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Nr. 04/2002
Standpunkt Jeder Mensch muss sich verändern - er will sich bloß nicht verändern lassen
1995 sollte es nach der Idee von Innensenator Heckelmann zu einer völligen Durchmischung der Kollegien in Ost und West, ähnlich dem Modell der Polizei, kommen. Ich bezweifele, dass das - damals wie heute - pädagogisch sinnvoll ist, außerdem wäre es auf Ablehnung in West wie in Ost unter den LehrerInnen gestoßen. Die Durchmischung ist seit Jahren hauptsächlich eine Einbahnstraße aufgrund der sinkenden Schülerzahlen von Ost nach West. Es gibt allerdings wenig Berichte von Unzufriedenheit bei denjenigen, die freiwillig oder unfreiwillig an eine Schule im "anderen Teil der Stadt" gekommen sind.

Im Rückblick war das Zusammentreffen von Ost und West in den letzten 12 Jahren zunächst durch Euphorie, Neugier, dann Sprachlosigkeit, Distanz und Schuldzuweisungen gekennzeichnet. Positive und negative Erfahrungen gab es auf beiden Seiten. Als Vater, Elternvertreter und Lehrer kenne ich den staatlichen und den katholischen Kindergarten in der DDR, die brandenburgische Kita, die POS, Ost- und Westberliner Gesamtschulen bzw. Gymnasien mit den Menschen, die dahinter stehen. Ich habe die Arbeit der PädagogInnen schätzen gelernt, aber auch gruselige Eindrücke erfahren. Jedes pauschale Urteil spiegelt nicht die Komplexität der Situation im Bildungswesen der letzten Jahre wider. Meine Erfahrung ist, dass man durch eine offene, kritische Auseinandersetzung in einem ersten Schritt Nachdenken und in einem zweiten Toleranz und Veränderungen erreicht. Wir haben in der GEW versucht, neben den riesigen Aufgabenfeldern wie tarifliche Angleichung, Anerkennung der Lehrbefähigung, Umgestaltung des Bildungswesens, den Prozess des Aufeinanderzugehens zu begleiten. Ansatzweise gelungen ist dies nur in den Seminaren "Zwei Geschichten - eine Zukunft", in denen ausführlich die Möglichkeit bestand, dem anderen zuzuhören und ihn zu verstehen.

Die anfänglich heißen Diskussionen über unterschiedliche pädagogische Auffassungen wie z.B. die Rolle der Spezialschulen oder Horte, versiegten, auch aufgrund der unterschiedlichen Diskussionskultur. Erfreulicherweise gibt es Anlässe wie den Pädagogischen Abend mit dem Thema "Hochbegabtenförderung", auf dem das unterschiedliche pädagogische Verständnis wieder andiskutiert wird.

Wir müssen die Vereinigung vor dem Hintergrund einer völlig unterschiedlichen Sozialisation als längeren Prozess verstehen, weiterhin mit Toleranz, Offenheit und dem Willen zur Verständigung aufeinander zugehen. Ohne Schuldzuweisung und ohne Ossi-Wessi-Schubladendenken. Diese Chance haben wir in Berlin - und nur in Berlin.

Dieter Haase
ist stellvertretender Vorsitzender der GEW BERLIN

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