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Nr. 12 / 2004: Theaterstücke kritisch gesehen

Theaterstücke kritisch gesehen

Von Hans-Wolfgang Nickel

Abenteuer im Schullandheim, Nachtspaziergänge im unbekannten Wald, fast ein Sommernachtstraum - „Keep cool“ von der Spielwerkstatt zeigt spannende Begegnungen zwischen Mädchen und Jungen. Dabei geht es vor allem um Ehrlichkeit, Mut und die Kraft, sich selbst treu zu bleiben – auch wenn das als „peinlich“ verpönt wird. Tänzerische Bewegung und flotte Musik sorgen nicht nur für hohes Tempo, sondern skizzieren gekonnt Spielräume und Situationen (ab 12).-

„Warum trägt John Lennon einen Rock?“ fragt Theater Strahl auf der Probebühne.
Claire, temperamentvoll, lebens- und abenteuerlustig, probiert nicht nur Rollen und Konstellationen, auch Schuhe, Kostüme, Verkleidungen aus – in ihrer Fantasie, in der Realität.  Sie will John sein, weil Jungen mehr dürfen; sie beobachtet sich selbst, als Junge verkleidet; sie karikiert Männer und beobachtet Frauen, als Mädchen wiederum Jungen imitierend und Mädchen grotesk übertreibend persiflierend - ein mitreißend-verwirrendes Spiel um die Gestaltung einer eigenwilligen, selbst bestimmten Identität, bei dem schließlich Realität und Fantasie nicht mehr zu unterscheiden sind (ab 14). -

Der Gesundbrunnen- Bunker ist schon „an sich“ bemerkenswert und durch seine Ausgestaltung als Kriegsmuseum eine unbedingt empfehlenswerte Motivation für eine ernsthafte Auseinandersetzung mit Krieg und NS-Zeit oder für die Vertiefung dieses Themas. In der Kombination mit einer dazu passenden Aufführung vervielfacht sich die Wirkung. So wird das Gastspiel des Frankfurter Wu–Wei-Theaters mit dem „Jazzdirigenten“ zu einem starken Erlebnis. Bei Erzählung und Wanderung durch Gänge und enge Räume frappieren schon die alten Anschriften; sie bringen zum Nachdenken, korrespondieren mit der Geschichte. Das Erzähltheater wird intensiviert durch zwei Musikerinnen; ihre Swing-Musik ist dabei nicht einfach szenische Begleitung: Swing war Lebensgefühl und Widerstand gegen die Marschmusik der Nazis; es war gefährlich, sich mit dieser Musik erwischen zu lassen. Sie erweist sich zugleich als eine eigene Welt, eine Welt auch der Flucht, die das Un-Erträgliche wo nicht erträglich, so doch wenigstens aushaltbar macht(e).
Die Frankfurter Gruppe wird zum Festival des politischen Theaters wieder nach Berlin kommen; ein Glücksfall: Schulen sollten schon jetzt einen Besuch buchen, um einen ungewöhnlichen Weg zu (leider immer noch aktuellen) politischen Themen zu nutzen (bei Vorbereitung ab 15) - wie überhaupt die großen und kleinen Berliner Festivals ungewöhnliche Zugänge zu wichtigen Themen und attraktive Begegnungen ermöglichen! So bringt das „Zigeuner-Musiktheater“ Terno aus Polen ein furioses Feuerwerk aus Musik, Tanz, Gesang, das freilich nichts mit Musiktheater zu tun hat; das Konzert- und Tanzprogramm ist durchweg fremdsprachig, ohne Erläuterung und Übersetzung, eine attraktive Temperamentsdusche ohne weitere Informationen - als Gastspiel im Rahmen  des Sinti-Roma-Festivals jedoch flankiert von Vorträgen, Diskussionen, die eine Auseinandersetzung auch mit Inhalten gestatten. Die zweite, kleinere, weniger aufwändige „Acquaragia Drom“ aus Italien, musikalisch exquisit, jazzig,  kommt mit 6 SpielerInnen aus, kommuniziert direkter mit dem Publikum, vermittelt sich auch über Erläuterungen (ab 14 ; gerade bei Festivals sollten PädagogInnen die Möglichkeit zum Gespräch nutzen - die Veranstalter sind zumeist gern bereit, Begegnungen zu arrangieren!).-
 

„Schwarz Rot Gold“: ein anspruchsvolles Einar-Schleef-Programm im Gefängnis Tegel , realisiert kein Stück, sondern vor allem autobiographische Texte von Schleef. Dessen Entwicklung eindrucksvoll nachzeichnend, ergeben sich mannigfache Berührungen mit den Erfahrungen der Spieler. Stilmittel von Schleef werden virtuos (und manchmal exzessiv) genutzt; faszinierend die Kraft der Spielgruppe: bewegungsmäßig, gesanglich, sprachlich-intellektuell. Eindrucksvoll und sehr zu empfehlen (ab Sek II).-
Sieht man danach Pollesch im Prater, so kann man sich nur wundern, wie leer, wie bedeutungslos dieses „Theater“ ist: die Schauspieler, „Scheiße“*, nur Lautsprecher, Plattenspieler, immer mal wieder privat, unvermittelt schreiend, aus der Rolle fallend, weil sie, „Scheiße“*, nicht mehr weiter kommen mit dem Text und seinen endlosen Wiederholungen, seinen, „Scheiße“*, Variationen von Wortmustern. Keine Handlung, nur die Skizze einer Situation. Immerhin eine sehenswerte Raumausstattung. 
 

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