GEW Berlin
GEW BERLIN
Home  
Aktuelles  
Adressen  
Downloads  
GEW-Zeugnis  
Gruppen|Gremien  
Informationen  
Inhalt  
Lehrproben  
Mitgliederportal  
Mitglied werden  
Seminare  
Service  
Themen  
Veranstaltungen  
Zeitschrift (blz)  
Impr./Kontakt  
Nr. 01/2002
Schwerpunkt: Bildungsfinanzierung
Bildungsfinanzierung und soziale Gerechtigkeit

Fortsetzung, erschienen in blz 02-03/2002

Tabelle 1
Bildungs- und Forschungsaufwendungen in der BRD 1998
Öffentliche Hand 210 - 220 Mrd. DM
Davon Bund 30 Mrd. DM
Länder 160 Mrd. DM
Gemeinden 30 Mrd. DM
Wirtschaft 130 - 140 Mrd. DM
Privateinkommen 80 - 90 Mrd. DM
Gesamt 420 - 450 Mrd. DM

Tabelle 2
Bildungsaufwendungen nach Bildungsbereichen 1998 in Mrd. DM und anteilig
Elementarbereich 30 Mrd. DM 7,0 %
Allgemeinbildende Schulen einschl. Versorgungsaufw. u. Nachhilfe 100 Mrd. DM 23,0 %
Berufliche Ausbildung einschl. Versorgungsaufwand und BA 65 Mrd. DM 15,0 %
Hochschulen einschl. Versorgungsaufw., Transfers, priv. Studienfin. u. BaföG 70 Mrd. DM 16,0 %
Weiterbildung, einschl. Meister-BaföG u. BA 120 Mrd. DM 27,5 %
Sonstige Fördermaßnahmen 50 Mrd. DM 11,5 %
Gesamt 435 Mrd. DM 100,0 %

Tabelle 3
Kindergartenbesuch und Anteil der Elternbeiträge am Haushaltseinkommen (HE) nach Einkommensquintilen (1996) in Prozent
Anteil der Kinder, die Kita besuchen Anteil Elternbeitrag am Haushaltseinkommen
1. Quintil (niedriges HE) 34,0 4,1
2. Quintil 44,1 3,3
3. Quintil 47,5 3,3
4. Quintil 42,4 3,0
5. Quintil (hohes HE) 33,6 2,3

(Quelle: Wochenbericht des DIW 18/2000 v. 4.5.2000)

(Ab hier wird der Text in der blz 02/02 abgedruckt7)

Was tun?

Zunächst ist zur Kenntnis zu nehmen, dass sehr viele Menschen sehr viel Geld aus ihrem Privateinkommen für Bildungszwecke aufwenden und dass sie dies in der Regel auf Grund einer privaten Kosten-Nutzen-Rechnung tun. Davon zu reden, dass Bildung öffentlich finanziert wird, ist deshalb bestenfalls die halbe Wahrheit.

Weil Bildung auch einen privaten Nutzen hat, wie hoch wir ihn auch immer einschätzen mögen, wurden neben den öffentlichen Leistungen aus Steuermitteln oder Kircheneinnahmen auch immer Mittel aus privatem Einkommen als Beiträge erwartet. Dabei wurden zunehmend soziale Aspekte berücksichtigt, d.h. Einkommensschwache von solchen Beitrags- und Gebührenzahlungen teilweise oder ganz befreit und ggf. darüber hinaus durch Beiträge zum Lebensunterhalt, Stipendien genannt, gefördert.

Die Entwicklung im Nachkriegsdeutschland ist dadurch gekennzeichnet, dass zum einen die Beitrags- und Gebührenbefreiungen zunächst auch auf die Besserverdienenden ausgedehnt wurden - durch Einführung der Schulgeld-, Lernmittel- und Studiengebührenfreiheit - und in einem folgenden Schritt dann die Beiträge zum Lebensunterhalt für die Kinder aus einkommensschwachen Familien reduziert bzw. für Schülerinnen und Schüler nahezu vollständig abgeschafft wurden. Die Herstellung dieser Gleichbehandlung hat, wie aus den letztjährigen Statistiken über die soziale Herkunft von Abiturienten und Studienanfängern unschwer entnommen werden kann, die schichtenspezifische Selektivität des Bildungswesens wieder verschärft.

Die noch viel weitergehende Gleichbehandlung in der DDR forcierte folgerichtig in geradezu ständestaatlicher Weise die Selbstergänzung der Hochschulabsolventen:

Tabelle 4
Berufliche Qualifikation der Väter von Hochschulstudenten und der 45 - 50jährigen Männer insgesamt in Prozent

Väter

Ohne

Facharbeiter

Meister

Fachsch.A

Hochschul.A

FS/HS

1977

4

34

17

21

24

45

1982

1

25

13

22

39

61

1988

1

19

12

21

47

68

45 - 50jährige 1984

12,4

52,6

10,4

13,6

11,0

24,6

(Quelle: Lenhardt, Gero/ Stock, Manfred: Bildung, Bürger, Arbeitskraft, Ffm 1997)

Die Gleichbehandlung hatte neben der unmittelbar finanziellen, also Gebühren und Beiträge betreffenden Dimensionen auch eine, die die gezielte pädagogische Förderung ausschloss und ausschließt, wie ich am NRW-Beispiel zum Förderunterricht in der 10. Hauptschulklasse veranschaulicht habe. Die für die Bildungseinrichtungen durchgesetzte „Gleichbehandlungsmaxime" verlegt die Förderung, sei es der leistungsschwachen, sei es der leistungsstarken oder der mit besonderen Interessen in den privaten Bereich. Damit aber machen wir die Entwicklungsmöglichkeiten von Kindern nahezu ausschließlich von den Bedingungen abhängig, die in den Familien herrschen, in die sie zufällig hineingeboren worden sind.

Wenn wir allen Kindern gleichermaßen gerecht werden wollen, müssen wir statt der Gleichbehandlung Differenzierung nicht nur erlauben, sondern fordern und fördern. Wir müssen dies auch tun im Wissen darum, dass am Ende nicht Gleichheit stehen wird, aber dass alle einen Mindeststandard erreichen, von dem wir annehmen, dass er zum Leben in dieser Gesellschaft notwendig ist. Das verlangt auf der anderen Seite, dass wir eine Kultur der Unterschiedlichkeit entwickeln und aushalten müssen.

Dafür aber bedarf es der Räume, vor allem aber der Zeit, insbesondere der Tageszeit.

Mehr Förderung und Ganztagserziehung ist nötig

Die Grundlegung aller Bildung - wobei ich nicht nur die intellektuelle, sondern auch die emotionale und soziale Bildung meine - erfolgt in den frühen Kinderjahren. Versäumnisse in der Bildungsförderung in dieser Zeit, also zwischen dem 1. und 6. Lebensjahr, prägen, von Ausnahmen abgesehen, den Erfolg in allen folgenden Bildungsphasen. Wer also mehr soziale Gerechtigkeit will, muss alle Anstrengungen in die Förderung von Kindern legen und zwar nun auch nicht nur bis zum 6. Lebensjahr, sondern bis in die Pubertät hinein, also bis zum 14./15. Lebensjahr.

Gerade weil 25, 30 oder auch 40 Prozent der Familien ihren Kindern nur wenig Hilfen bei der Erreichung schulischer Lernziele geben können, ist die Ganztagserziehung von Kindesbeinen an zu fördern. Ganztagskinderkrippen und Kindergärten sowie Ganztagsschulen müssen deshalb bis weit in die Sekundarstufe I hinein die Regelschulen werden. Um sich nicht dem Verdacht auszusetzen, die Kinder den Eltern entfremden zu wollen, sollte eine Anzahl von Halbtagsschulen als Angebotsschulen erhalten bleiben.

Ganztagserziehung nützt nicht nur den Einkommensschwachen, wenn die Ganztagsbildungseinrichtung nicht zu jenem Ersatz verkommt, der als „Schule mit ganztägiger Betreuung" oder ähnlich in die Un-Pädagogik einzugehen droht. Ganztagsbildungseinrichtungen können sich der unterschiedlichen Neigungen und Fähigkeiten sehr viel besser annehmen und damit sowohl leistungsstarke wie leistungsschwache Kinder und Jugendliche angemessen fördern.

Am Beispiel der Wirkung gestaffelter Kindergartenbeiträge habe ich deutlich gemacht, welche - ich unterstelle jetzt einmal um des lieben Friedens Willen: unbeabsichtigte - Folgen dieser Versuch der öffentlichen Hände, an mehr Geld zu kommen, haben kann. „Eine Sonderung der Schüler nach den Besitz- und Einkommensverhältnissen der Eltern" kann nur verhindert werden, wenn in den Bildungseinrichtungen vom Kindergarten an umfassend gefördert wird, das leistungsschwache Kind ebenso wie das leistungsstarke. Wir benötigen deshalb gute und gut ausgestattete Bildungseinrichtungen von der frühesten Stufe an. Und diese Bildungseinrichtungen, in denen es um die allgemeine, die Menschenbildung geht, müssen gebühren- und beitragsfrei sein, weil selbst jede Form der Staffelung entweder nur eine Pseudo-Staffelung ist, wenn sie nämlich die Spreizung der Einkommen nur geringfügig abbildet, oder aber zur sozialen Segregation führt. Es muss durch gute Arbeit alles getan werden, damit diese Einrichtungen für alle Eltern, unabhängig von deren Einkommen und sozialer Stellung, attraktiv sind. Nur so führen sie junge Menschen aus allen sozialen Schichten zusammen und lassen sie das achtungsvolle Miteinander erfahren.

Die Wirtschaft muss sich auch finanziell beteiligen

Wenn der Zusammenhang von aktueller Bildungsteilnahme und späteren Einkommenschancen offensichtlicher wird, halte ich die Beteiligung der Einzelnen an diesen im wesentlich öffentlich finanzierten, aber privat verwerteten Vorteilen für vertretbar. Für mindestens ebenso wichtig, wenn nicht gar für entscheidender hinsichtlich des Gesamtfinanzierung des Bildungswesens aber halte ich, dass wir einem wichtigen vom Bundesverfassungsgericht 1980 in seinem Urteil zur Ausbildungsplatzabgabe verkündeten Grundsatz endlich generell zum Durchbruch verhelfen, nämlich dass die Qualifikation der Arbeitskräfte Aufgabe, vor allem auch finanzielle Aufgabe der Arbeitgeber ist. Während noch 1975 eher 85 als 75 Prozent aller Hochschulabsolventinnen und -absolventen in die eine oder andere Form des öffentlichen Dienstes eintraten, allein 61 Prozent aller Universitätsexamina waren damals Lehramtsprüfungen, geht heute der größte Teil der Jungakademiker in die „private Wirtschaft". Die Bezahlung der Ausbildung für diese Berufstätigkeit aber erfolgt durch den Staat. Was wir benötigen, ist deshalb eine Beteiligung dieser privaten Wirtschaft an den Aufwendungen für die Hochschulausbildung. Vorbilder dafür können die Berufsakademien ebenso sein wie z.B. die Fachhochschulen des öffentlichen Dienstes, deren Studierende auch nicht nur von einem Gehalt in BaföG-Höhe leben müssen. Warum, was für Inspektorenanwärter üblich, nicht auch für Lehramtsanwärter möglich sein kann, will mir nicht einleuchten. Wer seine zukünftigen Lehrerinnen und Lehrer auf diese Weise gewinnt, der wird sich auch keine Sorgen um eine zu geringen Nachfrage nach dieser Ausbildung machen müssen.

Und zur Dualisierung der Ausbildung im Tertiären Bereich gehört selbstverständlich auch, dass sich die Beschäftigen an den möglichen Studiengebühren beteiligen. Denn in der heutigen betrieblichen Ausbildung wird die Teilnahme an Lehrgängen in Überbetrieblichen Ausbildungen (ÜAL) schließlich auch vom Arbeitgeber bezahlt.

Mehr Bildungsinvestitionen durch Umverteilung

Und schließlich ein Letztes: Wer nicht eine Ausweitung der Zahl der Insassen in Jugendgefängnissen will, wer weniger Ausgaben der Bundesanstalt für Arbeit für berufsvorbereitende Maßnahmen und außerbetriebliche Ausbildung von Schulabgängern will, von mir aus auch, um die Arbeitskosten zu senken, wer mehr Steuern von mehr berufstätigem Frauen will, der muss in Bildung investieren. Wer ein kulturvolles und soziales Umgehen im Miteinander will, wer Spitzenleistungen in Wirtschaft, Wissenschaft und Dienstleistungen, wer unsere Gesellschaft zu einer noch lebenswerteren entwickeln will, der muss in Bildung investieren. Das bedeutet Umverteilung der vorhandenen Mittel, auch Umverteilung zwischen den verschiedenen Bildungsbereichen, was zu Mehrbelastungen dort führt, wo es vertretbar ist, und zu Minderbelastungen bei jenen, bei denen sonst die Bildungsteilnahme unterbleiben müsste, Umverteilung auch zwischen öffentlichen und privaten Ausgaben, wo der private Nutzen eindeutig und erheblich ist, Umverteilung aber auch zwischen den Politikbereichen, denn gute Bildungspolitik spart in manchem anderen Bereich viel Geld für nachsorgende Maßnahmen.

Unser aller schwierigstes Politikproblem ist, dass die positiven, auch finanziell positiven Folgen solcher Umverteilungen erst nach geraumer Zeit spürbar werden. Für eine Übergangszeit muss deshalb nicht nur den Politikerinnen und Politikern, sondern auch jedem einzelnen Wähler und jeder einzelnen Wählerin verständlich und einsichtig dargestellt werden, dass angesichts der Versäumnisse der Vergangenheit beides bezahlt werden muss, die Heilung der angerichteten Schäden und die Vermeidung neuer. Dabei werden wir uns sowohl von einer Mitwirkung an den Versäumnissen nicht ganz freisprechen können, wir werden aber vor allem glaubhaft machen müssen, dass dies nicht wieder nur eine Pseudoreform zugunsten der Geldbeutel jener ist, die in den letzten Jahrzehnten zwar viel von Chancengleichheit geredet haben, aber nur Gleichbehandlung meinten.

Hören wir endlich auf mit punktuellen Forderungen und Reförmchen. Wenn wir wirklich eine gute Zukunft für Berlin und für unser Land wollen, dann müssen wir uns der Anstrengung, das Gesamte sehen zu wollen, unterziehen. Packen wir es an!

Christoph Ehmann
zurück nach oben
Login
Registrieren
Hilfe
Beitragsquittung für 2011 ausdrucken
Mitmachen: Projekte
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN
Mediadaten
Terminplan
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
Wir über uns
Kalender 2012/2013 bestellen
Service und Beratung
Ich möchte Mitglied werden
Mitglieder werben Mitglieder
Markt / Kleinanzeigen
Zeugnisprogramm