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Nr. 1 / 2005: Theaterstücke kritisch gesehen

Theaterstücke kritisch gesehen

von Hans-Wolfgang Nickel

Das Forumtheater Kreuzberg, bekannt für Texte abseits des gängigen Repertoires, zeigt „Das blaue Ungeheuer“ von Carlo Gozzi - eine bunte Abenteuergeschichte um echte Liebe, ein märchenhaftes Spiel nahe an der Commedia dell’ arte. Das intime Theater verblüfft durch eine attraktive Bühnenlandschaft mit verschiedenen Spielorten und vielerlei szenischen Überraschungen (ab 12; theatergeschichtlich interessant für DS-kurse).-

Tanz und Spiel mit Gegensätzen in der Werkstatt der Kulturen. „Roya und die Kastenmaschine“, das sind Frau und Mann, Mensch und Maschine, Natur und Technik, die Brutalität der Ordnung und die Schönheit schwingender Linien. Zwei Grundprinzipien des Lebens werden in ein spannendes, unentschiedenes, unentscheidbares Mit- und Gegeneinander gestellt, ein Tanztheater von hohem Anspruch und doch kindlich einfach und ästhetisch schön. Tombak, die Trommel, lockt in ein endloses Spiel, konfrontiert die Klarheit von Entscheidungen mit der Unentschiedenheit des Traums, die Kraft des Eigensinns mit der Wirkungslosigkeit von Zaghaftigkeit und Unentschlossenheit, löst sich in den wiegenden Klängen von Philip Glas.-

Grips  spielt „Nellie Goodbye“ von Lutz Hübner. Fünf wenig interessante Figuren (Jugendliche?), die wir nur als Mitglieder einer Band in der Vorbereitung auf einen nahen Wettbewerb sehen und in schnell wechselnden Beziehungen, die also eigentlich abstrakt bleiben, ohne Hintergrund, ohne Verbindung zu einer Realität außerhalb des Probenraums, werden mit dem Sterben eines Mitglieds konfrontiert. Thema sollte also die Auseinandersetzung mit dem Tod sein (eindrucksvoll in dem sorglich gestalteten Begleitheft !) – die szenisch-inhaltliche Realisierung bleibt (für mich) jedoch äußerlich. Dazu  viel Musik (die offenbar auch ankommt), die aber das Stück immer wieder (unter)bricht (ab 15).-

„EU-phorie“, eigentlich Bendas „Dorfjahrmarkt“ von 1775, wird musikalisch gekonnt transponiert von klassischem Kammerorchester zu EINEM Akkordeon; das funktioniert sehr gut: Bendas Musik zündet, den Sängern lässt sich gut zuhören und zuschauen.  Bei dem jungen Paar ist auch die inhaltliche Verwandlung noch akzeptabel: die Dörfler werden EU-Neubürger aus Litauen; wenn aber aus einem alten Landesherren ein moderner Filmboss wird, dann wird es inhaltlich so dubios, dass das Vergnügen in der Neuköllner Oper getrübt wird (ab 15, vor allem für Musikleistungskurse interessant!). -

Erstaunlich, was das Orphtheater mit „Parzifal“  realisiert: kraftvoll wird die Geschichte von Artus und seinen Rittern erzählt, imponierend die szenischen Überraschungen in dem kleinen Raum. Gegen Ende verliert sich der Schwung leider etwas, die Textzutaten von Muschg sind kaum stückdienlich; insgesamt aber überaus gelungen (auch als Einführung in Gral und Artussage, ab Sek II).-

Das Hackesche Hoftheater feiert Singers 100. Geburtstag nicht einfach mit einigen seiner Geschichten, sondern lässt sich ein auf eine ernsthafte, szenisch-musikalisch reizvolle Auseinandersetzung mit Literatur und Wirklichkeit, mit Judentum und dem Jiddischen, mit Klezmer-Musik und der Gegenwart, mit Gedächtnis und Erinnerung. „Widergeher“ nennt das Hoftheater seine „Vorstellung aus Mutmaßungen, Betrachtungen und Ableitungen“ aus Singers Werk (ab Sek II; Besucher sollten einige Kenntnis von (Berliner) Judentum und Singer haben!).-

Bulgakovs  „Der Meister und Margarita“ in der Volksbühne spielt im Dämmerlicht und hinter einer Glasscheibe: also wenig zu sehen auf der Bühne, die halblauten Stimmen schwierig zu verstehen, weil auch noch überlagert von Reklamelicht und Werbevideos. Weitere Szenen gibt es hinter der Bühne, die per Video, meist in Großaufnahme, übertragen werden. Die Handlung konnte ich aber auch daraus nicht ablesen. Zwar führt Castorf seine Schauspieler exzellent zu starkem Ausdruck; wenn aber Stück und Inhalt nicht zu verstehen sind, ist das nur sehr begrenzt reizvoll oder unterhaltend. Also eher Theater zum Abgewöhnen.-

„Die Möve“ in der Schaubühne wird - in Ausdruck und Temperament angenähert an eine nervöse Gegenwart - eher cholerisch als melancholisch gespielt; Tschechows Figuren bleiben jedoch jede für sich verstehbar, entschuldbar, können Mitleid erregen. Interessant, wie eine Stimmung vom Ende des 19. Jahrhunderts Parallelen in der Gegenwart findet (ab Sek II). –
    

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