| Über 600 künftige Lehrerinnen und Lehrer beginnen ihr Referendariat
So viele waren es schon lange nicht mehr. Am 21. November wurden über 600 neue Lehramtsanwärter/innen (ein schreckliches Wort) zu Beamten geschlagen. Vor allem die beharrlichen Bemühungen der GEW BERLIN haben dazu beigetragen, dass es insgesamt 100 zusätzliche Referendariatsplätze gibt. Wie immer klingelten in den Monaten vor der Einstellung die Telefone in der GEW heiß. "Werde ich eingestellt? Warum nicht? Wann beginnt das Referendariat? Kann ich mir die Schule aussuchen? Soll ich mich privat versichern? Kann ich nebenher jobben? Hilfe, ich bin schwanger!..." Fragen über Fragen, auf die die Bewerber/innen in der Regel weder von der Uni noch vom Landesschulamt befriedigende Antworten erhalten. Die GEW BERLIN hat in den letzten Jahren ihr Service- und Beratungsangebot für angehende Lehrerinnen und Lehrer weiter ausgebaut (siehe Seite 20). Immer häufiger wird dabei über die Internetseite der GEW BERLIN der erste Kontakt hergestellt. Dieser Service ist wichtig und notwendig, auch um vorhandene Hemmschwellen gegenüber der Gewerkschaft abzubauen.
Die GEW BERLIN ist aber mehr als eine Serviceeinrichtung. Seit einiger Zeit wird wieder heftig über Missstände und notwendige Veränderungen in der Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern diskutiert. Das Referendariat, seine Struktur und seine Inhalte stehen dabei weit oben auf der Mängelliste. Die Diskussion, die auch in der blz in diesem Jahr geführt wurde, ist zum großen Teil durch negative Einschätzungen von Referendare/innen über ihre Ausbildungssituation geprägt (siehe blz 6/01). Viele hat dieses Bild erschreckt. "So schlimm hätte ich mir das nicht vorgestellt", schrieb eine ganze Reihe von Noch-Studierenden an die GEW. Einige Seminarleiter/innen fühlten sich auch persönlich von dem negativen Pauschalurteil betroffen.
Die LehrerInnenbildung muss reformiert werden
Natürlich wird die Suppe immer heißer gekocht, als sie gegessen wird. Es ist aber unbestritten, dass das Referendariat in der jetzigen Form den Anforderungen an eine moderne und zukunftsfähige LehrerInnenbildung nicht gerecht wird. Eine der Schwachstellen ist dabei zweifellos das Korsett von persönlichen Abhängigkeiten, wenig transparente Bewertungen und die strukturelle Förderung von Einzelkämpfertum. Die an den Unis inzwischen zum Alltag gehörende Evaluation von Lehrveranstaltungen ist im Referendariat häufig noch ein Fremdwort. Wenn bei vielen das Gefühl überwiegt, hoffentlich ist es bald vorbei, kann etwas nicht stimmen.
Inzwischen stapeln sich bundesweit die Vorschläge und Ideen, wie die LehrerInnenbildung insgesamt reformiert werden sollte. Der um sich greifende Lehrermangel hat den Handlungsdruck verschärft. Die Modellversuche zur Einführung von Bachelor- und Master-Abschlüssen in der Lehrerausbildung in Nordrhein-Westfalen haben dabei der Diskussion einen neuen Schwung verliehen. Auch in Berlin ist damit zu rechnen, dass eine neue Landesregierung sehr bald die Novellierung des Lehrerbildungsgesetzes in Angriff nehmen wird.
Die GEW BERLIN wird sich aktiv in diese Debatte einmischen und hat dazu eine Arbeitsgruppe "Reform der LehrerInnenbildung" ins Leben gerufen. Sie soll bis zum Frühjahr 2002 ein Positionspapier vorlegen. Begleitend dazu wird es im Januar und im Februar zwei Werkstattgespräche geben - zur Reform des Referendariats und zu Bachelor und Master in der LehrerInnenbildung. Wichtig ist, dass sich Lehramtsstudierende und Referendare/innen an der Positionsbildung beteiligen. Wer daran interessiert ist, melde sich bitte bei der GEW.
Allen, die jetzt ihr Referendariat begonnen haben, wünschen wir viel Erfolg. Patentrezepte gibt es nicht. Eines scheint aber wichtig zu sein: Man sollte versuchen, über den eigenen Tellerrand hinauszuschauen und den Kontakt zu anderen Referendaren/innen und Anwärter/innen auch außerhalb der Seminargruppen herzustellen und zu pflegen. Nicht zuletzt bietet sich dafür die Gruppe "Junge GEW" in der GEW BERLIN an. Und: Es gibt noch ein Leben neben dem Referendariat.
Matthias Jähne |