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Nr. 12 / 2005: Die Vergehen der Wendezeit

Die Vergehen der Wendezeit

Wie man den Antifaschisten Hans Otto das zweite Mal umbringen konnte.

von Erich Beyler, Lehrer in Friedrichshain

Seit acht Jahren unterrichte ich an der Heinrich-Ferdinand-Eckert-Schule in Friedrichshain. Vor etwa fünf Jahren wurde die Schule nach dem sozial engagierten Fabrikanten Heinrich-Ferdinand-Eckert benannt. Vorher hieß die Schule 1. OH Friedrichshain. Vor zwei Jahren habe ich als Thema einer Projektwoche die Geschichte der Schule ausgewählt und bin dabei darauf gestoßen, dass unsere Schule bis 1989 Hans-Otto-Schule hieß. Ich muss gestehen, dass ich sträflicherweise den Namen Hans Otto nicht kannte. Vielleicht geht es dem einen oder anderen Leser auch so. Otto war der erste Künstler, der von den Nazis umgebracht wurde. Angeblich war er am 24. November 1933 aus dem Fenster gesprungen. Sein Tod wurde strengstens verschwiegen.

Als ich von dem Namenswechsel erfuhr, ging mir durch den Kopf, dass es auch keine Werner-Seelenbinder-Halle mehr gibt. Und dass der ehemalige Name des U-Bahnhofes Marx-Engel-Platz getilgt wurde. Auch andere ehrenwerte Namen, die das nicht verdient hatten, verschwanden in der Wendezeit. Lasst uns die Namen sammeln und wieder aufleben!

Namenswechsel nach der Wende

Bevor ich beschreibe, wie der damals bekannte Schauspieler von den Nazis ermordet wurde, will ich schildern, wie sein Name in der Wendezeit entehrt wurde, wie er quasi das zweite Mal ermordet wurde. In der Wendezeit wurden sämtliche Bilder, die in der Schule hingen, sämtliche Schulbücher, sämtliche Erinnerungen an Hans Otto, so auch seine Büste, von offensichtlich Besessenen zerstört. Jede Erinnerung wurde getilgt. Die noch lebenden Verwandten von Hans Otto empfinden es heute so, als ob man ihren Verwandten ein zweites Mal ermordet hätte.

Nun ist die Geschichte von Hans Otto unseren Schülern wieder zugänglich gemacht worden. Am seinem Todestag am 24. November werde ich im Namen des Kollegiums einen Kranz an seinem Grab niederlegen, sein Bild ist in der Schule zu sehen. In Potsdam wird das Hans-Otto-Theater als modernes Theater wieder aufgebaut. Sein Lebenslauf ist in der Ausstellung Topografie des Terrors zu finden. Die Wahrheit lässt sich nicht verbrennen und zerstören.

Leben und Wirken Hans Ottos

Geboren wurde Otto im Jahr 1900, er war ein Klassenkamerad von Erich Kästner, ein sehr begabter Schauspieler, der an vielen namhaften Bühnen spielte, so z.B. an den Hamburger Kammerspielen nach seiner Zeit in Frankfurt, wo er als Zwanzigjähriger die Bühne betrat. Ab 1929 spielte er in Berlin. Er gründete das Agit-Prop-Theater. Er drehte zwei Filme, den dritten konnte er nicht drehen, weil er zum Castingtermin nicht kommen konnte, er wurde verhört. Kein Geringerer als Brecht setzte sich nach seiner Ermordung für ihn ein, damit wenigstens die Umstände seines Todes bekannt würden.

Liebe Kolleginnen und Kollegen. Bitte forscht, wenn ihr im Ostteil der Stadt - ich will es einmal so nennen - unterrichtet, ob eure Schule eine ähnliche Namensänderung erfahren hat. Ich würde das Material sammeln und versuchen entsprechend eine politische Reaktion zu initiieren.

Kontakt: E. Beyler, Kanzlerweg 52, 12101 Berlin

 

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