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Nr. 05 / 2005: Theater kritisch gesehen

Theater kritisch gesehen

Von Hans-Wolfgang Nickel

Im Carrousel überzeugt „Romeo und Julia“ durch Tempo und Intensität der Aktionen; musikalische Elemente helfen (die seltsamen Songs freilich nicht, sie halten die Handlung auf); die Kostüme sind eher ein buntes, belangloses Sammelsurium. Nach der Pause hat es die Aufführung schwieriger: sie ist zu lang; die Spannung wird nicht mehr gehalten; die Story (bei einer Erstbegegnung mit Shakespeare) ist nicht mehr ganz verständlich. -

„Faust“ im Deutschen Theater ist karg, schlank, auf Sprache gestellt, rhetorisch brillant, darstellerisch intensiv, von bestürzender Gegenwärtigkeit. Die Geschichte von Faust und Gretchen wird als bekannt vorausgesetzt; nicht durch Lektüre vorbereitete Schulklassen sollten vorab mindestens mit dem Schüler und Valentin, dem Bruder Gretchens, vielleicht auch mit Wagner bekannt gemacht werden (bei guter Vorbereitung und Verständnis für Sprache ab 9. Klasse).-

Die Gorillas haben ihr 5. Internationales Impro-Festival erfolgreich über die Bühnen gebracht; besondere Schülervorstellungen gab es bei den Vaganten; Abendveranstaltungen (Begegnungen der teilnehmenden Gruppen in der Improvisation) vor allem im Ratibor. Zugleich wurde eine besondere Aktion gestartet: die in Kanada sehr erfolgreichen „improv games“ auch in Berlin zu verbreiten; sie sind nicht nur ein unterhaltsamer Spaß, sondern als Eigenaktivitäten und Erfahrungsraum für Schüler auch pädagogisch sinnvoll. Zu fragen ist nur, ob sie unbedingt über Wettbewerb transportiert werden müssen (nähere Informationen unter www.die-gorillas.de).-

„Casting in Kursk“ im theater 89 zeigt heutiges Russland - freilich nicht sehr weit von deutscher Gegenwart entfernt. Reale Lebensumstände werden bis zur Groteske entwickelt: eine fantastische Arbeitsmöglichkeit im fernen Singapur lässt eine Gruppe von Frauen zum Casting drängen. Ihre Unterschiedlichkeit ermöglicht vielfache Einblicke in soziale Situationen; trotz Wettbewerb und Konkurrenz solidarisieren  sich die Frauen miteinander, sind auch in Notsituationen noch handlungsfähig -  ihre Männer dagegen eher Versager  (ab 10. Klasse).

„Zerbombt“ in der Schaubühne lebt von der Kunst seiner Dialoge, die komplizierte Beziehungen umspielen; inhaltlich ist es letztlich sehr simpel, breitet krüde Details in  szenischen Aktionen aus, kontrastiert sie mit opulenter Ausstattung und dem spektakulären Zusammenbruch des Bühnenbildes. Auch wenn gerade das Thema Gewalt behandelt wird: empfehlenswert finde ich die Aufführung nicht.

Klarer und differenzierter (auch komplizierter) ist „Frauen.Krieg.Lustspiel“ im Orph-Theater. Das schon 1988 von Thomas Brasch geschriebene Stück – ein „männlicher“ Text also - wird sehr bewusst nur von Frauen aus weiblicher Sicht gespielt. Das ergibt eine szenisch spannende, intensive Auseinandersetzung mit Krieg und Gewalt, aber auch mit dem EIGENEN weiblichen Körper; die Aufführung hinterlässt (mit sehr viel einfacheren Mitteln als in der Schaubühne) einen starken Eindruck und bietet einen herausfordernden Impuls für gründliche Diskussionen (Sek II).

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