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Nr. 12 / 2005: Fordern ohne Förderung

Fordern ohne Förderung

Die Anforderungen des Mittleren Schulabschlusses sind für die Berufsfachschulen zu hoch.

von Sigrid Falkenstein, Lehrerin an einer Berufsfachschule in Kreuzberg

Alle Berliner SchülerInnen der zehnten Jahrgangsstufe müssen in diesem Schuljahr erstmals eine einheitliche, zentrale Prüfung ablegen. In den vergangen Schuljahren wurden als Vorlauf zum Mittleren Schulabschluss (MSA) zentrale Vergleichsarbeiten geschrieben. In dem Informationspapier zur Pressekonferenz des Senators werden unter anderem die Auswertungen und Ergebnisse der Vergleichsarbeiten vom Mai 2005 vorgestellt.

Dabei fällt besonders das schlechte Abschneiden der BerufsfachschülerInnen auf. Der Anteil derjenigen, die die KMK-Standards für den Mittleren Schulabschluss erfüllen, beträgt im Fach Mathematik 38 Prozent, im Fach Deutsch 80 Prozent und im Fach Englisch 45 Prozent. In der Presseinformation des Bildungssenators heißt es: "Das Abschneiden der Berufsfachschulen sieht zunächst besorgniserregend aus. Berücksichtigt man jedoch die Heterogenität und die durchschnittlichen Unterrichtsleistungen der Schülerschaft dieser Schulform, so ist das Ergebnis wenig überraschend. Die Berufsfachschulen werden zu einem großen Teil von Schülern besucht, die den Mittleren Schulabschluss in den zuvor besuchten Haupt- und Gesamtschulen nicht erreicht haben".

Ausgangslage der Berufsfachschule

Dieser Analyse kann ich als Lehrerin, die seit vielen Jahren in der einjährigen Berufsfachschule (OBF1) der Hans-Böckler-Schule (Oberstufenzentrum Konstruktionsbautechnik) unterrichtet, nur voll und ganz zustimmen. Viele Jugendliche, die sich in der "Warteschleife" OBF1 befinden, haben bereits eine gescheiterte Schulkarriere hinter sich und sind entsprechend schulmüde. Der Mangel an beruflicher Perspektive demotiviert sie zusätzlich. Die meisten würden gerne eine berufliche Ausbildung machen, müssen aber mangels Ausbildungsplatz notgedrungen ihre Zeit in der OBF1 "absitzen". Fächer aus dem allgemeinbildenden Bereich sind häufig mit negativen Erfahrungen besetzt. So bringen viele meiner Schüler im Fach Englisch nur Sprachkenntnisse auf Grundschulniveau mit. Lern- und Leistungsvermögen sowie Arbeitsbereitschaft und soziales Verhalten weisen erhebliche Defizite auf.

Die Presseverlautbarung des Bildungssenators informiert darüber, dass die Ergebnisse der Vergleichsarbeiten einen eindeutigen Zusammenhang zwischen der Herkunftssprache und dem erfolgreichen Abschneiden bei den Vergleichsarbeiten belegen. Die Ergebnisse und die Zusammensetzung meiner Klassen (fast 50 Prozent der Schüler sind nichtdeutscher Herkunftssprache) sprechen ebenfalls für diesen Zusammenhang.

Mittels der Vergleichsarbeiten in diesem Jahr waren wir in der Lage unsere Schüler zu "verorten" (dieses unsägliche Wort stammt aus der Presseinformation des Senators). Im Fach Englisch schafften im Landesmittelwert 55 Prozent der Berufsfachschüler den Abschluss nicht. Das Ergebnis an unserer Schule lag sogar darunter. Dabei ist zu bedenken, dass ein großer Teil der OBF1-Schüler schon vorher durch Nichtbestehen des Probehalbjahrs "durch den Rost gefallen war".

Zu schnell zu gute Noten?

In der Presseinformation des Senators wird weiterhin festgestellt, dass die Vornoten der Berufsfachschüler meist besser waren als die Noten der Vergleichsarbeiten. In der Berliner Zeitung vom 27.09.05 heißt es dazu: "Durchweg waren die Noten vor dem Test besser. Drängt sich der Verdacht auf, dass Lehrer zu schnell zu gute Noten geben".

Auch meine Schüler hatten im Schnitt bessere Vornoten. Die Erklärung für dieses Phänomen ist einfach: es liegt in der riesigen Kluft zwischen Schulwirklichkeit und vorgegebenem Anspruch begründet. Allerdings weise ich den "Verdacht" zurück, dass ich diese Noten "zu schnell" gegeben habe, sondern das geschah jeweils nach reiflicher pädagogischer Überlegung. Pädagogisch sinnvolles Handeln erfordert nämlich, auf die Schüler zuzugehen, sie da abzuholen, wo sie stehen. Es ist unmöglich, das Selbstwertgefühl der Schüler zu stärken, Lernen durch Erfolg, Lob und Anerkennung zu bewirken, wenn man von Anfang an unrealistische Lernziele verfolgt. Im Fall der Berufsfachschule hat diese pädagogische Einsicht in der Vergangenheit oft zwangsläufig zu einem Absenken des Anspruchsniveaus geführt und damit vermutlich eine negative Entwicklung begünstigt, die in den letzten Jahren zu einer Entwertung des Realschulabschlusses beigetragen hat.

Solch ein - aus der Not geborenes, pädagogisch begründetes - Handeln wird in Zukunft nicht mehr möglich sein. Die Einführung des MSA macht es erforderlich, den Unterricht an den Berufsfachschulen strikt nach den Rahmenplänen und Bildungsstandards der KMK für den Mittleren Schulabschluss auszurichten, damit die (wenigen geeigneten) SchülerInnen am Ende erfolgreich an der Prüfung teilnehmen können. Insofern bedeutet der MSA eine Klarstellung, die ich begrüße.

Gute Idee, aber nicht übertragbar

Ich glaube, dass die Einführung des Mittleren Schulabschlusses insgesamt ein richtiger Schritt auf dem Weg zu mehr Professionalisierung von Unterricht und Schule ist. "Gestern ist vorbei: Der MSA ersetzt den Realschulabschluss - und setzt neue Maßstäbe", heißt es für meinen Geschmack zu plakativ in der Presseinformation des Senators. Das mag für die Gesamtschulen, Realschulen und Gymnasien stimmen, nicht aber für die OBF1-Lehrgänge an den Oberstufenzentren.

Die Maßstäbe, die der MSA setzt, sind aus meiner Sicht nicht auf die 1-jährige Berufsfachschule übertragbar! Die oben beschriebene Ausgangslage in diesem Bildungsgang verlangt ganz andere, neue Antworten. Der MSA bedeutet nicht die Lösung, sondern eine Verschärfung der Probleme!

Zweite Chance zum Scheitern verurteilt

Die Planung der Senatsschulverwaltung sieht vor, dass die Schüler am Ende der OBF1 eine zweite Chance erhalten, den MSA zu erreichen. Ich behaupte - und die Zahlen zu den Vergleichsarbeiten belegen das - die meisten Schüler werden beim zweiten Mal ebenso kläglich scheitern wie beim ersten Mal. Unter den jetzigen Bedingungen halte ich es für unmöglich, die Schüler innerhalb eines Schuljahres so zu fördern, dass die Defizite von Jahren ausgeglichen werden können.

Viele KollegInnen wissen nicht, ob sie lachen oder weinen sollen, wenn sie hören, dass die Facharbeit im Rahmen der Prüfung in besonderer Form zehn Seiten nicht überschreiten soll. Sie arbeiten tagtäglich mit Schülern, die nicht einmal eine Seite fehlerlos schreiben können. Das Konzept der Verwaltung stammt vom "grünen Tisch" und geht an der Realität in unseren Klassen vorbei. Noch mehr Jugendliche als bisher werden vorzeitig aufgeben und auf der Straße landen. Der Verdacht liegt für mich nahe, dass es politisch nicht gewollt ist, diesen Schülern wirklich zu helfen und dass sie Jahr für Jahr lediglich dazu dienen, die Statistiken über Ausbildungsplatz suchende Jugendliche zu schönen.

Ich arbeite seit mehr als 36 Jahren mit benachteiligten Jugendlichen - viele Jahre in einer Hauptschule und seit acht Jahren in der Berufsfachschule. Ich mag meine SchülerInnen. Es liegt nicht an ihnen, dass mein Ärger, meine Hilflosigkeit und manchmal meine Mutlosigkeit immer größer werden, sondern an den unsäglichen Rahmenbedingungen!

Neuorientierung ohne Orientierung

Die Berliner Zeitung schreibt über die Pressekonferenz: "Vergleichsarbeiten verlangen auch von Lehrern eine Neuorientierung, sagte Böger ausweichend." Ja - auch in diesem Punkt gebe ich dem Senator prinzipiell Recht. Allerdings weiß ich nicht, wie eine Neuorientierung in einer Situation geschehen soll, die gekennzeichnet ist von überalterten Kollegien, zunehmender Arbeitsbelastung, miserabler Schulausstattung und einer zu großen Anzahl von Problemschülern. Bestenfalls bedeutet die Tatsache, dass die Aussage des Senators als ausweichend wahrgenommen wurde, dass auch ihm die Problematik bekannt ist.

Angesichts der aufgezählten Probleme passt es ins Bild, dass Schüler und Lehrer bis heute nicht wissen, welche Rechtsverordnung in diesem Schuljahr für die Berufsfachschulklassen gelten soll. Klaus Böger hat es bisher nicht für nötig gehalten, meinen Schülern auf ihren Brief vom August zu antworten, in dem sie um Klarstellung der für sie geltenden Rechtslage gebeten hatten.

Ein Schlagwort aus der Pressevorlage des Senators lautet: "Besser vorbereitet auf die Prüfungen des Lebens! Darum gibt es jetzt den Mittleren Schulabschluss." Für die meisten BerufsfachschülerInnen heißt das überspitzt formuliert: Lerne rechtzeitig, dass du sowieso keine Chance hast! Darum gibt es jetzt den Mittleren Schulabschluss!

Bedingungen für eine reelle Chance

Damit die Jugendlichen eine reelle Chance für ihr Leben bekommen, müsste die nötige Neuorientierung in der 1-jährigen Berufsfachschule aus meiner Sicht folgende Bedingungen berücksichtigen:

Die meisten Berufsfachschüler haben aus den oben beschriebenen Gründen einen besonders großen Förderbedarf. Sie brauchen keine unrealistischen Leistungsanforderungen, sondern weniger traditionelle Schulangebote und dafür ein größeres Praxisangebot, um Kompetenzen zu lernen und zu üben, die zum Bestehen in der Arbeits- und Lebenswelt wichtig sind. Die dabei zu leistende Erziehungsarbeit bedarf einer intensiven bildungs- und sozialpädagogischen Begleitung.

Es wäre sinnvoll, für leistungsschwache Schüler Klassen mit berufsorientierten Abschlüssen einzurichten, deren Ziel die Ausbildungsfähigkeit der Jugendlichen sein sollte. In diesen Klassen sollte es vorrangig um die Entwicklung der sozialen und berufsbezogenen Fähig- und Fertigkeiten gehen, z.B. eigenverantwortliches Handeln, Konflikt-, Team- und Kommunikationsfähigkeit, Arbeitshaltung, Zuverlässigkeit, Pünktlichkeit etc. Natürlich sollten die Jugendlichen auch ihre Defizite in den allgemeinbildenden Fächern reduzieren und dabei über Erfolgserlebnisse die Freude am Lernen des Lernens (wieder)gewinnen.

Selbstverständlich sollen die Berufsfachschüler nicht grundsätzlich vom Erreichen des MSA ausgeschlossen werden. Leistungsstarken Schülern sollte entweder nach einer Eingangsprüfung oder nach einer vierteljährlichen Probezeit der Zugang zu MSA abschlussorientierten Klassen ermöglicht werden.

Vielleicht könnten die zurzeit als Modellversuch an einigen Oberstufenzentren laufenden BVQB-Klassen (Berufsvorbereitung mit Qualifizierungsbausteinen) einen Lösungsansatz für den Bildungsgang der 1-jährigen Berufsfachschulen bieten. Weiterhin gilt also Fördern durch Fordern, aber nur dann, wenn es sinnvoll geschieht!

Der Bildungssenator hat im Rahmen der Pressekonferenz eine tatkräftige Unterstützung für die Schulen versprochen. Ich hoffe, das waren keine leeren Worte!

 

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