Atze und Andere
Ein eigenes Haus für Kinder- und Jugendtheater
Von Hans-Wolfgang Nickel
Begeisternd zu sehen wie der Max-Beckmann-Saal im Wedding aufblüht, seit Atze darin sein Kindermusiktheater etabliert und zugleich einer ganzen Reihe von Kinder- und Jugendtheatern Gastspielmöglichkeiten bietet. Wie Atze an Kraft und Intensität gewinnt und zusammen mit seinem Publikum ein lebendiges „Ensemble“ bildet, das sich demnächst sogar auf das Wagnis eines musikalisch und szenisch hoch anspruchsvollen Johann-Sebastian-Bach-Projekts für unterschiedliche Altersstufen einlassen wird. Zum jetzigen Repertoire:
„Sonne, Sonne“ ein Liederprogramm der Atze-Musiker mit Temperament und leisen Tönen. Ganz nebenbei lernen die jungen Besucher einige Lieder, die sie mit nach Hause nehmen können (ab 5 Jahren). Ab 5. Klasse gibt es „SMS auf Wolke 7“: ein Verliebter, der sich nicht recht traut, aber zwei Helfer bei sich hat – sind es Schutzengel, Freunde, Eltern, Erwachsene, abstrakte Prinzipien des Pro und Contra? Jedenfalls machen sie es möglich, das Stück immer wieder zu brechen, die Situation zu reflektieren, über Liebe, ihre Gefahren und ihre Verlockungen nachzudenken.
Neu auf der Studio-Bühne ist „Die kleine Meerjungfrau“ nach Andersen, ein Kammerspiel von zauberhafter Intensität. Für die Kleinen ab 6 ist es ein märchenhaftes Geschehen voller seltsamer und vertrauter Figuren, Abenteuer und Überraschungen, randvoll mit Requisiten und Verwandlungen, bei denen sie selbst einbezogen werden und mitreden dürfen. Erwachsene erleben das berührende Geheimnis von Opfer und Hingabe, von männlich-smarter Oberflächlichkeit und dem Versagen von Worten neu. Wahrscheinlich können sich selbst coole Jugendliche diesem zarten Märchenspiel nicht entziehen.
Aber kommen wir noch einmal auf Atze und das eigene Haus zurück. Es wäre an der Zeit, andere Projekte in ähnlicher Weise zu befördern. Da ist z.B. Theater Strahl, das kontinuierlich in der Weißen Rose spielt, inzwischen sogar eine Freilichtbühne etabliert hat, aber immer wieder gehemmt wird, weil das „Haus der Jugend“ sein arg reduziertes, leider wenig liebevolles oder kreatives Programm fährt.
Da ist das an unterschiedlichen Orten gastierende Platypus, das neben anderen ein reichhaltiges englischsprachiges Repertoire für Primary und High Schools erarbeitet hat. Die Stücke sind spielerisch unterhaltsam, sie transportieren Inhalte und sind zugleich eine vorzügliche Möglichkeit, Fremdsprachenunterricht attraktiv zu machen. Die Aufführungen von Platypus werden aber immer wieder durch ungünstige Gastspielräume beeinträchtigt. Es sollte also ernsthaft geprüft werden, wann und wo sich ein Zentrum für Fremdsprachen-Theater in einem eigenen Haus etablieren ließe.
Neu im Repertoire von Platypus ist „Lady- my life as a bitch“ (für Gymnasium, Kl. 8 – 11). Die aufschlussreiche Situation zeigt das Leben von Menschen aus der Sicht eines Hundes, der eigentlich ein verwandeltes Mädchen ist. Das ermöglicht witzige „Hundestudien“, spezifische Einblicke und stellt intensiv die Frage nach der eigenen Identität – mit offenem Schluss. Es gibt ein preparation paper mit issues to discuss, mit Vokabeln und idiomatic expressions, was als kleine Einführung dienen soll. Mehr wäre schön.
In aller Kürze noch zwei weitere Empfehlungen: Die Faxen dicke – ein wichtiges Thema (ADS), kompetent und differenziert aufbereitet, brillant gespielt – halt typisch Grips. Diesmal zusätzlich mit Zirkus-Show-Elementen angereichert (ab 8).
Grimm total, ein Theaterspektakel für die ganze Familie in allen Räumen des Carrousel. Viele kurze Märchen, Bekanntes und Unbekanntes. Theater als Abenteuer und als Insider-Spaß. |