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Nr. 12 / 2005: Being Othello

Being Othello

Ein lehrreicher Abend mit Lehrkräften im Hexenkessel Hoftheater.

von N.N.*

Ob ich Lust hätte, am Sonntag mit ins Theater zu kommen. Über die GEW seien noch Karten für eine Vorstellung zu vergeben. Ein Blick ins Programm verspricht Erotik und Dramatik, Komik und Tragik. Also sage ich ja. Eine Freundin, die auch mit will, sucht im TIP vergeblich nach der Anfangszeit. Gespielt werde nur Dienstag bis Samstag. Ein falscher Termin? Schlimmer: eine geschlossene Veranstaltung. Nur für LEHRERINNEN. Nun ja.

Sonntag, 21. August, kurz nach 20 Uhr. Lockeres Geplauder vor dem Einlass am Hexenkessel Hoftheater im Monbijou Park. Being Othello. Muss also einen Bezug zu Shakespeare haben. Kennt jemand das Originalstück? Schweigen. Plätze suchen. Bloß nicht zu weit vorne, bei diesen Off-Bühnen weiß man ja nie. Wohl dem, der ein mobiles Sitzkissen dabei hat. Und Autan, wegen der Mücken. Nach einem Grußwort der Großen Vorsitzenden beginnt das Spiel.

Der martialische Auftritt der Truppe gerät ein wenig laut, zum allgemeinen Entsetzen mischen sich tatsächlich einige Spieler unters Publikum, "sichern die Lage", suchen nach Waffen, aber so richtig mitmachen muss zum Glück keiner. Nach etwa zwanzig Minuten markiger Dialoge wandert rechts total spontan der erste größere Publikumsblock ab. Zugegeben: Die Texte sind mitunter etwas derb, die Sprüche nicht neu, aber bitteschön: Wir sind beim Militär, noch dazu im Krieg - da geht's richtig zur Sache. Durch den provokanten Abgang des Blocks rechts hinten lassen sich die Dagebliebenen - wieder ganz spontan und auch total mutig - zu einigen Zwischenrufen hinreißen. Das fällt nicht groß auf, weil die benachbarte Strandbar und vorbeischippernde Ausflugsdampfer von vorn und quietschende S- und Fernbahnzüge von hinten ohnehin für einen ständigen Geräuschpegel sorgen. Aber es war echt ganz spontan und irgendwie auch aufmüpfig.

Schnitt. Ich erinnere mich an einen Abend im Berliner Ensemble. Brecht - was sonst. Galileo Galilei. Im Publikum gefühlte 50 Schulklassen, zum Äußersten bereit. Nach einer Stunde bedrohlicher Unruhe ergänzt der Hauptdarsteller Josef Bierbichler seinen Text um die denkwürdige Zeile "Galileo Galilei, der Schulklassenlangweiler". Das versteht aber von den Angesprochenen keiner. Als nach der Pause ein besonders lustiger Eleve mit einem Laserpointer im Auge von Bierbichler rumIeuchtet, bricht der die Vorstellung ab und fordert die hoffnungslos überforderten, aber leider verantwortlichen LehrerInnen auf, mitsamt ihren Spaßvögeln das Theater zu verlassen. Das lassen die sich nicht zweimal sagen und ziehen unter Gejohle und dem Applaus der übrigen Zuschauer ab. Komisch, dass mir das gerade jetzt einfällt.

Vielleicht, weil ich mich frage, ob die hier versammelten PädagogInnen - annehmend, dass sie ganz unter ihresgleichen sind - auch im Berliner Ensemble einfach gegangen wären. Oder sich unterhalten hätten. Oder gar Zwischenrufe... (Laserpointer schließe ich jetzt mal ausdrücklich aus!). Und wie ist das eigentlich im Lehrerzimmer? Auf Konferenzen, Fortbildungen, Betriebsausflügen, Weihnachtsfeiern? Gibt es dort nicht genügend Gelegenheiten, mal ganz keck so respektlos zu sein, wie es ihnen ihre Schützlinge sonst schmerzfrei vorleben? Oder sollten LehrerInnen ganz einfach nicht in der Lage sein, zwei Stunden ruhig zu sitzen und zuzuhören? Honi soit qui mal y pense.

Zurück bei Being Othello. Das Stück hat Längen, keine Frage. Und ob die Adaption gelungen ist, muss diskutiert werden. Aber bitte in der Pause oder hinterher! Und nachdem man sich das Stück auch wirklich angesehen hat. Zugegeben, wer nicht gerade "seinen" Shakespeare auf der Pfanne hat, wird Mühe haben, die Bezüge zum Original herzustellen. Aber muss man sich deshalb gleich wie ein Pennäler aufführen? In der Pause lieber an der Bar hängen bleiben? Oder einfach gehen? Wie überheblich.

Die Spielschar nimmt den pädagogischen Abend mit Humor - die nach der Pause entstandene Leere im Publikum wird zynisch kommentiert ("die haben das Stück nicht verstanden"); und zur Belohnung der Dagebliebenen spielt die Truppe in der zweiten Halbzeit locker auf und reißt manche zitierwürdige Pointe. Eine Kostprobe (sinngemäß): "Wenn du mit einem Blinden ins Kino gehst, achte darauf, dass es ein Stummfilm ist." Dem ist nichts hinzuzufügen.

* Unser Gastkritiker ist mit einer Lehrerin glücklich verheiratet; der Name ist der Redaktion bekannt.

 

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