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Nr. 12 / 2005: Gefühlte Realitäten

Gefühlte Realitäten

Über die Arbeitsbelastung der "faulen Säcke" in den Berliner Schulen.

von Thomas Schmidt, AG Lehrerarbeitszeit der GEW BERLIN

Schlechte Stimmung herrscht in den Kollegien, zunehmende Verbitterung, Überlastungsempfindungen; an einigen Schulen steigt bereits spürbar der Krankenstand. Was ist los an der Institution, die "Priorität" genießen soll? Was ist los mit den "Pädagogen", von denen viele wahre Wunderdinge zu erwarten scheinen?

Einem politisch zweckgerichtet erzeugten und unauslöschlichen Vorurteil gemäß ist der typische Lehrkörper nach dem lauen, überbezahlten Halbtagsjob am häufigsten auf dem Golf- oder Tennisplatz anzutreffen.

Ein Großteil der Arbeit beginnt aber erst nach der Unterrichtszeit und die dauert oft ziemlich lange: Individuelle Arbeitsstatistiken ergeben 45 bis zu 57 Stunden Arbeitszeit pro Woche und stehen damit in Übereinstimmung mit den seit langem bekannten Arbeitszeitstudien. Aber sind meist mehr als 45 Stunden in Anbetracht der vielen Ferien nicht eigentlich nur ein Minimum?

Bei LehrerInnen an Schulen mit Oberstufe sehen die Ferien folgendermaßen aus: In den Herbstferien werden die Abiturvorschläge verfasst - je nach Fach 2-3 Versionen mit Erwartungshorizont. In den Weihnachtsferien: Korrektur von Klausuren und Notenfindung, Winterferien: Korrektur der Abiturarbeiten, Osterferien: Zweitkorrektur der Abiturarbeiten. Bei KollegInnen anderer Schulzweige gibt es entsprechend andere Arbeiten und Belastungsfaktoren, die sich durch die Einführung von Vergleichstests und mittlerem Schulabschluss bereits ausgeweitet haben.

VollzeitlehrerInnen müssen nicht selten 200 SchülerInnen bewerten und haben mehrere hundert Klausuren und Klassenarbeiten zu korrigieren (Hausaufgaben und Tests nicht einberechnet). Nur als Vergleich: Die gleiche Lehrkraft hatte 1992 noch fast 100 SchülerInnen weniger zu unterrichten. Individuelle Förderung des einzelnen Schülers? Staatssekretär Härtel schlägt vor: Lehrer sollen dies außerhalb der Unterrichtszeit tun. Hinzu kommen weitere Aufgaben durch das neue Schulgesetz: z.B. Vergleichsarbeiten mit unzähligen mündlichen Prüfungen in Klasse 10, Curriculum- und Schulprogrammentwicklung.

Die Unterrichtsvorbereitung wird dann wohl nebenher erledigt: Der Beweis der Tschebyschewschen Ungleichung für Bernoulli-Ketten im Leistungskurs Mathematik, spezielle Relativitätstheorie mal nicht auf dem Niveau einer populärwissenschaftlichen TV-Sendung, Behandlung des RFLP (Restriktions-Fragmentlängen-Polymorphismus) im Zusammenhang mit dem genetischen Fingerabdruck in Biologie schüttelt man nicht mal so aus dem Handgelenk.

Richter an Verwaltungsgerichten haben in Urteilsbegründungen ausgeführt, dass unter diesen Bedingungen die vorgesetzte Behörde billigend einen Qualitätsverlust in Kauf nimmt. Ein Richter meinte sogar in der mündlichen Verhandlung, bei Schlechtleistung könne künftig eine Lehrkraft weder disziplinarrechtlich belangt werden, noch dürften ihr, wenn die Leistungsbesoldung eingeführt wird, daraus Nachteile erwachsen.

Trotz der eingangs geschilderten Überlastungsgefühle wird die Länge der Arbeitszeit von den Betroffenen selbst vielfach gar nicht so wahrgenommen und als Stressursache erkannt. Die Stimmungsmache gegen die "faulen Säcke" scheint auch auf uns selbst ihre Wirkung nicht zu verfehlen. Wer aber z.B. um 6 Uhr vor der Schule noch die letzten Arbeiten erledigt und um 16.30 Uhr aus der Schule kommt, hat eben (abzüglich Fahrzeit) einen knappen 10 Stunden-Tag hinter sich. Und dann beginnen die Unterrichtsvorbereitungen und Korrekturen. Es geht hier nicht um Jammern, sondern um eine realistische Sicht der Dinge. Wie in der Erziehung beginnt das Handeln nämlich mit der Klarheit im eigenen Kopf!

 

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