| In der Oktober-blz hat Marianne Strohmeyer vom Steglitzer Willi-Graf-Gymnasium über ihre Erfahrungen mit der versuchsweisen Einführung von Schulkleidung berichtet. Hier jetzt der Bericht von Erich Beyler, dessen Klasse ebenfalls an diesem Experiment teilgenommen hat.
An der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Hauptschule nahm meine ehemalige 10. Klasse vom Mai bis zu den Sommerferien an dem Experiment "Schuluniformen" teil. Insgesamt kann ich den Versuch nur als sehr positiv bewerten und finde, die Lehrerverbände sollten sich für die weitere Erprobung der Schuluniform stark machen.
Dass meine Schüler zum Schuljahresende die Schulkleidung, schwarze Hosen, schwarzes Fleece-Shirt mit Emblem und weißes T-Shirt mit Emblem satt hatten, lag eher daran, dass der Medienrummel übergroß und der Versuch, da nur zwei Schulen an dem Experiment teilgenommen hatten, im Reagenzglas durchgeführt worden war. Es beeindruckte zunächst einmal, wie schnell die Durchführung des Vorhabens gelang. Wenn sonst bergeweise Papier in Form von Anträgen geschrieben werden muss, um irgendeine Veränderung der Schule herbeizuführen, wenn sonst dafür langjährige Wartezeiten einzukalkulieren sind, so vollzog sich hier alles im Zeitraffer.
Meine Schulklasse arbeitete am Projekt "Zeitung in der Schule", wir lasen einen Artikel zum Thema Schuluniformen, ein Schüler schrieb ein Fax an die Redakteurin, Frau Kögel vom Tagesspiegel, kurze Zeit später gehörten wir zu den Auserwählten und trugen die Schulkleidung. Einzige Verzögerung: Der erste Sponsor war abgesprungen.
Schulkleidung befreit
Erstaunlich war für mich die Auswahl der Schulkleidung durch meine Schüler. Nichts Lässiges, nichts Auffälliges, etwas Vornehmes wurde ausgesucht: Die oben beschriebene Kleidung wird von der Amateur-Golf-Nationalmannschaft getragen.
In dieser Entscheidung ist der Wunsch zu sehen, sich von der sogenannten Kleiderfreiheit, anders ausgedrückt: dem Markenzwang, zu befreien. Sich zu befreien von dem tagtäglichen Kampf vor dem Spiegel und die Erlösung von dem teuren Prestige. Und: Eigentlich soll unsere Schule ja nach außen hin ansehnlich sein. In der Diskussion mit den Eltern meiner ehemaligen Schüler habe ich erfahren, wie schwer es vielen Eltern fällt, auch nur angehend den Wünschen der Kinder zu entsprechen. Auf wie viel verzichtet werden muss, um Turnschuhe für 250 DM und mehr zu kaufen; die dann kurz später schon wieder out sind, welcher ständige Streit um die Kleidung entsteht. Nicht selten verschulden sich Familien, um hier mithalten zu können. Die Schüler, bei denen zu Hause um den Pfennig gerechnet werden muss, waren erleichtert. Sie fühlten sich sonst ständig ausgegrenzt, weil ihre Kleidung von Aldi, Woolworth oder sonst einem Billiganbieter stammt. Durch die Schulkleidung war dieses Leiden für sie vom Tisch.
Schulkleidung bringt Identifikation
Schulkleidung kann einer Schule zur Identitätsfindung dienen. Was sind wir schon? Hauptschüler aus Friedrichshain-Kreuzberg, einem Arme-Leute-Bezirk, eine Ost Schule. Auch wenn die häufige Anwesenheit der Presse nervig war, so war es doch für die Schüler der Schule erbaulich, die meist positive Resonanz in den Medien zu erfahren, zumal unsere Schule in dieser Zeit den bundesweit ausgeschriebenen 2. Hauptschulpreis erhielt, was ebenfalls durch die Öffentlichkeit gewürdigt wurde.
Verbraucher- und Werteerziehung
Ich weiß durch Gespräche mit vielen Kollegen, wie das ständige Zurschaustellen der Prunkstücke wie teure Uhr, teure Frisur, Markenschuhe, Superhandy usw. von den wirklichen Sorgen der Kinder und Jugendlichen ablenkt, wie viele Schulstunden den Bach runtergehen, weil ein Schüler ein einen neuen Midi-Player oder einen teuren Gameboy mitgebracht hat. Und ich kenne die Gesichter derjenigen, die sich so etwas nicht werden kaufen können. Aber auch die auserwählten sind unglücklich, weil es eben noch viel Teureres gibt und alles morgen schon wieder unmodern ist. Die Schulkleidung ist übrigens von mehr als 3/4 der Schüler unserer Schule positiv angenommen worden. Das häufigste Argument: ..."dann brauche ich nicht so teure Sachen kaufen." Die Einführung der Schulkleidung müsste jedoch einhergehen mit einer umfassenden kritischen Verbrauchererziehung einerseits und dem Suchen nach wirklichen Werten andererseits. Bei künftigen Versuchen sollten daher Klassen aus Grundschulen gewählt werden und dann auch nicht nur eine Klasse einer Schule.
Erich Beyler |