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Nr. 04/2002
Schwerpunkt: Schule im Osten
Hauptfach Stillschweigen

Warum auch 12 Jahre nach der Wiedervereinigung immer noch Handlungsbedarf besteht. Die Schulleiterin einer Hauptschule in Weißensee mit West-Biografie zeichnet auf.

12 Jahre nach der Einigung sieht sich die GEW gezwungen, die Frage zu stellen, ob die Schule im Osten im Westen angekommen ist. Gezwungen deshalb, weil die Problematik des Aufeinanderprallens zweier sehr unterschiedlicher Bildungssysteme zwar gestreift, jedoch nie ernsthaft thematisiert, geschweige denn ausführlich diskutiert wurde. Man kann das damit begründen, dass man neue Mitglieder nicht unbedingt verprellen mochte und die gesamte Bildungspolitik ohnehin derartig kritisierungswürdig ist, dass man für dieses Problem nicht auch noch Energien verschwenden konnte. Oder aber die Angst vor Auseinandersetzungen, die zwangsläufig folgen würden, ließ die GEW zögern. Böse KollegInnen behaupten allerdings, dass gerade die GEW, die bekanntermaßen früher sehr viele SEW-Mitglieder hatte, diese Problematik ungern aufgreift, mehr nach dem Motto: was nicht sein kann, das nicht sein darf.

Erst der Tagesspiegelartikel "Hauptfach: DDR-Nostalgie" vom 7. November 2001 schreckte die GEW auf. Wahrscheinlich war es nicht so sehr der Artikel, sondern mehr die Tatsache, dass es eine Arbeitsgruppe Ost-West gibt, die auch noch minutiös alltägliche Schulbeispiele anführt. Er hat für Erschrecken gesorgt, denn der Spiegelartikel "Pauken beim Politoffizier" oder andere Veröffentlichungen hätten als Diskussionsanlass gereicht.

Da es nie zu spät ist, sollten wir mit der Diskussion beginnen. Olaf Georg Klein beschreibt in seinem Buch "Ihr könnt uns einfach nicht verstehen" die Unterschiede der Kommunikation zwischen dem "Westler" und dem "Ostler". Er macht das sehr liebevoll und belegt das anhand seiner Erfahrungen, die er mit seinen Beratungen bei Führungs- und Teamproblemen als Coach gemacht hat. Er zeigt die unterschiedlichen Wahrnehmungen beider Seiten auf: für den Westen z.B. Aktivismus und für den Osten Überanpassung, um nur ein kleines Detail zu nennen. "Im Osten zeigte sich nach den verschiedenen Versuchen der Überanpassung bis hin zur Selbstaufgabe so etwas wie ein neues, leicht trotziges Selbstbewusstsein: Der Osten ist gut."

Ostalgie kann blind machen

Nostalgische Rückbesinnung auf Vergangenes ist normal, wer erinnert sich z.B. nicht an seine eigene Schulzeit und schmunzelt darüber. Wer denkt nicht manchmal, dass es früher doch schöner war als heute etc. Wenn aber gegenwärtig behauptet wird, die DDR-Schule sei doch besser gewesen als die heutige, dann wird es bedenklich. In sehr vielen Kollegien in den Ost-Schulen ist diese Einstellung an der Tagesordnung. Das DDR-Schulsystem war in einen Staat eingebettet, der eine Diktatur war. Ohne Betrachtung der gesellschaftspolitischen Realität kann die DDR-Schule nicht bewertet werden. Und dieses passiert allenthalben. Haben denn diese KollegInnen vergessen, dass es an der Schule Parteisekretäre, JugendpionierleiterInnen gab? Haben sie vergessen, welch unglaublicher Kontrolle sie ausgesetzt waren? Brauchen Ost-Kollegen wirklich diese strengen Vorgaben, um anständigen Unterricht zu machen? Muss wirklich jede Stunde von Nord bis Süd in der gleichen Art und Weise durchgeführt werden? Sind Fahnenappelle erstrebenswert? Hilft die Selbstverpflichtung, den Unterricht pünktlich zu beginnen? Es lassen sich noch eine ganze Menge mehr Beispiele anführen, um den Alltag an der DDR-Schule zu beschreiben. Sicherlich ist es heute für die Ost-KollegInnen schwieriger zu unterrichten als früher. Über die Funktion und Arbeitsweise der Jugendwerkhöfe kann man aber nicht streiten, denn das Wegsperren von renitenten Jugendlichen ist keine Lösung.

Was war mit denjenigen KollegInnen, die im Kollektiv nicht funktionierten? Die vielgepriesene Solidarität hörte dann auf, wenn jemand einen Ausreiseantrag stellte. Alles schon vergessen? Die allgegenwärtige Angst vor der Stasi, die auch die DDR-Schule beeinflusste, gab es offensichtlich nicht, wenn man den NostalgikerInnen Glauben schenkt.

Rotkäppchensekt mag ja besser gewesen sein, aber nicht die DDR-Schule. Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: ich war und bin eine Gegnerin des gegliederten Schulwesens. Ich werde immer für eine gemeinsame Erziehung bis zur 10. Klasse eintreten. Meine bevorzugte Schulform ist, bei all ihren Schwächen, immer noch die Gesamtschule. Ich verstehe aber nicht die klammheimliche Freude meiner Ost-KollegInnen, wenn sie aufgrund unserer derzeitigen Bildungspolitik behaupten: na bitte, das hatten wir ja auch in der DDR, z.B. stärkere Kontrollen und Abschlussprüfungen. War ja doch nicht so schlimm damals, außerdem war das Niveau höher. Wer diese Position vertritt, ist auf dem Holzweg. Bei aller Kritik, die ich an dem neuen Schulgesetz habe, so weiß ich doch, dass dieses Gesetz die Zusammenarbeit von Eltern, SchülerInnen und LehrerInnen beinhaltet und zwar basierend auf Gleichberechtigung aller an Schule Beteiligten. Das verbietet eine Kontrolle der Eltern durch die LehrerInnen. Wie kann es angehen, dass im Jahre 2002 in Schülerbogen immer noch die Anwesenheit der Eltern auf Elternabenden eingetragen wird? Ist immer noch nicht klar, dass Elternabende Veranstaltungen der Eltern sind? Diese konsequente Kontrolle der Eltern durch die LehrerInnen ist für mich ein Indiz dafür, dass die Intention des Schulgesetzes nicht begriffen wurde.

Es lassen sich noch eine Menge mehr Beispiele anführen, die belegen, dass der alte Geist in vielen Ost-Schulen noch aktiv ist. Schuldzuweisungen sind 12 Jahre nach der Einigung obsolet. Bedauern kann man aber durchaus, dass ab 1990/91 die Kollegien nicht konsequent gemischt wurden. Die BSR, Feuerwehr und auch die Polizei haben dieses durchaus geschafft. Das hätte allen geholfen und nicht zu dem heutigen Frust geführt.

Ich zitiere abschließend den schon erwähnten Autor: "Eine andere Möglichkeit mit den Problemen in der Ost-West-Kommunikation umzugehen, sind Selbsthilfegruppen. Vor allem Westler, die jetzt im Osten leben, haben in einigen ostdeutschen Städten diese informellen Selbsthilfegruppen gegründet." Ich habe mit einigen KollegInnen nichts anderes getan.

Da ich 1969 in den Schuldienst eintrat, also viel mit der Berliner Schulbürokratie zu tun hatte, die Zeit der Berufsverbote noch gut in Erinnerung habe, möchte ich den GEW-KollegInnen noch mitteilen, dass sehr viele von uns aus dem Schuldienst entfernt worden wären, hätte die Wende andersherum stattgefunden. Freuen wir uns, dass es nicht so gekommen ist und versuchen wir gemeinsam die Berliner Schule zu reformieren.

Karla Werkentin
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