| Muss man Träumende wecken?
Gedanken zu einer notwendigen Debatte von Wilfried Seiring
Die Sorge, die Jugendlichen in den neuen Bundesländern würden nicht hinreichend über die parlamentarische Demokratie informiert und gleichzeitig nicht die ganze Wahrheit über die Diktatur in der DDR erfahren, ist nicht neu. Schon früh hatten Bürgerrechtler auf die Rolle der Pädagogen als besonders systemnahe Funktionsträger des SED-Regimes hingewiesen, und besorgte Eltern meldeten bereits vor der Vereinigung der Stadt und des Landes ihre Kinder in Schulen des Westteils an.
Die Diskussion der Frage, was schwerer wiegt, das Beharren in ideologischer Befangenheit oder die flinke, oberflächliche Anpassung, erscheint müßig. Beide Haltungen sind für einen Pädagogen nicht professionell, für Kinder und Jugendliche aber können sie verheerend sein. Marianne Birthler, DDR-Bürgerrechtlerin und ehem. Bildungsministerin Brandenburgs, weiß wovon sie spricht, wenn sie fordert, dass "ostdeutsche Schüler mehr über die DDR als Diktatur erfahren müssen". Das ist auch meine Auffassung, basierend auf vielen Schulbesuchen und Gesprächen. Ich kann nachvollziehen, wenn Birthler diese Forderung gegenüber den Kultusministern der neuen Bundesländer erhebt, auch wenn sie sagt: "Das Nadelöhr sind natürlich die Lehrkräfte. Da gibt es eine Gruppe, die wollen sich dem Thema nicht stellen. Andere sind sehr engagiert. Und dann gibt es viele, die nur unsicher sind...Ich bin häufig in Schulen unterwegs, und werde oft von Eltern und Lehrern darauf angesprochen, und nach meinen Wahrnehmungen sind diese Klagen berechtigt. Es gibt freilich auch Schulen, in denen Lehrerinnen und Lehrer, die in der DDR unterrichtet haben, die Schüler an ihren Veränderungs- und Reflexionsprozessen teilhaben lassen. Davon haben dann alle etwas - aber das sind die Sternstunden...
Es gehört natürlich Souveränität dazu, sich selbst in Frage zu stellen, und dabei noch andere zugucken zu lassen. Schulen in der DDR waren ein besonders angepasster und kontrollierter Bereich. Kritische Geister waren da eher selten. Außerdem hat die Ausbildung der DDR-Pädagogen nun wirklich nicht den Diskurs und offene Prozesse akzentuiert. Mehrere gültige Wahrheiten nebeneinander anzuerkennen, das kam im Unterricht nicht vor...
Zu differenzierter Betrachtungsweise sind Lehrer nicht nur berechtigt, sondern verpflichtet. Sie gehört zur pädagogischen Grundausstattung in demokratischen Schulen....Wenn wir Schüler anregen, sich mit der DDR als Diktatur auseinanderzusetzen, dann darf nicht der Eindruck erweckt werden, als wolle man die Menschen entwerten, die dort lebten. Das wäre nicht nur politisch inkorrekt, es wäre noch dazu eine Kränkung. Ich sehe aber durchaus das Problem, dass die DDR idealisiert wird ... oft eine starke Neigung, das DDR-Unrecht zu relativieren ... Vor allem ist zu spüren, dass es keinen Diskussionsvorlauf zu grundsätzlichen Unterschieden zwischen Demokratie und Diktatur gibt."
Zum Urteil über diese nicht nur pädagogisch wichtige Frage gehört Differenzierung, Offenheit und Fairness, ich hoffe nicht, dass dazu Mut und Zivilcourage nötig sind. So enthält der Zeitungsartikel, der dieser Diskussion vorangeht, Formulierungen, wie "manche Lehrer... / einige Schulen.../ zum Teil..."; er endet mit der Feststellung: "Die Bereitschaft, sich kritisch mit der DDR-Geschichte zu befassen, sei gewachsen. Politische und fachliche Unterschiede gäbe es noch, aber sie beginnen zu verschwimmen." Die Schlagzeile allerdings - "Hauptfach: DDR-Nostalgie" - verantworten Journalisten. Bekanntlich führte sie zu Empörung, mitunter zu zwar verständlichen, wenngleich falschen Solidarisierungen. Aber eben auch zu Einladungen zu Gesamtkonferenzen, zu Gesprächen mit Lehrern und Schulleitern, in denen ich fern oberflächlicher Abqualifizierungen ernsthaft Probleme der Demokratie-Erziehung mit Kolleginnen und Kollegen diskutieren konnte .
Darüber wird umfänglich an anderer Stelle zu berichten sein. In erster Linie bestätige ich die Erfahrungen des damaligen GEW-Vorsitzenden Dr. Wunder: "Es gibt eine Angst ostdeutscher Lehrerinnen und Lehrer, ihre Vergangenheit zur Sprache zu bringen...Die Verständigung Ost-West wird nur gelingen, wenn jede Seite selbstkritisch ist und wenn eine Atmosphäre geschaffen wird, in der man der je anderen Seite sagen kann, was man denkt. Dies ist heute weitgehend nicht der Fall." (1998)
Anklagen? Nein bessern.
Nach einer Tagung zu Auswirkungen des DDR-Bildungssystems schrieb die Berliner Morgenpost vom 24.4.1996: "Früher Planwirtschaft gepriesen, heute Marktwirtschaft gelehrt?" über Befürchtungen, klammheimlich würde Distanz zur West-Kultur gehegt und über fehlende Kontrolle von Langzeitwirkungen der politischen Instrumentalisierung der DDR-Bildung. Bernd-Reiner Fischer, Humboldt-Universität, vertrat die These, dass "allein die Lehrer und nichts als die Lehrer das Problem seien sowie der Unterricht, sofern er durch eine Lehrerschaft mit unaufgearbeiteter, unreflektierter Indoktrinations- und Indoktrinierungserfahrung" bestimmt werde. Fischer sprach von Lehrern, die früher Planwirtschaft, heute die Marktwirtschaft lehren, "zwar ohne die damalige Inbrunst, aber mit dem zynischen Hinweis, früher hätte die Partei, heute das Kapital die Macht".
Aufarbeitung der Vergangenheit - das ist eine legitime, ja notwendige Aufgabe zur Bewahrung der eigenen Glaubwürdigkeit, vor allem aber ist es die gebotene gesetzliche Pflicht auf der Grundlage von §1 Schulgesetz und der Rahmenpläne.
Dagegen steht eine spürbare, aber schulaufsichtlich schwer fassbare Wagenburgmentalität in vielen Kollegien. Das hängt wohl u.a. damit zusammen, dass das bloße Benennen von Kritikwürdigem als Angriff oder gar Diffamierung missverstanden oder gar absichtlich missinterpretiert wird. Die Folgen sind meist Rechtfertigungsdruck und das Gefühl, unter einem Legitimationszwang zu stehen. Mir ist bewusst, dass Kritik auch als Kränkung oder als Entwertung der eigenen Biographie empfunden werden kann. Die Frage ist deshalb, wie kann eine echte Kommunikation zwischen Ost und West, ein gleichberechtigter Dialog ohne Angst vor Selbstwertbedrohungen erreicht werden?
In dem Zusammenhang ist von Bedeutung, dass die gewollte Durchmischung Ost/West administrativ nicht durchsetzbar war, Lehrer mit DDR-Ausbildung also weitgehend unter sich blieben. Verlassen hatten die Schule weniger Lehrkräfte als dann 1990 aus den Führungsetagen der sog. gesellschaftlichen Organisationen und Einrichtungen ehemalige Lehrer zurückschlüpften.
Im Zuge der Umgestaltung des Schulsystems (z.B. der Neugründung von Gesamtschulen, der Umwandlung zu Grundschulen oder Gymnasien) entstand kaum ein Gewinn an Personal-"Erneuerung". Vielmehr erhielten politisch belastete Lehrkräfte eine Chance, still und heimlich ihrer Vergangenheit zu entkommen: Niemand war mehr da, der Rechenschaft verlangen konnte. Als nicht vorteilhaft darf eingeschätzt werden, dass vielfach auch die Schulaufsicht undurchmischt blieb. Dennoch möchte ich aus meiner Erfahrung behaupten, dass die Bereitschaft überwog, sich dem Neuen, der demokratischen Verfasstheit der Schule und vielen Ideen zu ihrer Ausgestaltung konstruktiv zu stellen .
Kein Zweifel, es gab auch massive Fremdheitserfahrungen, dass diese aber "zu vielfältigen Vorbehalten und Vorurteilen führten, die sogar seit den Jahren nach dem Mauerfall noch gewachsen" sind, war so nicht vorauszusehen. Der Chefredakteur des Tagesspiegel konstatiert überrascht, dass der "Umbau aller Verhältnisse in den neuen Ländern gefühlshaft mehr Anhänglichkeit zur DDR geerntet habe als sie zu Lebzeiten hatte." Er wundert sich über den "trotzigen Ton", dieses "Wir-sind-wir", "Wir-sind-anders", der sich "im Ostpart der Diskussion eingenistet hat". Sicher, die in gut drei Teilungsjahrzehnten gewachsenen Sonderentwicklungen führen im Alltag zu Reibereien, zu Verunsicherungen, Enttäuschungen und Verletzungen - das gehört wohl zum Bodensatz des Vereinigungsprozesses. Übertragen auf Unterricht und Erziehung, dem gesetzlichen Bildungsauftrag der Schule, erhält das Ganze - sofern es überwiegt - eine neue Dimension. "Die Abwendung vom Westen, das Beharren auf der eigenen Geschichte und den DDR-eigenen Lernprozessen zwischen staatlicher Reglementierung und augenzwinkerndem Sich-Durchwursteln zielen darauf, die eigene, durchgerüttelte Existenz in der Selbstvergewisserung des Eigenen zu stabilisieren." Dies muss, so unreflektiert und mit dem Gestus des Benachteiligten vorgetragen, bei der nächsten Generation zu einem unglücklichen Bewusstsein führen. Es ist mehr als bedauerlich, dass derartiges Fehlverhalten von einer im Parlament vertretenen Partei noch unterstützt wird: Auf die antiwestlichen Ressentiments der PDS hat der Historiker Heinrich August Winkler mehrfach hingewiesen.
Leider gibt es keine empirisch gesicherte Erhebung über beklagenswerte Demokratiedefizite, es existieren Schätzungen, Aussagen einzelner Schulaufsichtsbeamter, Klagen von Eltern und von Lehrern, die sich eher versetzen lassen, als dass sie deutlich Farbe bekennen oder mit ihrem Namen zu den Aussagen stehen. Wir sollten das Angebot des Senators, der Diskussion dieser Thematik ein Forum zu geben, annehmen, auch in der Gewerkschaft jenseits aller Opportunität aktiv aufgreifen und eine Veranstaltungsreihe konzipieren.
Ich unterstütze alle Lehrerinnen und Lehrer sowie alle Funktionsträger, die nicht nur ihren schwierigen Schulalltag bewältigen, sondern auch die Vergangenheit historisch korrekt und altersgemäß aufarbeiten und durch ihr Verhalten ein Modell gelebter Demokratie abgeben. Wie auch die Diagnose lauten mag, beherzigenswert bleibt - und das ist durchaus appellativ zu verstehen - ein Wort Arthur Schnitzlers "Klagen? Nein, tätig sein. Beklagen? Nein, hilfreich sein. Anklagen? Nein, bessern."
Wilfried Seiring |