The Berlin Brain
Die neue Philologische Bibliothek der Freien Universität.
von Klaus Ulrich Werner, Direktor der Philologischen Bibliothek der Freien Universität
Eine lange Planungsphase und eine vierjährige Bauzeit ließen so manchen Skeptiker daran zweifeln, ob das Ufo glücklich landen würde. Aber jetzt ist es geschafft: Unter der markanten Doppelhülle von "The Brain" wurden in Dahlem elf Instituts- und Seminarbibliotheken der Freien Universität integriert und bilden nun eine Bibliothek. Die Sammlungen, bisher an acht verschiedenen Standorten verstreut, waren größtenteils in bedrückender Enge oder auch in der scheinbaren Geräumigkeit des Sanierungsfalles "Rostlaube" untergebracht. Seit Mitte September kann man die ungewöhnliche Architektur von Lord Norman Foster erleben: die äußere Form des zweiten Fosters in Berlin aus Aluminium und Glas (eine Kuppel, ein Fahrradhelm, eine Hirnschale, ein Insekt?), das Innere eine textile Hülle mit viel Lichtspiel und scheinbar schwebenden Etagen.
Der Neubau ist konzeptionell im Zusammenhang der Sanierung und Umstrukturierung der "Rostlaube" zu sehen: Durch Konzentration aller Institute an einem Ort in unmittelbarer Nähe zur der in eben diesen Gebäudekomplex integrierten Bibliothek entsteht ein für die Freie Universität neuartiges Philologicum. Das Ziel ist die Optimierung der Forschungs- und Studienbedingungen für die Philologien des Fachbereichs Philosophie und Geisteswissenschaften: 700.000 Bände, eine Bücherschlange von ca. 20 Kilometern, aus den Fächern Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft, Altamerikanistik und Lateinamerikanistik, Byzantinistik und Neogräzistik, Lateinische, Griechische, Mittellateinische, Deutsche, Niederländische, Englische und Romanische Philologie, Slawistik sowie Vergleichende und Indogermanische Sprachwissenschaft. Jetzt wird eine Fülle und Breite der Bücherbestände sichtbar, die bislang nur zu ahnen, aber nicht zu nutzen war. Die Präsenzbibliothek bietet 98 Prozent davon frei zugänglich.
Im fünfgeschossigen ovalen Gebäude stehen den Studierenden und Wissenschaftlern 640 attraktive Arbeitsplätze zur Verfügung. Dazu gehört eine optimale technische Ausstattung: individuelle Leselampe, Stromanschlüsse, Internetanschluss, Funknetz. Bei der Auswahl der Stühle (Modell: Egon Eiermann) hatte die Ergonomie die oberste Priorität; der Stuhl wurde innerhalb einer Vorauswahl nach "Probesitzen" durch Bibliotheksnutzer ausgewählt. Ein weiterer großer Fortschritt sind die Öffnungszeiten von 9-22 Uhr sowie die Öffnung am Sonnabend (10-17 Uhr). Die Literatur soll in der Philologischen Bibliothek zuverlässig greifbar sein, deswegen wird die Ausleihe von Büchern die Ausnahme bleiben. Längerfristiges Arbeiten an Projekten wird durch abschließbare, flexible Caddys erleichtert, so dass mitgebrachte Materialien längere Zeit in der Bibliothek verbleiben können. Die "Lese-Lounge" in der obersten Ebene mit ihren bequemen Polstersesseln ermöglicht das Arbeiten in anderen Sitzpositionen als der klassischen am Arbeitstisch. Für die vom Bibliotheksnutzer mitgebrachten Laptops bietet die Bibliothek zur Diebstahlsicherung feste Haken an den Tischen. Hinzu kommen Arbeitsgruppen- und EDV-Schulungsraum, Ausstattungen für Multimedia und Mikroformen - die technische Ausstattung ist umfassend. Die Unterhaltungskosten für die Universität werden durch ein für Norman Foster typisches ökologisch orientiertes Klimakonzept (Betonkern-Temperierung und Belüftung mittels normaler Thermik) nicht so hoch sein, wie in einem Gebäude mit konventioneller Klimaanlage.
Für die Kolleginnen und Kollegen war die Entstehung der neuen Bibliothek ein gewaltiger Veränderungsprozess, der den bibliothekarischen Alltag gründlich veränderte. Für viele Studierende und Lehrende bedeutet die neue Bibliothek auch Abschied von so manch lieb gewonnenen Leseplatz hinter alten Holzregalen, für manche MitarbeiterInnen heißt das Trennung von ihrer als heimelig empfundenen Bibliothek in einer Dahlemer Villa. Aber auch für buch- und textorientierten Wissenschaftsdisziplinen gilt: Nur was sich ändert, bleibt! Wir haben ein attraktives, zentrales "Labor" für Sprach- und Literaturwissenschaftler eröffnet. Eine hybride Bibliothek, die die wissenschaftliche Arbeitsbedingungen optimiert, sowohl die mit gedruckten Sammlungen als auch die mit Quellen in digitaler Form - und das in einer spektakulären Architektur mit viel Atmosphäre zum Lesen, Studieren und Forschen.
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