Die Mädels vom Mathe-Trio
Die Pisa-Studie zeigt es: Die Gemeinschaftsschule nach skandinavischem Modell ist die Schule der Zukunft. Ein Besuch der deutschen Schule im dänischen Tondern.
von Heike Dierbach
Okay, jeder macht da weiter, wo er aufgehört hat!" Großes Geraschel in der Klasse 8 b. Britta schlägt Seite 29 in ihrem Mathebuch auf. "Eine Fabrik hat 200000 Taschenrechner produziert. In einer Stichprobe von 400 Stück wurden drei fehlerhafte Taschenrechner gefunden. a) Wie viel Prozent sind das? b) Wenn dieser Prozentsatz für die ganze Produktion zutrifft, wie viele Taschenrechner sind fehlerhaft?" Britta schreibt los. Mia* betrachtet noch mit kraus gezogener Stirn die Aufgabe auf ihrem Arbeitsblatt: "Wie viel sind 50 Prozent von 1320?" Zwischen den beiden Rechenaufgaben liegen Welten - zwischen den beiden 14-Jährigen nur drei Schultische. Britta und Mia besuchen die Ludwig-Andresen-Schule im süddänischen Tondern: eine deutsche Schule nach dem dänischen Gemeinschaftssystem.
Zehn Kilometer südlich ist diese Szene zurzeit undenkbar. In Schleswig-Holstein ist die von SPD, Grünen und dem Südschleswigschen Wählerverband (SSW) geplante "folkeskole" für alle Kinder bis Klasse 9 oder 10 zusammen mit der Kandidatin Heide Simonis gescheitert. Die Große Koalition duldet, wenn überhaupt, nur noch die schrittweise Umwandlung bestehender Gesamtschulen. In anderen Bundesländern denkt man noch nicht einmal über das Erfolgsmodell der skandinavischen Länder nach. Gemeinsamer Unterricht, der Untergang des Abendlands? Britta und Mia wissen von dieser Kontroverse nichts. Sie haben Spaß.
Die Klasse 8 b spielt jetzt nämlich ihr Lieblings-Mathespiel "Trio". Mädchen gegen Jungs. Aus hundert Zahlen an der Tafel sollen die Schüler durch Mal-, Plus- und Minusrechnung eine Zahl bilden, die Lehrerin Maren Petersen vorgibt. 35? Britta entdeckt sie als erste und geht an die Tafel: "Acht mal drei ist 24, plus elf ist 35!" Punkt für die Mädchen. Jetzt bekommt Britta sicher Beifall. Nix is'. Sie erwartet auch keinen. "Jeder weiß in der Klasse genau, wo der andere steht. Aber die Leistung wird nicht so hervorgehoben", sagt Mathelehrerin Petersen. "Es ist genauso wichtig, dass ein Schüler in der Lage ist, anderen zu helfen, wie dass er gut Prozentrechnung kann."
Petersen kennt beide Schulsysteme, sie hat ihre Ausbildung zur Realschullehrerin in Deutschland gemacht. Die Frage nach dem Unterschied kann sie sofort beantworten: "Das Soziale! Die Kinder müssen sich hier arrangieren mit unterschiedlichen Gruppen. Der Stärkere muss auch mal Rücksicht nehmen, mal abwarten oder was erklären." Nervt das Britta nicht? "Nö. Wenn ich mich langweile, soll ich es sagen. Dann kriege ich Extra-Aufgaben." Nicht mit Mia in einer Klasse zu sitzen, kann sich die 14-Jährige gar nicht vorstellen. "Wenn man später mal Chef ist, kann man ja auch nicht gleich ausflippen, wenn der Sekretär mal einen Fehler macht, sondern muss Geduld haben. Das kann ich dann schon."
Genau wie Maja und Sisse: Die beiden Viertklässlerinnen haben jetzt Maren Petersen in Mathe. Wieder startet die Stunde mit fünf Minuten Einzelarbeit, zehn Kinder beugen sich über ihre Hefte. Es ist so still, dass man die Heizung rauschen hört. "Die Schüler haben hier viel mehr Verantwortung für ihren Fortschritt", sagt Petersen. In Deutschland hätte sie für Maja und Sisse schon Empfehlungen geschrieben für Gymnasium, Real- oder Hauptschule.
Schichtzugehörigkeit spielt keine Rolle
Ihre Klasse auf drei Schulen verteilen? "Voll blöd" fänden das Maja und Sisse. "Nur Gute - das ist ja gar keine richtige Klasse", meint Maja, die Ärztin werden möchte. Sisse - später Tänzerin oder Handballerin - kann sich denken, warum in Deutschland so viele die Kinder schon mit zehn Jahren trennen wollen: "Das sind die Eltern von den Guten, weil die sooo stolz auf ihre Kinder sind. An die anderen denken sie gar nicht!"
Zu genau der Analyse kommt auch Sisses Schulleiter Holger Dudzus. "Die Gewinner des deutschen Schulsystems sind die Kinder der oberen Mittelschicht. Gymnasiallehrer, Ärzte, Rechtsanwälte und Schulpolitiker gehören zur selben Schicht", sagt der 37-Jährige. "Aber wir kommen ums Soziale doch nicht herum: Die Gesellschaft besteht nun mal aus verschiedenen Gruppen." Auch Vater Volker Lorenz, der zwei Kinder an der Ludwig-Andresen-Schule hat, findet das Soziale "so was von wichtig!" Das Soziale - in Tondern ist es kein Klotz am Bein, sondern ein Schmuckstück, das die 145 Kinder und 20 Lehrer stolz tragen. So viel Harmonie ist für den Besuch aus Deutschland fast nicht zu glauben.
Gemeinschaftsschule bis Klasse 9
Es ist auch nicht alles Friede, Freude, Smörebröd in Dänemark: Bei Pisa erreichte das Land in den Naturwissenschaften nur Rang 26 - jetzt sollen diese Fächer gestärkt werden. Ansonsten landeten die Schüler im Mittelfeld, aber immerhin einige Plätze vor Deutschland. "Wir müssen beides erreichen", sagt Petersen: "Das die Kinder Spaß haben, aber auch etwas leisten."
Auch in Dänemark werden die Schüler aufgeteilt - nur eben später. "Wenn Sie nach der 4. Klasse trennen, entscheiden Lehrer und Eltern über die Laufbahn der Kinder", sagt Dudzus. "Wir verschieben die Entscheidung, bis die Schüler alt genug sind, sie selbst zu treffen." Ob sie abgehen wollen oder noch eine freiwillige Zehnte machen, ob sie aufs Gymnasium oder auf eine technische höhere Schule wechseln.
Der Wecker klingelt, die fünf Minuten Stillarbeit in der Vierten sind vorbei. "Wer ist schon bis zur Mitte im Matheheft?", fragt Petersen. Vier kleine Finger schnellen hoch. Sisse strahlt: "Fehlt nur noch einer!" Einer wofür? "Wenn die Hälfte der Klasse bis zur Mitte ist, feiern wir ein Mathefest!"
Durchschnittlich vierzehn Schüler sitzen in der Ludwig-Andresen-Schule in einer Klasse. Damit liegt die Schule unter dem dänischen Durchschnitt von 17,5. Zum Vergleich: Nordrhein-Westfalen stopft mindestens 26 Kinder in eine Realschulklasse, Berlin bis zu 32.
"Allen Kindern gerecht zu werden ist bei kleinen Klassen kein Problem", sagt Anette Okholm, Gymnasiallehrerin aus Deutschland für Deutsch und Englisch. Aber mit 26 Schülern? "Das stelle ich mir schwer vor." Okholm bringt der 8 a heute den Unterschied zwischen Aktiv und Passiv bei. Eine Förderlehrerin kommt noch dazu und setzt sich neben Nils*, der Probleme mit Deutsch hat.
Auf den ersten Blick zeigen die fünfzehn Jugendlichen vor Anette Okholm keinerlei Leistungsunterschiede: Alle gucken gleich stumm auf die Frage: Was unterscheidet "Ich mache ein Bild" von "Ein Bild wird gemacht"? Schließlich meldet sich doch einer: "Im Passiv wird das Objekt zum Subjekt." Die Förderlehrerin erklärt Nils leise: "Subjekt, da fragst du 'wer'."
Wenn die 8 a eine reine Gymnasialklasse wäre - "dann hätten wir den Stoff wahrscheinlich schon früher gemacht", sagt Okholm. Wahrscheinlich würde die Lehrerin jetzt auch nicht zwei verschiedene Arbeitsblätter austeilen, sondern eins für alle. Am Anfang fühlen sich Schüler oft benachteiligt, wenn sie ein leichteres Arbeitsblatt bekommen, berichtet die 36-Jährige: "Es ist ein Lernprozess, bis die Kinder akzeptieren, dass sie unterschiedliche Fähigkeiten haben." Der Mehraufwand bei der Unterrichtsvorbereitung halte sich in Grenzen: "Ich mache halt denselben Beispielsatz für die einen nur im Präsens, für die anderen auch in Perfekt und Futur."
Soziale Unterschiede in Deutschland größer
Okholm sieht die Gemeinschaftsschule aber nicht nur rosig, was auch an ihrer Fächerkombination liegt. "In Englisch wären getrennte Gruppen besser. Das Fach lebt ja vom Gespräch, und wenn einige Schüler die anderen sprachlich gar nicht mehr verstehen - das ist schwierig." Auch Petersen räumt ein: "Das angesammelte Wissen ist sicher etwas weniger - aber unsere Schüler können sich neues Wissen schneller aneignen." Mathelehrerin Petersen ist skeptisch, ob sich die folkeskole einfach nach Deutschland exportieren lässt: "Die Mentalitäten sind ganz anders. In Deutschland gibt es viel größere soziale Unterschiede - in Dänemark haben wir es gern nett und gemütlich." Dass ein Fabrikdirektor mit einem Sozialhilfeempfänger ein Bier trinkt, sei in Dänemark nicht ungewöhnlich, sagt Vater Lorenz. "Wäre doch in Deutschland undenkbar!" Er meint, die Verantwortlichen jenseits der Grenze müssten sich erst mal klar werden, "was das Ziel von Schule ist".
Das Ziel von Britta und Mia war jedenfalls, die Jungs heute im Mathe-Trio zu schlagen. Letzte Aufgabe: die Vierzehn finden. Wieder Britta: "Zwei mal fünf ist zehn, plus vier ist vierzehn!" 16 zu 13 für die Mädchen - da gibt es schließlich doch ein bisschen Jubel: "Wir haben gewonnen!"
*Name geändert
Zuerst erschienen in verdi.publik 6-7/2005
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