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Nr. 12/2001
Schule soll nicht mehr krank machen
Auf Initiative des Gesamtpersonalrates gibt es jetzt erste gesundheitsfördernde Projekte, um Krankheiten und Frühpensionierungen entgegenzuwirken.

Im August 1999 wurde von den Gewerkschaften und der Senatsinnenverwaltung die Vereinbarung zum Gesundheitsmanagement in der Berliner Verwaltung unterzeichnet. Ziel dieser Vereinbarung war, "im Interesse der Beschäftigten und der Dienststellen die Gesundheit in der Berliner Verwaltung zu fördern". Dabei wurde "aktive Gesundheitsförderung (als)... ein wichtiger Beitrag zur Humanisierung der Arbeitswelt" verstanden. Was ist seitdem passiert ?

Zunächst wurde darüber geredet. Ist ja auch mal schön, über Gesundheit zu reden. Im Landesschulamt (LSA) tat sich dagegen lange Zeit nichts. Die Pensionierungswelle rollte, aber die Verantwortlichen begriffen nichts. Nun tut sich ein kleiner Lichtblick auf. Im Frühsommer bot die Senatsinnenverwaltung an, Gesundheitsförderprojekte in den einzelnen Verwaltungen vor zu finanzieren. Dank der Initiative von Personalräten reichte der Gesamtpersonalrat (GPR) insgesamt 12 Projektvorschläge ein und konkretisierte drei Projekte durch Kostenvoranschläge und Details für die Durchführung. Auf einer Sitzung der Steuerungsgruppe für das Gesundheitsmanagement bekam das LSA aufgrund dieser Vorschläge eine Zusage über 70 000 DM zur Durchführung von Gesundheitsförderprojekten. Wir wollen zwei dieser Projekte vorstellen:

Alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung in der Schule.

Das Durchschnittsalter der Berliner Lehrerinnen und Lehrer lag im Mai 2000 bei 46,85 Jahren. Der höchste Altersdurchschnitt findet sich mit 49,29 Jahren bei den Gymnasiallehrer-innen (westliche Bezirke) und an den berufsbildenden Schulen mit 48,31 (westliche Bezirke). Diese Zahlen klingen zunächst wenig dramatisch, bekommen jedoch einen anderen Hintergrund, wenn man die Zahl der über 50 jährigen Lehrkräfte addiert. Von über 33000 Lehrkräften sind knapp 1/3 über 50 Jahre alt.

Eine Untersuchung im Bezirk Charlottenburg in den Jahren 1998-2000 ergab in diesem Bezirk ein Pensionierungsdurchschnittsalter von 57 Jahren bei 170 Fällen vorzeitigen Ruhestandes. Im selben Zeitraum erreichten nur drei Kollegen/innen das 65. Lebensjahr, vier das 64. Lebensjahr, elf das 63. Lebensjahr und sechzehn das 62. Lebensjahr im aktiven Dienst. Beratungsgespräche mit diesen Kolleginnen zeigten, dass ein großer Teil von ihnen Alternativen zur vorzeitigen Pensionierung gegenüber sehr aufgeschlossen waren, wenn sie in einer spürbaren Entlastung von Unterricht und Erziehung bestanden hätten.

Über die Ursachen der Frühpensionierungen mag man dennoch spekulieren, die Kosten für Ersatzeinstellungen summieren sich auf konkrete 80 000 000 DM je Jahr. Vermutet werden darf, dass viele KollegenInnen ausgebrannt und den Belastungen der täglichen Unterrichtsarbeit nicht mehr oder nicht mehr vollständig gewachsen sind. Also den geforderten Flexibilisierungs- und Innovationsansprüchen nicht mehr genügen.

Professor Rudow von der Universität Merseburg hat in einer Untersuchung im Auftrag der Max-Träger-Stiftung 1999 als besondere Belastungen im Lehrerberuf die folgenden Punkte herausgestellt: Klassengröße, Verhaltensstörungen von Schülern, aggressives Verhalten, hohe Unterrichtsverpflichtung, Kommunikationsstörungen und Spannungen im Kollegium sowie mangelnde Unterstützung durch Vorgesetzte, Intrigen, Mobbing, Überforderung durch Aufgaben, die von außen an die Schule herangetragen werden, hoher Verwaltungsaufwand neben der pädagogischen Arbeit und mangelnde äußere Anerkennung.

Das Projekt "Alter(n)sgerechte Arbeitsgestaltung in der Schule" soll die unterschiedlichen Überforderungen und damit krankmachenden Belastungen in Beziehung setzen zu gesundheitsförderlichen Bedingungen im Schulalltag. Als Ergebnis sollen individuelle Ressourcen gestärkt und Maßnahmen zur Verbesserung der Belastungssituation und Alternativen zur Frühpensionierung vorgeschlagen werden.

Ermittlung konkreter psycho-mentaler Belastungen von Berliner Lehrerinnen und Lehrern

Gesundheitliche Belastungen und Beeinträchtigungen sind verursacht durch eine Vielzahl von Belastungsfaktoren. Ein großer Teil dieser Belastungsfaktoren sind arbeitsbedingt. Um wirksame Maßnahmen zur Belastungssenkung am Arbeitsplatz Schule vorschlagen zu können, müssen zumindest vier wissenschaftliche Voraussetzungen erfüllt sein:

Erstens die relevanten Belastungsfaktoren müssen bekannt sein. Zweitens müssen sie in ihrer konkreten Ausprägung am Arbeitsplatz zuverlässig analysiert werden können. Drittens muss ihre gesundheitsschädigende Wirkung wahrscheinlich sein. Und viertens muss es sich um Faktoren handeln, die von den Entscheidungsträgern (Kollegium, Schulleitung, Schulaufsicht, Landesschulamt, Politik) beeinflusst werden können.

Es gibt gegenwärtig für den Bereich Arbeitsplatz Schule kein anerkanntes Verfahren/ Instrumentarium zur Erfassung psychomentaler Belastungen. Mit dem vorgeschlagenen Projekt (Pilotstudie) sollen existierende Untersuchungsinstrumente auf ihre Tauglichkeit für die Berliner Schule hin überprüft und bewertet werden. Dies soll besonders unter den beiden Schwerpunkten "Belastungen durch hohe Klassenfrequenzen" und "Belastungen durch die Verteilung der Gesamtmenge unterrichtlicher Tätigkeit auf die Wochentage" geschehen. Inwieweit sich festgestellte Belastungen gesundheitlich auswirken, muss durch die Erfassung geeigneter Gesundheitsindikatoren und durch Berechnung des Zusammenhanges mit den Belastungsfaktoren ermittelt werden. Die Ergebnisse der Zusammenhangsberechnungen werden Empfehlungen zur Belastungssenkung ermöglichen.

Präventives Gesundheitsmanagement an Berliner Schulen

Der LehrerInnenberuf ist gekennzeichnet durch hohe psychische Belastungen, die sich auf die Gesundheit auswirken. Erhöhte Krankheitsquoten, Frühpensionierungen und das bei pädagogischen Berufen nach einer Reihe von Berufsjahren relativ häufig zu findende "Burn-Out- Syndrom" werden mit großer Wahrscheinlichkeit durch diese hohen psychischen Belastungen verursacht. Die bisher vorliegenden Untersuchungen über Belastungen im Lehrerberuf (Rudow, Schaarschmidt, Schönwälder, Plum, Sieland, Tacke u.a.) fokussierten sich überwiegend auf Belastungen durch Arbeitszeit, hohe Klassenfrequenzen, Schülerverhalten, Korrekturaufwand, hohe Komplexität und Variabilität der pädagogischen Aufgaben. Belastungen, die durch Schulorganisation, durch gestörte Kommunikation in den Kollegien und durch Mängel im Führungsverhalten verursacht werden, sind bisher kaum zum Gegenstand von Untersuchungen gemacht worden. Ziel dieses Projektes ist es, diese Lücke zu schließen um dadurch einen Beitrag zur Verbesserung des präventiven, ganzheitlichen Gesundheitsschutzes an Schulen zu leisten. Konkret sollen mit diesem Projekt Kommunikation und Kooperation unter LehrernInnen verbessert werden und die Arbeitsabläufe bei Schulverwaltung und Unterrichtsvorbereitung effektiviert werden. Motivation und Engagement der Kolleginnen und Kollegen sollen gesichert und dadurch unmittelbar der Krankenstand reduziert werden.

Als ein wesentliches Gesundheitsmanagement-Instrument wird bei diesem Projekt die Stundenplangestaltung angesehen.

Manfred Triebe
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