Theater kritisch gesehen
Von Hans-Wolfgang Nickel
Jubel im Grips. „Bella, Boss und Bulli“ ist von der Story her die spannende Kriminalgeschichte einer Erpressung von kleinen Schülern durch größere, der Größeren durch Große. Es zeigt aber vor allem die Sehnsucht von Kindern nach liebevoller Geborgenheit in der „Familie“ – wie immer reduziert diese Familie (gegenwärtig – wie hier auf der Bühne) auch ist. Meisterhaftes Tempo von Text wie Inszenierung, Einblick in unterschiedliche Lebensverhältnisse, nachvollziehbare Situationen - schon für Kleine werden Kommunikation, ihre Bedingungen und Erfordernisse durchsichtig gemacht (ab 6).
Die „Liebe kommt“ zu drei Generationen; im Mittelpunkt stehen die Halbwüchsigen; die 41- und die 71-jährigen aber sind keineswegs nur Kontrastfiguren, sondern sehr lebendig in ihren (wiederholten, neuen) Begegnungen mit Liebe, Sehnsucht, Zärtlichkeit, Angst. Havarie bringt das Kunststück fertig, allen drei Geschichten, allen drei Generationen mit Witz, Tempo und überraschenden Einfällen gerecht zu werden, in den Normalkonstellationen unserer Gegenwartsfamilien Probleme sichtbar zu machen und sogar Lösungen anzudeuten, ohne banal zu werden. Ein sehr informatives Programmheft und eine Nachbereitung ergänzen die Aufführung, Zeichen dafür, dass hier nicht einfach Theater gemacht wird, sondern mit der Hilfe von Theater soziale Bildung stattfindet (ab 12). Gratulation im Übrigen nach Potsdam, dass an der Schiffbauergasse ein neues Kulturzentrum auch für Freie Gruppen entsteht.
Mit Intensität und Kreativität der Kinder-Jugendtheater scheinen die „großen“ Theater nicht mithalten zu können. In der Volksbühne vergnügen sich drei Schauspieler mit „Philoktet“ (ohne Rücksicht auf das Publikum: „Wir spielen für uns, nicht für Euch“, murmeln sie zwischendurch). Der scharfe Heiner-Müller-Text wirkt zunächst auch ohne stützende Inszenierung; allmählich aber wird die Vorführung lahm, belanglos.
Theater Thikwa und die Stadthirsche haben sich im Tacheles auf ein gewagtes Projekt eingelassen. Im „Maison de Santé“ zeigen sie absonderliche Figuren, die sich letztlich alle als Insassen einer Psychiatrie enthüllen. Räumlich-optisch wird die Aufführung dem Text von E. A. Poe faszinierend gerecht; spielerisch irritiert die Jonglage zwischen „Irrsinn“ und „Normalität“ durch den Zwiespalt zwischen natürlichem und Kunst-Ausdruck (ab Sek II).
„Freiheit“, aufgeführt beim (an sich sehr verdienstvollen) 100-Grad-Festival der Berliner Freien Gruppen, ist eine krüde Mischung, inkompetent angeleitet, durch Pseudo-Professionelles ergänzt – trotzdem bewegend, was die spielenden Frauen von der JVA Lichtenberg ausdrücken. Leider also ein schlechtes Beispiel von Gefangenentheater. Immerhin macht es deutlich, wie wichtig Theater in diesem Bereich sein könnte und – trotz allem – ist.
Beglückend wiederum viele Aufführungen bei den 14. Tanztagen in den Sophiensälen. Unter dem eher irreführenden Titel „Dekonstruktion eines Fanatikers“ gibt es eine Kombination von Tanz und Sprache, die Eroberung von Raum, eine (endlich einmal) sinnvolle Einbeziehung von Video. Charme und feiner Humor bei der Uraufführung „so oder so“; ein Beziehungsspiel auch über weite Distanzen, intensive Begegnung auch in der Unbeweglichkeit, Spannung auch ohne grobe Effekte.
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