Böse Spiele mit dem Nachwuchs
Mit seiner restriktiven Einstellungspolitik programmiert der Senat das Chaos für die kommenden Jahre.
von K. Langenbach, R. Seggelke und U. Thöne
Seit Jahren ist bekannt, dass bis 2012 rund zwei Drittel aller Berliner Lehrkräfte aus dem Dienst ausscheiden werden. Ebenso lang prognostiziert die statistische Abteilung der Senatsbildungsverwaltung, dass spätestens im Sommer 2005 das erste "Tausenderpack" neuer Lehrkräfte eingestellt werden muss. Für die Folgejahre wird sogar ein steigender Einstellungsbedarf vorhergesagt. In dem Bericht ans Abgeordnetenhaus vom 14. September 2004 "Berliner Personalpolitik im Schulbereich" ist folgendes vorgesehen:
+ Einstellungen im Umfang von 200 ganzen Stellen zum 1. August 2004
+ Einstellungen im Umfang von 750 ganzen Stellen zum 1. August 2005.
Hatten die früheren Prognosen überhaupt keine Einstellungen für den Sommer 2004 vorgesehen - schließlich waren durch die Pflichtstundenerhöhung im Januar 2003 über 1300 Stellen "erwirtschaftet" worden - so musste ein Teil der Einstellungsquote 2005 ein Jahr vorgezogen werden, weil es fachspezifischen Bedarf gab.
Sind 750 Einstellungen sicher?
Die Schulverwaltung bereitet 400 "schulbezogene Ausschreibungen" vor. Gemäß Einstellungsrichtlinien konnten die Schulen davon ausgehen, dass etwa 200 weitere Stellen für die "zentrale Nachsteuerung" zur Verfügung stehen - zusammen also mindestens 600 Stellen. Das war zwar schon wieder etwas weniger, aber immerhin noch ungefähr in derselben Größenordnung. Stutzig machte uns die Reaktion des Senators, als die GEW BERLIN im November veröffentlichte, sie hätte aus zuverlässiger Quelle erfahren, dass es im Sommer 2005 nur 240 Einstellungen geben soll: Eigentlich hatten wir einen dröhnenden Senator erwartet, der diese Information scharf zurückweist und richtig stellt, dass vierstellig eingestellt wird.
Stattdessen kam eine empört-beleidigte Reaktion: "Die GEW ist unseriös, wir wissen erst im Frühjahr Genaueres." Begründung: Das "Ausscheidungsverhalten" der Lehrkräfte habe sich geändert. Es gebe weniger Austritte als früher (so in etwa Ludger Pieper auf einer Veranstaltung der GEW BERLIN mit künftigen BewerberInnen Anfang Dezember).
Zahlensalat oder seriöse Berechnungen?
Nach unseren Berechnungen brauchen die Schulen - unter den derzeit gültigen Organisationsvorgaben - Einstellungen im Umfang von mindestens 650 bis 700 Stellen. Denn das Schulgesetz sieht eine Reihe von Neuerungen vor, die Geld/Lehrkräfte kosten; dazu nur zwei Beispiele:
+ Wegen des vorgezogenen Einschulungsalters ziehen rund 13.000 SchülerInnen mehr in die 1. Klasse ein. Das erfordert nach eigenen Angaben des Senators am 9.1.04 im Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses 630 Stellen.
+ Damit die Schulzeitverkürzung (Abi nach 12 Jahren) klappt, müssen die 5. und 6. Klassen mehr Unterricht erhalten; das macht 180 Stellen aus.
Dazu kommen weitere Maßnahmen wie Schnellläuferzüge, mehr grundständige (altsprachliche) Züge, die zusätzliche Stellen erfordern.
Die berufsbildenden Schulen allein benötigen Einstellungen im Umfang von mehr als 250 Stellen. Die Lehrkräftebedarfsberechnung des berufsbildenden Bereichs ergibt einen Ausstattungsgrad von 100,2 Prozent zum 01.11.04. Hier fehlen auf 105 Prozent bereits 200 Stellen. Hinzu kommen noch einmal mindestens 70 bis 80 Stellen zum Ersatz der zwischen November 2004 und Schuljahresende durch Pensionierung frei werdenden Stellen.
Unsere Schlussfolgerung
Zum Schuljahresanfang 2005/2006 werden allein aufgrund der Veränderungen des Schulgesetzes über 1.000 Stellen mehr gebraucht. Die Lehrkräftebedarfsberechnung habe, so die Behauptung des Senators, zum 1.11.2004 890 KollegInnen "zuviel" auf der Gehaltsliste ergeben. Schon aus dieser Differenz ergibt sich ein notwendiger Einstellungsbedarf von über 100 KollegInnen zum 1. August 2005.
Hinzugerechnet werden müssen mindestens 500 Stellen als Ersatz für KollegInnen, die zwischen dem 1. November 2004 und dem 31. Juli 2005 die Berliner Schule verlassen werden. Es bleibt also bei der Notwendigkeit, zum Schuljahresbeginn mindestens 600 KollegInnen neu einzustellen, damit die Berliner Schulen wenigstens zum Schuljahresbeginn mit 100 Prozent plus 5 Prozent Vertretungsmittel ausgestattet sind. Die Notwendigkeit für weitere kontinuierliche Neueinstellungen ist damit aber schon programmiert, weil es kein "Polster" einer rechnerischen Überversorgung mehr gibt.
Warum dann das ganze Theater?
Hintergrund könnte ein Streit zwischen dem Finanzsenator und dem Bildungssenator über die Anzahl der zu finanzierenden Stellen sein. Eventuell ist Thilo Sarrazin nicht mehr bereit die Altersteilzeitkosten zu bezahlen, sondern will nur noch das Geld für die tatsächlich geleisteten Stunden überweisen. Weil 2005 Mittel im Umfang von 600 bis 650 Stellen gebraucht werden, um die durch die Altersteilzeit bedingte Freistellung bezahlen zu können, liegt diese Vermutung nahe.
Weil Bildungssenator Klaus Böger sich wieder einmal nicht im Senat durchsetzen konnte, werden die Verhältnisse auf den Kopf gestellt. Eigentlich sollte die Altersteilzeit dazu dienen, Stellen vorzeitig freizumachen und möglichst rasch jungen Lehrkräften eine Einstellungschance zu eröffnen. Im Hause Böger droht aber genau die Umkehrung: Weil ältere KollegInnen vorzeitig ihre Stelle frei machen, werden jüngere nicht eingestellt! Das verstehe, wer will!
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