| Eine Veränderung, die nicht nur die Gymnasien betreffen wird.
Wenn es um Berliner Schulpolitik geht, ist man vor Überraschungen nie sicher. Das erfuhren auch die Teilnehmer an der Veranstaltung der Fachgruppe Gymnasien zum Thema Schulzeitverkürzung. Die Fachgruppe hatte zu diesem Thema eingeladen und wollte schwerpunktmäßig vor allem auch mit den Kolleginnen aus den Gesamtschulen und den OSZ über die Auswirkungen verschiedener Modelle diskutieren. Nach zweijähriger Tätigkeit einer Arbeitsgruppe in der Senatsverwaltung lag es nahe, sich schwerpunktmäßig mit dem Präferenzmodell des Schulsenators zu beschäftigen, der "Mainzer Studienstufe". Dieses Modell sieht eine Verkürzung der Schulzeit auf 12,75 Jahre vor.
Es kam jedoch ganz anders. Ein anderes Modell liegt auf dem Tisch. Sechs plus sechs heißt die neue Formel, sechs Grundschuljahre plus sechs Gymnasialjahre. Das heißt, eine Verkürzung um ein Jahr durch den Wegfall der Einführungsphase in der 11. Klasse.
Alle Schularten verändern sich
Der von der KMK gesetzte Rahmen von 265 Jahreswochenstunden ab Klasse 5 soll erhalten bleiben. Folglich müssen die 30 Stunden aus der 11. Klasse umverteilt werden. Zur Diskussion steht, dass 16 Stunden in die SEK I gehen und 14 in die SEK II. Das hätte erhebliche Konsequenzen auch für die Grundschule: Außendifferenzierung zur Verstärkung des Gymnasialanteils über die bisherigen fünf Stunden hinaus und, sowieso geplant, früherer Beginn der 1. Fremdsprache. Da es sich dabei in der Regel um Englisch handelt, wird man für Französisch Schwerpunktschulen einrichten müssen, was das Prinzip der Kiezschule weiter aufweichen würde.
Wenn in Deutsch, Mathematik und in der Fremdsprache (in beiden?) eine leistungsdifferenzierte Zuordnung erfolgt, fällt die Entscheidung für die spätere Schullaufbahn de facto schon in der dritten Klasse. Denn vermutlich wird nur aus den jeweils besten Kursen heraus ein Übergang in das Gymnasium möglich sein. Bei einem Drittel des Unterrichts in leistungsdifferenzierten Gruppen wird in vielen Grundschulen eine soziale Differenzierung die Folge sein. Das ist dann zwar noch mehr an Gemeinsamkeiten, als die FDP mit ihrer vierjährigen Grundschule zulassen will, aber doch eine starke Verwässerung der sechsjährigen Einheitsschule für alle. In der Sekundarstufe I wird an eine Erweiterung der Hauptfächer um eine Wochenstunde gedacht. Während das Gymnasium seine Organisationsstruktur im Wesentlichen unverändert beibehalten kann, ist an allen anderen Sekundarschulen der Gymnasialanteil nur durch die Errichtung besonderer Klassen (streaming) zu erreichen, was einer Auflösung der integrierten Gesamtschule gleichkommt. Die zweite Fremdsprache muss in diesen Schulzweigen spätestens ab Klasse 9 begonnen werden, anderenfalls ist die Durchlässigkeit gefährdet.
Unklar ist zurzeit noch, ob der einheitliche Sek I-Abschluss am Ende der 10. Klasse bleibt oder ob die Einführungsphase in diese Klassenstufe vorverlegt wird. Wenn Letzteres der Fall ist, würden Gesamt- und Realschüler von vornherein von dem verkürzten Bildungsgang ausgeschlossen.
Keine Kostenersparnis
Die Erhöhung der Stundenzahl in der Sekundarstufe II geschieht durch die Erhöhung der Leistungskursstunden von fünf auf sechs und durch die Ausweitung mancher Grundkurse auf vier statt drei Stunden. Im ersten Semester des neuen 11. Schuljahres soll ein Seminarkurs stattfinden, der mit einer besonderen Lernleistung endet. Damit ist diese dann samt dem dazu gehörigen Kolloquium für alle Schülerinnen verpflichtend!
Erfreut hat die Teilnehmer die Tatsache, dass der jährlich zunehmende Stundenbedarf bis zum Volumen von ca. 30 Stunden pro Zug vom Beginn der Einführung bis zum ersten Abitur zur Einstellung von Lehrern führt. Vermutet wird ein Zuwachs bis zu 450 Stellen. Erfreulich ist für uns die Aussicht auf weitere Neueinstellungen, denn schließlich sind nicht wir es, die ständig über das Sparen reden.
Ist dieses Modell nicht zu Ende gedacht oder ist der Kostenfaktor unwichtig, weil die Kosten nicht auf einen Schlag entstehen, sondern sich über mehrere Jahre verteilen und man endlich etwas Neues einführen kann? Erfahrungsgemäß wird in der Berliner Schule nicht langfristig geplant. Aber dann könnte man über inhaltliche Aspekte neuer Modelle nachdenken, möglicherweise ist ja auch an diesem Modell etwas sinnvoll. Auf jeden Fall muss endlich Schluss sein mit diesem zwar populistischen, aber völlig unsinnigen Argument Schulzeitverkürzung führe zu Einsparungen.
Es war eine spannende Veranstaltung. Viel Neues und Überraschendes, viel Vertrautes und Altbekanntes: Vor der Wahl hat Bildung Priorität, in den Koalitionsverhandlungen werden lange überlegte Modelle mal rasch verworfen und neue entsprechend entwickelt. Immer wird die Meinung von Experten gerne gehört. Aber sie interessiert letztendlich niemanden.
Die rege Diskussion am 21. November führte zu folgenden Forderungen:
- Reformüberlegungen vor inhaltlichem Hintergrund: Welche Schule wollen wir? Welcher Bildungsbegriff liegt der Berliner Schule zugrunde? Welche Qualität soll sie haben? Über welches Wissen, über welche Fähigkeiten und Fertigkeiten sollen die Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn verfügen? Welche Ausstattung brauchen Schulen um ihr Ziel zu erreichen?
- Revision der Rahmenpläne in der Sek II
- Beibehaltung der von der KMK gesetzten 265 Jahreswochenstunden zur Qualitätssicherung.
- "Abitur mit zwei Geschwindigkeiten" (12 und 13 Schuljahre) optional und schulformunabhängig.
- Erhalt der Wahlfreiheit bei der Zusammenstellung der Kurse.
- Einheitlicher Abschluss nach Klasse 10.
- Beibehaltung der einjährigen Einführungsphase für alle Schulen, insbesondere für Gesamtschulen mit gymnasialer Oberstufe und Oberstufenzentren.
Carola Giesen
Fachgruppe Gymnasien |