Scheinheilig
Die Kirchen haben selbst Schuld, wenn ihnen ihr Monopol jetzt genommen wird.
von Ralf Schiweck, Leiter einer Hauptschule in Schöneberg
Ethik, Philosophie, Weltanschauung, Werteunterricht oder Religion. Die Debatte um die Einführung eines neuen Unterrichtsfaches wird geführt, als ginge es um den Bestand der Kirchen oder aber, was für einige offenbar das Gleiche ist, um den Erhalt des Abendlandes. Warum stellen die Kirchen nicht beherzt den Antrag auf ein Pflichtfach Religion? In anderen Ländern, deren Grundwerte wie bei uns aus religiösen Fundamenten gewachsen sind, ist Religion selbstverständlich entweder ein Pflichtfach, oder aber ein Fach, dass um freiwilligen Zulauf nicht zu fürchten braucht.
Die Kirchen sollten den Blick auch einmal auf eigene Versäumnisse richten. Wann und wo hat denn eine ehrliche und offene Auseinandersetzung mit den Menschen stattgefunden? Eine Auseinandersetzung mit deren Einstellungen, Handlungskonzepten und philosophischen Selbstkonzepten. Der Moralkodex der Kirche ist zweitausend Jahre alt, damit lassen sich zumindest in Berlin die Menschen nicht mehr so leicht beeindrucken. Auch die Popschmiede in Rom kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Kirchen ihren Bezug zu den Werten unserer Gesellschaft nicht mehr vermitteln können. Gerade das Mittelalterspektakel im Vatikan hat deutlich gemacht, wie sehr ritualisierte Machtdemonstrationen den Dialog mit der nichtklerikalen Bevölkerung bestimmen und diesen erstarren lassen. Die Menschen, die ihre kollektive Sehnsucht in der Heiligen Stadt zur Schau tragen, haben doch nicht die geringste Gemeinsamkeit mit ihren kirchlichen Idolen.
Nun nehmen andere es in die Hand, die Defizite in der Wertevermittlung auszufüllen. Dass diese Anderen dabei keinen Bogen um die Religionen und Kirchen machen werden, liegt auf der Hand. Aber reicht dies? Es gibt Regionen in unserer Stadt, in denen wir überwiegend mit SchülerInnen auf hohem Niveau diskutieren können, denen diese Themen aus den Elternhäusern sehr geläufig sind. Dort kann Werteerziehung philosophisch diskutiert und muss nicht handlungsorientiert geübt werden. Seelen für die Gesellschaft muss man dort nicht retten. In den Regionen aber, in denen eine Erziehung zu einem normativen Verhalten existentiell notwendig erscheint, ist ein Zweistundenfach nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Dort ist ohnehin im gesamten Erziehungsprozess eine Vermittlung grundlegender Verhaltensformen notwendig, übrigens nicht nur an Hauptschulen. Dies geschieht auch schon seit Jahren, quer durch alle Fächer und darüber hinaus, denn sonst würden die Verhältnisse in unseren Schulen und auf den Straßen weitaus katastrophaler sein.
Mit der Einführung eines Faches Wertekunde wird es allerdings Eltern geben, die sich des letzten Restes an Erziehungsarbeit auch noch entpflichtet sehen und die sich jetzt noch bequemer zurücklehnen: Das übernimmt jetzt alles die Schule! Vielleicht klingt das überspitzt, aber eines sollte klar sein: Es wird keinen Werteerhalt in dieser Gesellschaft geben, wenn nicht auch im Umfeld jedes Einzelnen Werte gelebt und reflektiert werden. Jede und Jeder sind hier gefordert. Denn Werteerziehung ist eine gesellschaftliche Aufgabe und kann mit einem Unterrichtsfach nur unterstützt werden.
Trotzdem: Das neue Fach sollte schnell eingeführt werden, denn auch wenn es nicht das Allheilmittel ist, erscheint es mir im Moment die einzige wirkungsvolle Konsequenz zu sein. Und wenn die Frauen und Männer in den schwarzen Gewändern nicht nur gegen dieses Fach protestieren, sondern sich in die Wertediskussion einmischen, dann werden sie auch eine gewichtige Stimme haben - wenn sie sich nicht nur an ihre alten Rituale und Formeln klammern.
Zum Thema Werte siehe auch S. 21
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