GEW Berlin
GEW BERLIN
Home  
Aktuelles  
Adressen  
Downloads  
GEW-Zeugnis  
Gruppen|Gremien  
Informationen  
Inhalt  
Lehrproben  
Mitgliederportal  
Mitglied werden  
Seminare  
Service  
Themen  
Veranstaltungen  
Zeitschrift (blz)  
Impr./Kontakt  
Nr. 01/2002
Der Kampf um eine universitäre Gedenktafel (1972 - 2002)
Kann das Eingeständnis von NS-Hausgeschichte 60 Jahre danach noch schmerzlich sein? Offensichtlich ja. Die Humboldt-Universität und die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) haben große Schwierigkeiten, die Trägerschaft des radikalgenozidalen Berliner "Generalplan Ost" (1942) einzugestehen.

In den Jahren 1939-1944 entwarfen Dahlemer Raum- und Siedlungsplaner die rechtlichen und rassenpolitischen Richtlinien für den Großraum zwischen Straßburg, Leningrad und der Krim. Ein Agrarinstitut der Berliner Universität projektierte im Rahmen des Ostaufbaus etwa acht Milliarden Stunden Zwangsarbeit und sah die "Verringerung" der Bevölkerung Leningrads von 3,2 Mio. (1939) auf 200.000 neugermanische städtische Siedler vor. Das DFG-finanzierte SS-Planungsamt (RKF) in Dahlem klassifizierte im Oktober 1942 etwa 30,7 Mio. Mittel- und Osteuropäer als "nicht eindeutschungsfähig". Der unerwartet andere Kriegsverlauf ließ nur erste punktuelle Realisierungen des Generalplan Ost zu, so etwa die Deportation von 110.000 polnischen Zivilisten im Kreis Zamosc, Distrikt Lublin, 1942/43. Da die Erlebnisgeneration weitgehend verstorben ist, steht nun die nachgeborene Generation in der Pflicht zur Aufklärung und Offenlegung der historischen Wahrheit.

Universitäre Verdrängung: Ein besonders heftiges und hartnäckiges Schweigen zu radikalgenozidaler NS-Hausgeschichte ist an der Humboldt-Universität zu beobachten. Die Landwirtschaftlich-Gärtnerische Fakultät konnte sich in neuneinhalb Jahren Bedenkzeit nicht zu einem Eingeständnis der historischen Trägerschaft des Generalplan Ost (1942) und kurzem Ausdruck des Bedauerns entschließen. Ein Zeitgeschichtler der HU stellte den Generalplan Ost 1996 nach dem Forschungsstand von 1958 dar und ließ die breite wissenschaftliche Trägerschaft vollständig unerwähnt. Ein Völkerechtler der HU lehnte jede Befürwortung der Aufklärung des Generalplan Ost ab, obgleich er im Berufungsverfahren gegen ein früheres ZK-Mitglied justiziabel nachwies, dass unabhängig von der nationalen Gesetzgebung jedem Menschen die Einsehbarkeit von schweren Unrechtshandlungen innewohnt. Nach 75 Tagen Bedenkzeit entschloss sich die Leitung der Humboldt-Universität Ende Januar 2001 sehr kurzfristig zu einer rein formalautoriären Untersagung der Wiederanbringung der Gedenktafel zum Generalplan Ost. Selbige war schon einmal im Februar 2000 ohne Genehmigung angebracht und auf Weisung der Universität entfernt worden. Der Abrissbeschluss wurde nur mündlich verlesen und trotz mehrfacher Bitten nicht zur Kenntnis gegeben.

Aufarbeitung an anderer Stelle

Die Max-Planck-Gesellschaft beschritt einen anderen Weg: Nach mindestens 20-jährigen lebhaften Auseinandersetzungen um eine Gedenktafel am OSI-Altgebäude, Ihnestr. 22 zum früheren Institut für Anthropologie und Eugenik richtete sie 1999 eine separate Kommission zur Geschichte der Vorläufer-Organisation der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft in der Zeit des NS ein. Hiermit verbunden ist eine eigene Vortrags- und Publikationsreihe.

In der Eröffnungsrede des Symposiums zu Biowissenschaften und Menschenversuchen im Juni entschuldigte sich der Präsident der Max-Planck-Gesellschaft Auge in Auge mit acht Überlebenden von verbrecherischen Menschenversuchen als deutscher Wissenschaftler, als Biowissenschafler und als Präsident der Max-Planck-Gesellschaft.

Prof. Hubert Markl bezeichnete die Offenlegung der Schuld als die ehrlichste Art der Entschuldigung und sah in der schmerzlichen Begegnung mit den Opfern die nachhaltigste Kraft zur Aufklärung und mahnenden Erinnerung. Mit Recht warnte der MPG-Präsident vor einer moralisierenden und inhaltsleeren "political correctness" ohne konkrete Bezüge. Die Konkretisierung großer Zeitgeschichte und ihre Transformation auf eine einsehbare Ebene des eigenen Fachgebietes, des Arbeitsplatzes, des Wohnkiez macht NS-Geschichte authentisch und glaubwürdig.

Sechzigster Jahrestag

Am 28.05.2002 steht der 60. Jahrestag des Generalplan Ost an. Wird es an diesem Tag einen klaren Ausdruck des Bedauerns geben, in Anwesenheit von Überlebenden der Deportationen in Zamosc 1942/ 43? Wird sich dann auch eine angemessene Forschung und Publikation in Kooperation mit unseren östlichen Nachbarn anschließen? Wann endlich wird die erste Gedenktafel zum Generalplan Ost enthüllt? Transparenz stellt sich nicht von allein ein, sondern braucht freundliche und insistierende Rückfragen (Präsidialamt HUB, DFG). Die bisherige Verweigerung erscheint als materialistischer Opportunismus, konsequente Orientierung an den Interessen der Wirtschaft und männliche Eitelkeit. Eine wahrheitsgemäße Verbalisierung und Thematisierung des Generalplan Ost in 2002 ist unverzichtbar.

Matthias Burchhard
zurück nach oben
Login
Registrieren
Hilfe
Beitragsquittung für 2011 ausdrucken
Mitmachen: Projekte
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN
Mediadaten
Terminplan
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
Wir über uns
Kalender 2012/2013 bestellen
Service und Beratung
Ich möchte Mitglied werden
Mitglieder werben Mitglieder
Markt / Kleinanzeigen
Zeugnisprogramm