Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Im Orph-Theater wird „Ernst“ gespielt, ein in die Groteske getriebenes, durchaus gegenwärtiges Stationendrama: Geburt eines Kindes, Suche nach Arbeit, (Termingeschäfte, Organverkauf), Scheitern und neuer Anfang – kontrastiert mit trivialen, aber treffenden Schlagern der 60er vom Glück des Lebens und Liebens; zügig, schnell und präzise dargeboten. Eine scharfe Situationsanalyse also mit hohem Unterhaltungswert.- Ein attraktives Studien-Programm zeigte die Palucca-Schule in der Volksbühne: schwungvoll, mit Tempo und überraschenden Wechseln. Grenzwertig im Geschmack ein, zwei Szenen mit Mussolini, Gewalt, Butoh-Anklängen. Insgesamt eine Untersuchung von Wirkungen, Erprobung von Möglichkeiten, Variationen eines Grundmusters; Persönliches kommt zur Sprache im Spiel - ein vorzügliches Programm - und ein blödsinniges Programmheft. Das ist eine Masche, die sich mehr und mehr ausbreitet: Informationen sind out, dafür geistreicheln „Dramaturgen“ herum ohne Rücksicht auf das, was eigentlich gespielt wird. Es klingt intelligent, jongliert ungeniert mit neuester Wissenschaft und allen Gegenwartsproblemen, hat aber nichts mit der Aufführung zu tun.- Vorschau auf den Herbst: ein großes Ereignis bei Atze, eine Doppelpremiere zur Lebensgeschichte und Musik von Johann Sebastian Bach; ein ambitioniertes Projekt, das eine wirkungsvolle Bereicherung (nicht nur) des Berliner Kinder- und Jugendtheaters bedeuten könnte.- Und freuen kann man sich nach dem Eindruck bei der offenen Probe auch auf die Premiere von „Mit arger List: Angst/Macht/Schule“ bei Strahl: das wichtige Thema Mobbing, sensibel und intensiv aufbereitet. |