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Ein Alptraum
von Epimetheus*
Nein, ich bin nicht als Käfer aufgewacht und brauche meine Tage fortan auch nicht an der Decke klebend zu fristen; und dennoch war es ein veritabler Alptraum. Vor einige Wochen - es war die Zeit der großen Korrekturorgien, (ich habe eine Fächerkombination gewählt, die mir bei vielen KollegInnen nur Spott einbringt, nach dem Motto: Selber schuld! Hättest ja auch Sport studieren können) - bin ich mitten in der Nacht schweißgebadet über dem Schreibtisch hängend aufgewacht. Der Puls raste, ich war richtig benommen und hatte jegliche Orientierung verloren; erst nach der zweiten Zigarette arbeitete mein Verstand wieder halbwegs normal. Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer - so wird es wohl sein, dachte ich mir, wenn man zu schwer gegessen hat. Ich versuchte den Traum zu verscheuchen, doch wie eine lästige Fliege kam er immer wieder.
Es träumte mir, dass ich mich gemeinsam mit vielen anderen in einem großen Saal befinde. Vorne über der Bühne glänzen magische Worte: "Willst du ein Schiff bauen, so entfache in deinen Männern die Sehnsucht nach der Ferne." Offenbar ein Zitat des Heiligen Exupery, dem Schutzpatron des Changemanagements. Die Stimme des großen Steuermannes, mächtig und einschmeichelnd wie die Stimme von Odysseus dem Listenreichen, erklärt uns, dass wir diese weise Losung bei unserem großen Reformprojekt beherzigen sollen. Nur so könnten wir die Reederei wieder flott machen, den gewachsenen Ansprüchen der Kunden gerecht werden und der internationalen Konkurrenz standhalten. Zustimmendes Raunen geht durch die Reihen der Anwesenden. In den Beifall mischt sich jedoch eine leise Stimme, wahrscheinlich die meines Bruders, und ruft mahnend: "Hüte dich vor Menschen, die die Poesie missbrauchen!"; doch ich verstehe nicht, will nicht verstehen. Zu groß ist die Begeisterung, und voller Elan machen sich alle Versammelten an die Arbeit. Ja, wir wollen diese Schiffe bauen und endlich aufbrechen zu neuen Horizonten (sic!). (So weit begann der Traum mit der Begeisterung des Aufbruchs, durchaus positiv also.)
Eine gewisse Unklarheit besteht über das Ziel unserer Sehnsucht. In hitzigen Diskussionen, in open spaces und auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten, äh nee, der Möglichkeiten versuchen wir eine Klärung herbeizuführen: Manch einer will sich nach Kythera einschiffen oder ohne große Anstrengung in den sicheren Hafen des Vorruhestandes gelangen. Während die einen das pädagogische Utopia fest vor Augen haben, will eine zweite Gruppe unbedingt den finnischen Meerbusen ansteuern und eine dritte will ins tyrrhenische Meer aufbrechen, um sich endlich wieder an die Spitze der Pisaner Seemacht zu setzen. Aber es gibt auch unausgesprochene Motive, die in den Seelen der Beteiligten lodern: endlich die Mannschaftsränge verlassen und auf dem Schiff - gleich wo es hinfahren würde - einen schönen Platz auf dem Oberdeck, in den Kabinen der ersten Klasse, im Funkerraum oder vielleicht sogar auf der Kommandobrücke ergattern.
Alle machen sich an die Arbeit: Pläne werden geschmiedet und Programme gezimmert, das Messing wird geputzt und Fachliteratur gewälzt, Lagebesprechungen, Sitzungen und Fortbildungsseminare zu Schiffbau und Navigation bilden einen munteren Reigen. Bewundernswert ist der Enthusiasmus, der uns antreibt, befeuert von der Sehnsucht nach dem fernen Ziel legt man sich richtig ins Zeug. Überstunden sind selbstverständlich, dass die Heuer gekürzt worden ist, nimmt die Mannschaft ohne Murren hin. Nur manchmal, abends, merkt man, wie sehr einem das Kreuz weh tut vom schweren Heben und tiefen Bücken, und manch einer nimmt sogar Schaden an seinem Rückgrat.
Endlich, (hier verschwammen ein wenig die Zeiten, der Traum machte einen Sprung und die Stimmung schlug um), nach Jahren entbehrungsvoller Arbeit betreten wir das Schiff. Zwar sind die Winde noch ungünstig, träge dümpelt die Flotte im Hafen und an die große Fahrt ist eigentlich nicht zu denken. Doch voll Stolz schreiten wir über das Fallreep auf Deck, um unser Produkt in Besitz zu nehmen und die Früchte unserer Arbeit zu ernten. Wie großer aber ist unser Erstaunen, ja unser Entsetzen, als wir alle in den Bauch des Schiffes geführt werden, in ein "stahlhartes Gehäuse" auf irgendeinem der Unterdecks. Wo alle den potenten Motor bestaunen wollen, öffnet sich nur ein großer, fast kahler Raum. Links und rechts des Mittelgangs sind Schulprogrammbänke, durch die Arbeiten des Vergleichs ordentlich ausgerichtet, fest im Boden verschraubt; hier sollen wir nebeneinander Platz nehmen. Vor uns liegen große lange Ruder aus hochwertigem PSE-Material, und alles ist durch zierliche, aus Worten geschmiedete Kettchen, den sogenannten "Zielvereinbarungen", solide miteinander verbunden, auch wir. Vorn auf erhöhtem Podest stehen zwei dickbauchige Trommeln; wären wir nicht so verdattert, könnten wir bei näherem Hinsehen auf der einen die Aufschrift "Teamarbeit", auf der anderen "Evaluation" lesen, und auf den dazugehörigen Schlegeln "Anforderungsprofil" und "Regelbeurteilung". Was hatte das alles zu bedeuten?
Kaum haben wir uns auf die Bänke gesetzt, verkündet der krächzende Lautsprecher: "Das Schiff ist jetzt fertig und wir stechen in See. Wir werden alle kräftig rudern, und damit wir schnell an Fahrt gewinnen, wird die Schlagfrequenz ab sofort von 24 auf 26 erhöht." Wieder geht ein Raunen durch die Mannschaft, diesmal ohne jede Begeisterung. (Zu diesem Zeitpunkt versuchte ich krampfhaft aufzuwachen, das kann nur ein böser Traum sein, sage ich mir schon im Traum, ich will unbedingt aussteigen, aber es geht einfach nicht, ich muss ja rudern.) Einige reiben sich die Augen und können gar nicht glauben, was da geschieht: Soll das etwa das Produkt unserer Sehnsucht sein? Wollten wir nicht einen hochseetüchtigen Steamer, ja einen Off-Shore-Boliden bauen, der den rauen Winden auf den globalen Meeren standhalten würde, und wenn nicht das, dann doch wenigstens einen kleinen, wendigen Clippert, um unter der Küste zu segeln? In die entstehende Unruhe hinein knatterte erneut der Lautsprecher: "Hier wird nicht mehr geraucht, jetzt wird nur noch gerudert; ist das klar!" Nur einer, offenbar ein Neuling, wagt wie das Kind im Märchen schüchtern zwar, aber klar in Worte zu fassen, was er empfindet: "Eine Galeere, Kollegen, wir haben eine Gale...!"
Da endlich bin ich aufgewacht.
*Name ist der Redaktion bekannt.
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