Berufswahl- und Berufsorientierung an Schulen
Die Service- und Koordinierungsstelle Schule-Wirtschaft hilft und unterstützt bei der Vorbereitung auf das Berufsleben.
von Susanne Schmidtpott, Partner:Schule-Wirtschaft
Was soll ich werden?" Hand auf's Herz, kann eine Lehrkraft diese Frage noch guten Gewissens mit einem überzeugten Rat beantworten? Und würde man z.B. "MechatronikerIn" antworten?
Nicht nur mit der Ausbildungsfähigkeit von SchulabgängerInnen steht es nicht zum Besten; auch die Berufswahl- und Berufsorientierung an Schulen stellt für viele Lehrkräfte an allgemein bildenden Oberschulen ein wachsendes Problem dar. Kaum eine Lehrkraft kann heute alle neuen Berufsbilder und Ausbildungsberufe oder die manchmal verschlungenen Wege kennen, die die Ausbildung geht. Und nur wenige Schüler oder Schülerinnen können nach zehn Jahren Schule eindeutig formulieren, was sie denn werden wollen.
Strukturwandel erfordert Handeln
Es gibt also mehr als genügend Gründe, um das Verhältnis zwischen Schule und Wirtschaft nicht nur einer genaueren Prüfung zu unterziehen, sondern auch innovative Kooperationsprojekte zu entwickeln und durchzuführen, um sowohl Lehrkräften als auch SchülerInnen ein solideres Fundament für Berufswahlentscheidungen zu geben.
Seit Mitte der siebziger Jahre vollzieht sich in den Industrieländern ein Strukturwandel von der nationalen Industriegesellschaft zur globalen wissensbasierten Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, der tief greifende Neuerungen in Struktur und Inhalt von Arbeit und Beruf zur Folge hat. Um dieser Erkenntnis im Hinblick auf die Vorbereitung von SchülerInnen auf das Berufs- und Arbeitsleben sowie auf ihre allgemeine Lebensplanung Rechnung zu tragen, startete das Ministerium für Bildung und Forschung in Absprache mit Vertretern der Länder im Herbst 1999 das Programm Schule-Wirtschaft/Arbeitsleben (SWA-Programm).
Ziel ist die Entwicklung innovativer und nachhaltig wirksamer Maßnahmen zur Verbesserung der Berufswahl- und Berufsorientierung an allgemein bildenden Oberschulen in Zeiten strukturellen Wandels in Arbeit und Beruf zu erreichen. Dazu wurden im Rahmen des SWA-Programms bislang in allen Bundesländern sowie bei den Sozialpartnern insgesamt 36 innovative Projekte gefördert.
Vier dieser Projekte waren zentrale Service- und Koordinierungsstellen Schule-Wirtschaft: P:S-W Partner: Schule - Wirtschaft (Berlin), Netzwerk Zukunft (Brandenburg), bremer agentur schule wirtschaft (Bremen) und Zentrum Schule & Wirtschaft (Hamburg).
Alle vier Agenturen wurden inzwischen von öffentlichen Trägern übernommen. Ihre Aufgabe ist es, die Akteure im Handlungsfeld Schule-Wirtschaft/ Arbeitsleben zu unterstützen, bereits bestehende Projekte auszuwerten, zu vernetzen und weiter zu entwickeln sowie neue zu initiieren. Dadurch soll gezielt die Schulentwicklung vorangebracht werden, denn der schnelle Wandel in der Berufs- und Arbeitswelt stellt neue Anforderungen an die heranwachsende Generation. Die Berufsausbildung verlangt von jedem Einzelnen die Bereitschaft, fachliches Wissen ständig zu aktualisieren, auch außerfachliche Kompetenzen zu erwerben und kontinuierlich zu lernen. Es ist die gemeinsame Aufgabe von Schule und Wirtschaft, die Schülerinnen und Schüler bestmöglich auf die bereits existierenden und zukünftig noch stärker sich entwickelnden Veränderungen vorzubereiten.
Kooperationen müssen verbessert werden
Die Erfahrungen von Berliner Schulen bei Kooperationen mit der Wirtschaft waren jedoch bisher nicht immer positiv. Die Berliner Service- und Koordinierungsstelle Partner: Schule-Wirtschaft (P:S-W) hat in einer Fragebogenaktion zu Beginn des Schuljahrs 2002/2003 versucht, die Stärken und Schwächen der Kooperationen zwischen Berliner Schulen und Unternehmen zu erfassen. Von den rund 130 Schulen, die den Fragebogen damals zurückgesandt hatten, gab die Hälfte an, keine Kooperationen mit der Wirtschaft zu pflegen. Die bestehenden Kooperationen wurden zu etwa 30 Prozent als nicht zufrieden stellend bezeichnet; dabei spielte eine große Rolle, dass es in den Unternehmen keine festen Ansprechpartner für Schulen gibt und der Kooperationswille sich allzu oft auf reines Sponsoring beschränkt, nicht aber Maßnahmen zur Berufswahl- oder Berufsorientierung beinhaltet. Als wirklich gut funktionierend wurden nur einige von der IHK Berlin initiierte Partnerschaften Schule-Betrieb beschrieben.
Die Unterstützung der Berufswahl- und Berufsorientierungsmaßnahmen in der Schule ist ein wichtiges Feld, in dem Schulen und die Wirtschaft kooperieren können und müssen. Zwar wird das Betriebspraktikum in den 9. Klassen oft als Orientierungsmaßnahme angesehen, obwohl es eigentlich "nur" Einsichten in die Welt der Arbeit bzw. der Betriebe vermitteln und nicht der Überprüfung des eigenen Berufswunsches dienen soll. Praxisnahe, tätigkeitsorientierte Berufswahl- und Berufsorientierungsmaßnahmen an authentischen Orten und mit Hilfe von Ersthand-Information durch WirtschaftsvertreterInnen, AusbilderInnen sowie Auszubildenden bieten aber deutlich effektivere, realitätsnähere Formen der Orientierung.
Solche Projekte in enger Kooperation zwischen Schulen, Unternehmen, Handwerksbetrieben, Selbstständigen zu konzipieren und zu realisieren ist die Aufgabe der Service- und Koordinierungsstellen.
Vernetzung und Qualifizierung
Seit der Gründung im April 2002 per Kooperationsvertrag zwischen der Vereinigung der Unternehmensverbände in Berlin und Brandenburg e.V. (uvb) und der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport Berlin arbeitet P:S-W daran, im Handlungsfeld Schule-Wirtschaft überschaubare Strukturen zu schaffen. Dazu werden Daten zu bestehenden Projekten gesammelt und ausgewertet und die so generierten Informationen und Empfehlungen im Internet, in einem Newsletter sowie in persönlichen Beratungsgesprächen weitergegeben. Durch den Aufbau eines regionalen Netzwerks, dem verschiedene Institutionen aus Wirtschaft und Verwaltung angehören, wird die Basis für eine effektive Vermittlung zuverlässiger und stabiler Kontakte geschaffen. Im Rahmen eines neuen BMBF-geförderten Projekts "Transverbund" wird intensiv an der überregionalen Vernetzung und dem Transfer erfolgreicher Produkte, Methoden und Konzepte der Berufsorientierung gearbeitet.
Einen wesentlichen Bestandteil der Arbeit bildet die Qualifizierung von Lehrkräften. Dazu gehören sowohl Veranstaltungen zur Berufswahlorientierung in traditionellen und neuen Berufen wie zum Beispiel dem Mechatroniker als auch Seminare zur Zielorientierung oder zur Öffentlichkeitsarbeit für Schulen. Schwerpunkt der Arbeit von P:S-W ist die Entwicklung und die Förderung positiver Ansätze in der Berufswahlorientierung für SchülerInnen. Die Konzeptionierung von Maßnahmen der allgemeinen Berufswahl- und Zielorientierung ist dabei nicht auf die 9. oder 10. Klassenstufe beschränkt; Ziel ist die Ausweitung und Intensivierung dieser Maßnahmen ab Klasse 5 bis zum Abitur. Auch für die Berufsorientierung in Schulfächern außerhalb der Arbeitslehre entwickelt P:S-W wirksame Konzepte.
Damit die Angebote insgesamt nicht zufällig und vereinzelt bleiben, wurde u.a. SCHULEAKTIV als Rahmenkonzeption entworfen, für das Schulsenator Klaus Böger die Schirmherrschaft übernommen hat. Mit der Teilnahme an SCHULEAKTIV-Programmen können Schulen deutlich machen, dass die Berufsorientierung ihrer SchülerInnen wichtiger Bestandteil ihrer schulischen Arbeit ist.
Das Modell "Schule aktiv"
Unter SCHULEAKTIV sind jeweils drei Module zusammengefasst, die in Zusammenarbeit mit der Wirtschaft geplant und durchgeführt werden:
+ Das Modul UnterrichtAktiv richtet sich an Lehrkräfte und beinhaltet Veranstaltungen zur Berufsweltorientierung in verschiedenen Feldern (z.B. Technische Berufe, IT- und Medienberufe u.a.) .
+ Das Modul OrientierungAktiv richtet sich an SchülerInnen, die praxisnah z.B. in Patenschaften mit Auszubildenden den Ausbildungs- und Arbeitsalltag in verschiedenen Berufen kennen lernen können.
+ Das dritte Modul BewerbungAktiv bietet dann SchülerInnen, die sich bewerben möchten, wirksame Unterstützung beim Erstellen von Bewerbungsunterlagen, bei der Vorbereitung auf das Bewerbungsgespräch u.v.m.
Die Verbände und Unternehmen in Berlin zeigen wachsendes Interesse an diesem Kooperationsprogramm zwischen Schulen und Wirtschaft, so dass bereits u.a. mit der Siemens AG, mit der METRO c&c sowie mit der Deutschen Bank und vielen anderen Berliner Unternehmen SCHULEAKTIV-Programme für Lehrkräfte und SchülerInnen realisiert werden konnten.
Alle weiterführenden Oberschulen in Berlin können an den Veranstaltungen teilnehmen. Das Angebot wird regelmäßig auf der Internetseite oder im Newsletter von P:S-W veröffentlicht. Über 700 Lehrkräfte haben bereits die P:S-W-Angebote wahrgenommen und sind so in engeren Kontakt mit Unternehmen getreten. Für SchülerInnen bedeutet dies nicht nur entschieden bessere Bewerbungsmöglichkeiten. Durch die Vielzahl von Angeboten in den verschiedenen Berufsfeldern ist eine umfassende und weitreichende Berufsorientierung möglich, die von Maßnahmen zur Berufswahlorientierung wie "Spiel das Leben!" und Zielorientierungsseminaren (ZOS) flankiert wird.
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