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Nr. 04/2002
Schwerpunkt: Schule im Osten
Keine Angst vor dem Osten!

Vieles ist nicht so anders wie es scheint. Ein Blick lohnt sich.

Melden sich Bildungspolitiker zu Wort, erwartet man nichts Gutes. Reden sie vom Geld, biegen sich Tische und Bänke. Melden sich Bildungswissenschaftler zu Wort, höre ich immer wieder aufmerksam zu. Seit ich vom Ost- zum Westlehrer konvertiert wurde, weicht meine Verwunderung über deren Ideen zunehmender Verärgerung: "Man sollte überprüfen, ob es nicht möglich ist, das Abitur auch in 12 Schuljahren abzulegen." "Die Verbindung von theoretischer und praktischer Bildung sollte viel stärker ausgebaut werden!" "Die schulische Betreuungszeit sollte ausgeweitet, das Einstiegsalter für Bildung vorverlegt werden. Beides könnte das Bildungsniveau heben." Die Liste ließe sich beliebig verlängern.

Wollen denn diese Leute das Bildungssystem der DDR wieder haben? Offensichtlich ja! Dann sollen sie es aber auch sagen - denn das ist gut so, PISA gibt ihnen Recht.

Damit wir uns nicht falsch verstehen: Ich habe keinen Bedarf an Fahnenappellen, Sozialistischen Wettbewerben und überpräzisen Lehrplänen. Nicht umsonst haben wir uns in den wenigen basisdemokratischen Monaten sehr intensiv um eine Veränderung des eigenen DDR-Schulsystems gekümmert. Die Chance, die sich dabei auch für den Westen Deutschlands bot, wurde leider verschlafen. Nach einigen Schuljahren im überlegenen, alternativlosen System kann ich aber nur sagen, dass wir vom Regen in die Traufe gekommen sind.

Das lässt sich alles korrigieren. Wir leben ja jetzt in einer Demokratie, jeder kann sich einbringen. Viele tun das skrupellos: sie erfinden das Fahrrad neu und überlegen, ob es denn möglicherweise auch mit runden Rädern rollen könnte. Oder wie es denn mit einer Klingel... Von Lehrbuchverlagen bin ich die "revolutionären Neuerungen" inzwischen gewohnt, die ich in 100 Jahre alten Lehrbüchern wieder finde. Bei Wissenschaftlern und Bildungsbeamten bleibt so etwas nur peinlich.

Ob es um die fachübergreifende Gestaltung von Lehrplänen, Aspekte der Unterrichtsgestaltung, Lehr- und Lernmethoden, den Einsatz von Computern im Unterricht oder anderes geht, die Hochschularchive im Osten sind voll davon. Heerscharen von Studenten und Doktoranden haben sie gefüllt, unzählige Schüler sind untersucht worden. Die allgemeine Ignoranz dieser Arbeiten ist erschütternd. Unsere verehrten Bildungswissenschaftler, die derzeit diese Arbeiten wiederholen und in der Presse damit angeben, können das leider vor eigenem Publikum ungestört tun. Die Stimmen aus dem Osten machen sich leise und werden nicht für voll genommen.

Die Krönung dieser Zustände ist die Lehrerbildung. Selbst in unserer GEW-Diskussion wird auf deutschem Kleinstaatenniveau nachgedacht: Notwendige kleine Korrekturen werden zu riesigen Neuerungen aufgeblasen. Hier sind aber sehr große Änderungen nötig! Dabei ist wenigstens in Berlin nichts leichter, als einen Ostlehrer zu fragen, wie der zum Lehrer wurde. Wahrscheinlich kann es in der DDR keine gute Lehrerausbildung gegeben haben, weil es eben nicht sein darf.

Noch bin ich nicht sicher, ob die Ignoranz des Ostens aus Überheblichkeit, Bequemlichkeit oder Scheuklappen resultiert, oder ganz andere Ursachen hat.

Nach zehn Berufsjahren in bildungspolitischer Kleinstaaterei haben viele meiner Kollegen und ich den Eindruck, dass die Zeit für einen vorurteilsfreien Blick nach Osten überreif ist. Wir wissen nicht alles besser, aber wir haben vieles ausprobiert, wovon andere noch träumen. Kollegen aus dem Westen, die das auch so sehen, habe ich schon kennen gelernt, Bildungsbeamte oder Bildungspolitiker noch nicht.

Steffen Hoffmann
Lehrer in Berlin

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