Stadtführungen von jungen KiezexpertInnen
Nicht nur für Schulklassen von auswärts geeignet.
von Renate Liebsch, Projektkoordinatorin "Ich bin ein Berliner"
Wenn Kinder, Jugendliche und LehrerInnen zum Zweck der Wissensvermittlung zusammenkommen, dann steht im Allgemeinen außer Frage, in welche Richtung das Wissen fließen soll: vom Erwachsenen zum Heranwachsenden, vom Lehrer zum Schüler. Dabei verfügen Heranwachsende durchaus über "ExpertInnenwissen", und das nicht nur bei jugendspezifischen Themen. Nur wird es selten genug von Erwachsenen abgerufen.
In Berlin-Kreuzberg werden demnächst Kinder einer Grundschule ihre LehrerInnen durch den Kiez führen. Denn die LehrerInnen kommen aus anderen Stadtteilen, in denen es nicht so viele Einwandererfamilien gibt. Nach dem Unterricht fahren sie wieder nach Hause und wissen kaum etwas darüber, wie ihre SchülerInnen ihre Freizeit verbringen, wo sie einkaufen, spielen, welche kulturellen Einrichtungen sie besuchen, wo sie Sport treiben oder sich treffen, kurz - wie man lebt in einem Kiez, in dem mehr als die Hälfte der BewohnerInnen aus einer anderen Kultur kommt. Bei den Stadtführungen erhalten die LehrerInnen viele Informationen, die in keinem Reiseführer zu finden sind.
Die Idee ist speziell für Kreuzberg nicht neu. Seit 2003 bilden hier MitarbeiterInnen des ESF-geförderten Projekts "Ich bin ein Berliner" Jugendliche - die meisten gehen noch zur Schule - zu StadtführerInnen aus und entwickeln gemeinsam mit ihnen Führungen in Kreuzberg, aber auch in anderen Stadtteilen. Bei diesen Führungen stehen weniger historische und architektonische Fachdetails im Mittelpunkt als vielmehr das Lebensgefühl und die Lebenswelt der Jugendlichen. Das, was sie selbst fasziniert an ihrem Kiez, was sie selbst interessant und zeigenswert finden, erzählen sie. Deshalb kommen diese Touren am besten bei Gleichaltrigen an. Aber auch Erwachsene ziehen daraus ihren Gewinn und haben am Ende mehr und Nachdrücklicheres über Berlin erfahren als bei einer gewöhnlichen Sightseeingtour.
Die Führungen werden ausschließlich für Gruppen angeboten und eignen sich nicht nur gut für SchülerInnen, die auf ihrer Klassenfahrt Berlin einen Besuch abstatten, sondern auch für Schulklassen aus Berlin. Termine können nach individuellen Wünschen vereinbart werden. Die Touren dauern zweieinhalb bis drei Stunden und kosten pro Gruppe 90 Euro. Für Jugendliche ab 14 Jahren stehen drei verschiedene Themen zur Auswahl:
+ Kreuzberg-Tour: Ein Kiezspaziergang mit einem Ausflug in die Geschichte der 70er und 80er Jahre. Wir führen euch zu Schauplätzen der legendären 1.-Mai-Demonstrationen und zu Orten, die vom Kampf der KreuzbergerInnen um selbstbestimmte Lebensräume erzählen. Wir zeigen euch aber auch, dass Kreuzberg nicht nur ein Ort der Widerspenstigen, sondern auch ein Biotop der Kreativen ist, die hier eine äußerst lebendige Kultur- und speziell Musikszene geschaffen haben.
+ Mitte-Tour: Erkundet mit uns die Gegend rund um die Oranienburger Straße - den Szenekiez, der KünstlerInnen und AussteigerInnen ebenso anzieht wie NachtschwärmerInnen und FlaneurInnen. Hier, wo man noch Spuren jüdischen Lebens findet, reihen sich inzwischen Galerien und exquisite Boutiquen aneinander, hat sich eine Club- und Discolandschaft etabliert. Beim Besuch des "Hauses Schwarzenberg" und des "Tacheles" erfahrt ihr wiederum eine ganz andere Geschichte jenseits des Veredelungsprozesses.
+ Mauer-Tour: Eine Mauertour abseits der Touristenpfade. Beim Spaziergang durch die ehemaligen Bezirke Friedrichshain, Kreuzberg und Treptow vermitteln wir euch eine Vorstellung davon, wie es in der geteilten Stadt aussah und wie die Mauer das Leben der Menschen in beiden Teilen Berlins verändert hat.
Neben den Jugendtouren gibt es auch vier spezielle Erlebnistouren für Kinder im Alter von 8 bis 13 Jahren. Dabei wird die Geschichte Berlins spielerisch erkundet. Buchen kann man die Touren über: Projekt "Ich bin ein Berliner", Schlesische Str. 19, 10997 Berlin, Tel. 69 56 40 01 o Fax 69 56 40 03. Ichbin1berliner@fippev.de oder http://www.ichbin1berliner.de/
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