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Nr. 12/2001
Vom High-Tech-Unternehmen in die Schule
Ein Quereinsteiger aus der freien Wirtschaft über äußere und innere Strukturen in Schule und Schulverwaltung.

Was glaubst du eigentlich, wo du bist? Diese ironische Antwort kam auf meine Frage am ersten Schultag, wo denn der Schrank mit dem Büromaterial sei. Nach meinem Referendariat hatte ich zwölf Jahre in der Software- und Beratungsbranche zugebracht und wurde dann als Lehrer für Datenverarbeitung und Sozialkunde an einem OSZ eingestellt. Wenn man von außen in diese ziemlich abgeschottete Branche wechselt, fällt einem einiges auf. Und das kann für andere Quereinsteiger, aber vielleicht auch für die Alteingesessenen von Interesse sein.

Aller Anfang ist schwer

Ich hatte Glück und bekam eine bunte Auswahl verschiedener Lerngruppen, von pflegeleicht bis ... na ja. Andere Anfänger werden "verheizt" und bekommen erst mal die, die sonst keiner haben will. Die Arbeit ist, zumal bei einer 2/3-Stelle, deutlich weniger als vorher, aber unterrichten ist intensiv und anstrengend. Anfangs konnte ich nach sechs Stunden Unterricht sofort im Sitzen einschlafen. Ich bin immer noch dabei zu lernen, wie man so unterrichtet, dass man zwischendurch Stillarbeitspausen hat; wie man Klassenarbeiten so baut, dass sie sich einfach korrigieren lassen.

Es ist schwer, Disziplinverstöße zu unterbinden, weil es in der Schule - im Gegensatz zur Arbeitswelt mit Abmahnungen und Kündigungen - keine einheitlichen, steigerungsfähigen und wirksamen Sanktionsmöglichkeiten gibt. Merkwürdig: Die soziale Kompetenz der SchülerInnen wird später wesentlich über den Erfolg im Berufsleben entscheiden, aber sie wird nicht explizit benotet, ist also aus Schülersicht unwichtiger als die Inhalte. Andererseits schummelt jede LehrerIn, obwohl die Note nur die fachlichen Fähigkeiten ausdrücken darf, irgendwie das Verhalten mit hinein.

Es dauert eine Weile, bis man die offensichtlich notwendige professionelle Distanz zu Lehrplänen entwickelt hat, die nicht zu den real existierenden Schülern passen.

Keine Angst

Die "Fehlerkultur" an meiner Schule ist gut. Viele Kollegen und die Abteilungsleitung sind ansprechbar und in der Lage, sinnvolle Tipps zu geben. Dass man anfangs zuweilen heftige Fehler macht, nimmt einem keineR übel. Selbst die SchülerInnen zeigen sich oft nachsichtig. All das mildert potenziellen Anfangsstress erheblich. Dazu kommt, dass ich als Lehrer im Gegensatz zu meinen früheren Jobs keinen Planungs-, Termin- und Budgetstress mehr habe. Wenn ich mich halbwegs an den Lehrplan halte und die Klassenarbeitstermine nicht vergesse, meinen Stundenplan einhalte und rechtzeitig die Noten abliefere, ist schon alles im Kasten. Ich habe jahrelang Zeit, das zu lernen, und: Die Tätigkeit bleibt grundsätzlich gleich. Das ist für einen Akademikerjob in dieser Preisklasse sehr wenig. Insgesamt ist der Anfang also anstrengend, aber völlig angstfrei.

Oft macht es Spaß

Oft, natürlich nicht immer, macht es richtig Spaß, Lehrer zu sein. In Datenverarbeitung sind viele Schüler interessiert und man merkt, wie sie von Stunde zu Stunde mehr können. Durch das Teamteaching steht man nicht ständig in der ersten Reihe, man kann auch aufwendigere Binnendifferenzierung umsetzen, man lernt von erfahreneren KollegInnen und stellt zuweilen beruhigt fest, dass die auch nur mit Wasser kochen. Ich habe in Sozialkunde große Freiheiten, was die Inhalte angeht, und kann mir zwischendurch aus dem Internet auch für mich interessantes Material zu aktuellen Themen heraussuchen, solange die Schüler dabei etwas Sinnvolles lernen.

Abschreckung Schulapparat

Das, was in der Wirtschaft unter "Personalentwicklung" und "interne Services" fällt, wird im Schulwesen u.a. vom LSA abgewickelt. Hier erwartet den Quereinsteiger ein veritabler Kulturschock.

Die Einstellung ist hierfür nur ein Beispiel: In der Wirtschaft sind Einstellungsprozesse komplex, denn zukünftige Aufgaben, Fähigkeiten des Bewerbers und Art der Vergütung müssen sorgfältig austariert werden. Bei Lehrern ist das so stark normiert, dass die Einstellung locker ein Roboter vornehmen könnte. Wieso dauert es dann über zwei Monate ? Wieso dauert es nach der Einstellung noch einmal über drei Monate, bis man eine richtige Gehaltsüberweisung mit Kindergeld bekommt? Die Einstellungsprozedur und alle weiteren Schritte sind gekennzeichnet durch groteskes Misstrauen gegenüber Bewerbern und eigenen Mitarbeitern, häufiges Fehlen von Initiative oder persönlicher Verantwortung und zeitraubenden Zuständigkeitswirrwarr.

Das war sicherlich nicht leicht: Wie organisiert man die Arbeit von einer Person so um, dass sie von zehn nicht mehr bewältigt werden kann?

"Wo ist ihr Krankenversicherungsnachweis?" "Hier ist meine Versicherungskarte." "Das ist kein Nachweis." "Wieso nicht?" "Sie hätten ja gestern aus der Versicherung austreten können." "Aber nach der Ausstellung des Nachweises hätte ich doch genauso austreten können, abgesehen davon merken Sie es doch, wenn ich nicht versichert bin." "Ich brauche einen schriftlichen Nachweis Ihrer Krankenversicherung." "Aber eine fehlende Krankenversicherung schadet doch mir und nicht Ihnen, außerdem merken Sie das bei der Anmeldung." "Trotzdem."

Wieso muss man so oft den Personalausweis vorlegen? Man traut nur Zeugnissen von Behörden wie z.B. Schule oder Uni, und die müssen zur Kontrolle im Original vorliegen. Glücklicherweise hatte meine Sachbearbeiterin Mut zur Lücke, denn ich habe meine Studienbücher schon vor Jahren weggeworfen. Wen interessiert es noch, welche Vorlesung ich im SS 1981 dort hineingeschrieben habe? Wer denkt sich so ein blödsinniges Formular aus, mit dem man verspricht, nicht gegen die UN-Konvention der Menschenrechte verstoßen zu haben oder keine Gefangenen befreien zu werden? Glaubt man wirklich, dass sich ein getarnter Kriegsverbrecher durch das versehentliche Ankreuzen der falschen Antwort outen würde?

Viele sind - und das gilt generell für die Schulverwaltung - zuständig, niemand ist für den Prozess, eine Entscheidung, ein Ergebnis als Ganzes verantwortlich. All das ist nur die Spitze des Eisbergs von paranoider Bürokratie (wieso sollte sich ein Betrüger, der noch bei Sinnen ist, in den Berliner Schuldienst einschleichen?), die eine normale Firma umgehend in die Pleite treiben würde und eine Erklärung dafür ist, dass zig Mitarbeiter täglich hart arbeiten und kaum etwas bewegen können. Wenn es stimmt, dass das Verhalten von Dienstleistern gegenüber ihren Kunden Ausdruck der Wertschätzung ist, die diesen Mitarbeitern vom Arbeitgeber entgegengebracht wird, dann muss im Schulbereich dringend etwas geschehen. Bis heute kann ich noch nicht sicher zwischen Witz und Realität unterscheiden. Jeder im Apparat, dessen Hilfe man benötigt, kann - wenn er schlecht drauf ist - locker einen Grund finden, warum er a) nicht zuständig ist, b) nichts tun darf, weil c) etwas fehlt oder d) dies nicht in seiner Aufgabenbeschreibung steht; oder er ist e) einfach nicht da.

Wenn es außerdem stimmt, dass der wichtigste Einzelpunkt für die Zufriedenheit von Mitarbeitern das Gesehen- und Gelobtwerden durch Vorgesetzte und Kollegen ist (wichtiger als Geld!), dann hat die Institution Schule ein massives Führungsproblem. Ich habe noch kein Unternehmen gesehen, in dem die Führungskräfte, von Fachbereichsleitern über Schulleitungen und Schulräte bis zum Senator, fast flächendeckend ein so mieses Image haben. Viele gelten als senile Trottel oder bösartige Intriganten. Oft hört man bittere Bemerkungen über A14er, die ihr Geld nicht wert sind, ganz zu schweigen von den Schulräten. Dabei sind die Gehaltsunterschiede im Verhältnis zur freien Wirtschaft lächerlich. Den Führungskräften im Schulwesen fehlt alles, was in der Wirtschaft selbstverständlich ist: Ihr Entscheidungsspielraum in Personalangelegenheiten geht gegen Null, sie verantworten kein nennenswertes Budget, sie haben ihre Posten auf Lebenszeit.

Mangel und Verschwendung bei der Schulausstattung

Wer in schäbigen Gebäuden mit mieser Ausstattung lernt oder arbeitet, fühlt sich gering geschätzt und wird irgendwann verwahrlosen. Es scheint manchmal, als würde eine Arbeitsgruppe aus Franz Kafka, Günter Mittag und Nicolae Ceaucescu die Mittel verwalten!

Mangel: Es gibt keine EDV-Schulbücher. Die Sozialkundesammlung ist Altpapier. Verschwendung: Gut bezahlte und hochqualifizierte Mitarbeiter sitzen stundenlang in Konferenzen, die zu groß sind und zu schlecht vorbereitet, ohne Visualisierung stattfinden, keine klaren Tätigkeiten verteilen, manchmal reine Formalitäten sind und zu lange dauern.

Konferenzen mit mehr als acht Leuten, die länger als 60 Minuten dauern, sind Geldverschwendung. Es sind natürlich nur EDA-Kosten, denn die Lehrer sind ja "eh da".

Mangel: Das Schulgebäude wirkt innen so gemütlich wie der Bahnhof Friedrichstraße vor der Wende. Wären unsere Schüler Haustiere, so hätten wir wegen der Toiletten längst den Tierschutzverein auf dem Hals. Die uralten Teppichböden in den EDV-Räumen sind eklige Amöbenkulturen, aber man darf nur die auswechseln, bei denen durch Risse Stolperfallen entstehen (leider erfährt man das erst hinterher). Verschwendung: Ein Teil des intakten Schulhofbelags wurde wochenlang aufgerissen und neu belegt. "Nur" ABM-Mittel ? Verschwendung ist es trotzdem.

Wieso kann eine Schule nicht ihr Budget selbst verwalten und eigene Einnahmen generieren? Wieso muss man - wenn etwas kaputt ist - warten, bis soviel kaputt geht, dass sich der Papierkrieg mit der zuständigen Behörde lohnt? Wieso muss die Schule das Weit-weg-Wohnen der Mitarbeiter subventionieren, indem sie teure Flächen für kostenlose Schulparkplätze verschwendet, die nur neun Monate im Jahr unter der Woche von 8 bis 15 Uhr genutzt werden? Wieso müssen notwendige, aber nun mal sehr teure EDV-Anlagen drei Monate im Jahr, an den Wochenenden und fast immer nachmittags brach liegen?

Das Betriebsklima

Faule Säcke ? Wenn man den Einsatz von Mitarbeitern daran misst, was sie über das geforderte Minimum hinaus freiwillig tun, dann sind 4/5 der Kollegen bienenfleißig und kooperationsbereit. Sie könnten, wenn sie 20 Jahre jünger wären oder die Wirtschaft ihren Jugendkult aufgäbe, locker auch in einer Firma anfangen. Ich finde es toll, wie viele Lehrer auch nach vielen Jahren noch daran interessiert sind, Neues in ihrem Fach zu lernen und dies weiter zu geben.

Das Betriebsklima in der Schule ist eine interessante Mischung aus angenehmer Lockerheit auf den ersten Blick und überraschenden Tretminen auf den zweiten. Locker: Man duzt sich, es gibt keinen Dress-Code, die meisten sind in der Gewerkschaft, es wird viel gelästert und oft gefeiert. Fallgruben: Es gibt knochenharte ungeschriebene Gesetze, uralte Fehden und jahrzehntelang antrainierte Empfindlichkeiten. Welche Gruppen, Animositäten und Empfindlichkeiten es gibt, wer wo sitzt, wer zu wem zur Feier geht, wen man wegen was anspricht, wessen Namen man sich unbedingt merken muss, wer in welchem Umfang was in welcher Gruppe unterrichten darf/kann/muss ... dahinter lauern Konfliktpotentiale für den Anfänger, die in normalen Arbeitszusammenhängen kaum vorkommen, denn solche Strukturen brauchen Jahrzehnte fast völliger Abschottung, um sich entwickeln zu können.

Fazit

Ich erwartete vom Wechsel in den Schuldienst, dass ich etwas Sinnvolleres tun würde, als aus einer Mark zwei zu machen und aus zwei Jobs einen, dass ich auf nette Kollegen treffe, dass ich nicht mehr wochenlang in Hotels schlafen müsste, dass ich weniger arbeite, dass ich die Hälfte meiner Arbeitszeit frei einteilen und zu Hause verbringen könnte, dass ich mehr Zeit für die Familie und mehr Urlaub habe. Bei den Rahmenbedingungen habe ich mit dem Schlimmsten gerechnet. Alle Erwartungen wurden erfüllt und ich würde den Schritt wieder gehen.

Peter Koch
unterrichtet im OSZ Verkehr

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