unterricht aufgelockert. Dagegen sprach auch nicht die Schuluniform: die Jungen trugen schwarze Hosen und blau gestreifte weiße Hemden, die Mädchen dunkelblaue, ärmellose Kostüme mit weißen Blusen. In den Klassenräumen tragen die SchülerInnen übrigens leichte Turnschuhe, die sie am Eingang der Schule wechseln.
Die Mittelschule schließt für drei Jahre an die sechsjährige Grundschule an und umfasst die Jahrgänge sieben bis neun, was dem Ende der Schulpflicht entspricht. Dem kann sich die High School anschließen. An der Yeouido-Schule gibt es fünfzehn Klassen im siebten Jahrgang und jeweils dreizehn im achten und neunten. Dazu kommt als Besonderheit dieser Schule in jeder Jahrgangsstufe eine Klasse für sehbehinderte SchülerInnen, die mit einer Frequenz von drei bis vier SchülerInnen gefahren werden. Insgesamt umfasst die Schule also vierundvierzig Klassen für knapp 1.400 SchülerInnen.
Den Unterricht geben vierundsiebzig LehrerInnen; davon sind siebzig Prozent weiblich. Die aus drei Männern bestehende - eine Parallele zu uns - Schulleitung gibt keinen Unterricht (ist dafür auch nicht ausgebildet worden), sondern ist nur mit Organisations- und Repräsentationsaufgaben beschäftigt. Die LehrerInnen haben eine Pflichtstundenzahl von achtzehn bis zwanzig Unterrichtsstunden pro Woche zu geben, wobei die Jüngeren eher bei zwanzig, die Älteren eher bei achtzehn liegen. Die AnfängerInnen verdienen dabei umgerechnet etwa 1.150 Euro im Monat, ab zehn Dienstjahren 1.540 Euro. Das entspricht etwa einem mittleren Einkommen in Südkorea. Dazu kommen aber gelegentlich noch Erkenntlichkeiten seitens der Elternschaft ...
Auch in Korea werden die Lehrkräfte knapp gehalten. In den Mittelschulen sind ungefähr fünfundachtzig Prozent, in den High Schools fünfundneunzig Prozent der Soll-Lehrerschaft vorhanden, was zu einer dauernden Mehrbeanspruchung führt. Aber auch die SchülerInnen sind stark belastet. Die meisten nehmen abends noch Unterricht an Privatschulen, was nach Meinung des Direktors die außerordentlich guten PISA-Ergebnisse erklärt. Und für die exzellentesten drei Prozent der SchülerInnen gibt es sogar noch "Förder"-Unterricht in einem special club ...
Und so entsteht dann die ideale SchülerIn: "Eine höfliche, fähige SchülerIn mit Kreativität und Träumen".
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