Falsche Geldpolitik und die Wirtschaftsmisere in Deutschland
Großer Andrang beim ersten Seminar der politökonomischen Reihe der GEW BERLIN.
von Manfred Schlichthörl, AG Bildungsfinanzierung
Im ersten Seminar der politökonomischen Reihe der GEW mit dem Titel "Wirtschaftliche Entwicklung und Geldpolitik" sprach der Referent Professor Michael Heine vor immerhin mehr als 50 interessierten Zuhörerinnen und Mitdiskutanten. Er begann seinen Vortrag mit einer kurzen Darstellung der wirtschaftlichen Entwicklung in Deutschland seit 1950:
+ die Produktion von Sachgütern und Dienstleistungen und damit das verteilbare Einkommen ist relativ kontinuierlich gestiegen
+ das Wachstum verlief genauer betrachtet jedoch in einem ständigen Wechsel von Auf- und Abschwüngen
+ die durchschnittliche prozentuale Wachstumsrate sank dabei von 8 Prozent in den 50er Jahren bis auf nur noch rund 1 Prozent ab 2002
+ parallel zu den hohen Wachstumsraten sank zunächst die Arbeitslosigkeit, aber seit Mitte der siebziger Jahre stieg sie mit jedem Abschwung stark an und sank in den folgenden Aufschwüngen nur noch wenig.
Warum steigt die Arbeitslosigkeit?
Den Missstand eines steigenden Sockels von Arbeitslosen erklärte Michael Heine mit dem Zusammenhang von Arbeitsproduktivität (benötigte Arbeitsstunden für die Produktion von Gütern oder Dienstleistungen) und dem Wirtschaftswachstum. Steigt die Produktivität schneller als die tatsächliche Güterproduktion, werden weniger Arbeitsstunden benötigt. Wenn dann die Arbeitszeit je Beschäftigten nicht verringert wird, werden weniger Personen beschäftigt und die Arbeitslosigkeit steigt. Zwar ist die durchschnittliche Arbeitsproduktivitätserhöhung seit den 50er Jahren immer weniger schnell gestiegen - von 5 Prozent in den 60er Jahren auf 2 Prozent seit den 90er Jahren. Aber da in den 50er Jahren das prozentuale Wachstum höher war als die Produktivitätssteigerung, sank die Arbeitslosigkeit. Und da in den 70er Jahren bis heute das Wachstum niedriger war als die Arbeitsproduktivitätssteigerung, stieg die Arbeitslosigkeit. Als Lösung kommen drei Strategien in Frage: 1. Die Steigerung der Arbeitsproduktivität verhindern. 2. Die Senkung der Arbeitszeit. 3. Ein durchschnittlich höheres Wirtschaftswachstum.
Warum ist das Wachstum zu gering?
Hier begründete Michael Heine seine zentrale Aussage des Seminars. Zunächst zeigte er, dass den letzten großen Abschwüngen jeweils eine starke Erhöhung der Zinsen der Notenbank (Bundesbank oder Europäische Zentralbank, EZB) vorausging. Diese Zinserhöhung für Kredite der Geschäftsbanken bei der Notenbank verteuerte die Finanzierung von Investitionen und führte zu ihrem starken Rückgang. Dadurch kam es zu einem Abbruch des Aufschwungs und zu einer Rezession. Da die Notenbank die Aufschwünge viel zu früh mit ihrer Zinspolitik beendete, war das Wirtschaftswachstum insgesamt zu niedrig mit der beschriebenen Folge für die Arbeitslosigkeit.
Die Zinspolitik der Notenbanken
Michael Heine beschrieb zunächst, dass die Notenbank jeweils auf eine gestiegene Inflationsrate (1965/66: 4 %, 1973/ 74 5-7 %, 1981/82: ca. 6 %, 1991/92: ca. 4,5 % und 2002/3: bis zu 3 %) reagierte. Als Ziel hat die Notenbank aber maximal 2 Prozent Inflation. Dies entspricht nicht der Praxis anderer Länder - in den USA und in GB toleriert die Notenbank in Aufschwungphasen weit höhere Inflationsraten, bevor sie die Leitzinsen erhöht. Damit ermöglicht sie auch ein durchschnittlich höheres Wachstum.
Die Frage, warum die Bundesbank und die EZB so viel massiver gegen mäßige Inflationsraten vorgehen, blieb in der Diskussion unbeantwortet. Liegt es an der Erfahrung mit zwei Hyperinflationen in Deutschland oder an der Begünstigung der großen Geldvermögen durch niedrige Inflationsraten?
Einig waren sich alle Teilnehmer des Seminars jedoch in der Erkenntnis, dass eine andere Zinspolitik möglich ist und dass damit mehr Chancen für ein höheres Wachstum und weniger Arbeitslosigkeit gegeben wären.
Offen blieb, ob es auch andere Gründe für das zu niedrige Wachstum in Deutschland und Europa gibt. Die Behandlung der Lohnpolitik (in Deutschland steigen die Löhne weniger als es der verteilungsneutrale Spielraum zulässt) und der Haushaltspolitik (in den USA und GB betreibt der Staat eine aktive antizyklische Ausgabenpolitik) sind Themen der folgenden Termine der Seminarreihe.
Die Gewerkschaften müssen sich noch viel mehr in die Diskussion gegen den vorherrschenden neoliberalen Zeitgeist einmischen - und dafür brauchen ihre Mitglieder fundierte Argumente, wie sie in solchen politökonomischen Seminaren vermittelt werden können.
|