Theater kritisch gesehen
Von Hans-Wolfgang Nickel
„Hexe Hillary und der beleidigte Kontrabass“ ist erstens eine didaktisch vorzügliche Instrumentenkunde (Bläser) samt Einführung in die Kunstform Oper, zweitens ein Spielspaß mit vielerlei szenischen Überraschungen, drittens eine emotional reiche Geschichte über Verletzlichkeiten und Einsamkeiten, über (menschliches, musikalisches) „Zusammenspiel“ zwischen dem alt und einsam gewordenen Orchesterwart (dem „beleidigten Kontrabass“) und Hillary. Dabei übernimmt die Hexe in ihrer unkomplizierten Direktheit, ihrer frischen Frechheit, ihrer neugierigen Abenteuerlust des ungenierten Ausprobierens den „Kinderpart“; sie ist Sprachrohr und Identifikationsfigur und eigentlich selbst noch ein Kind mit ihren 374 Jahren. Zum Abschluss dürfen die ZuschauerInnen in der Neuköllner Oper sogar noch in die Tuba blasen. Also rundum empfehlenswert (ab 5).-
Rambazamba spielt „Salto! Ein Schiff wird kommen“ – ein Stück der Sehnsucht mit Assoziationen zu Hafen und Meer, zu Insel und Freiheit, zu Liebe und Geborgenheit. Viele farbig-chaotische Einfälle, mehr als das Stück verträgt; Musik, Lieder, faszinierende Kostüme und Schminkmasken; zwischendurch der (vergebliche) Versuch, durch einen Showmaster ein wenig Orientierung in das Durcheinander zu bringen. Trotz der störenden Überfülle, die einiges bis zur Beliebigkeit entwertet, immer wieder berührend und mitreißend.
Dreist und blöde hat der Tagespiegel am 11.12. 04 eine ganzseitige (!), unsägliche, zusammenfantasierte Fiktion über das Grips-Theater veröffentlicht. Deshalb mit allem Nachdruck: Grips, Berlins wichtigstes und wirkungsvollstes Nachkriegstheater, seit 40 Jahren ein Theater ohne Intendantenkrise, hat inzwischen klassischen Rang und inszeniert durchaus zu Recht die 1986 uraufgeführte, immer wieder überarbeitete „Linie 1“ im Urtext. Die Neuinszenierung ist bunter und schriller als zuvor, die Story immer noch packend; immer noch sind klar die politischen Wertungen, die Parteinahme für die kleinen Leute, der Mut, die entscheidenden Fragen nach Lebenssinn und Glück zu stellen – gerade am Rande der „guten“ Gesellschaft. Eher noch wichtiger als ehedem: die Sehnsucht nach wirklicher Kommunikation zu formulieren und Ansätze zu ihrer Realisierung zu zeigen. Und überdies ist die Linie 1, bei aller „innenpolitischen“ Kritik, eine überzeugende Einführung in Berliner Leben und eine witzige Werbung für Berlin. Also immer wieder: hingehen (ab 15)!
„Der Traum ein Leben“ in der Werkstatt der Kulturen ist eine bildkräftige, sprachlich disziplinierte, formschöne Inszenierung eines selten gespielten Grillparzer-Stücks. Die Handlung, im ersten Teil durch die (formal eindrucksvollen) Personenverdoppelungen noch verunklart, erschließt sich erst nach der Pause, weil auch „Traum“ und „Leben“ nur wenig voneinander abgesetzt sind. BesucherInnen sollten also einiges von Grillparzer und seinem Stück wissen (ab Sek II).
„Kunst und Gemüse“ in der Volksbühne ist ein sinnloses Gemisch absonderlicher Figuren, das sich ziel- und spannungslos dahin schleppt. Hineingewürfelt wird Schönbergs erste Zwölfton-Oper „Von heute auf morgen“, sauber musiziert. Schade um Schönberg. Auch „Meine Schneekönigin“ hat leider nur einige faszinierende Momente. Castorf begnügt sich nicht mit dem Märchen von Andersen, sondern mischt weitere Texte und Figuren des Autors, eigene Einfälle, schauspielerische und theatrale Bravournummern hinein, bis nur noch ein zäher und zäher werdendes (sinnloses oder beliebiges) Durcheinander bleibt - keine Inszenierung, sondern Bühnenmaterial, das erst noch sortiert werden müsste.
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