Aufführungen kritisch gesehen
Von Hans-Wolfgang Nickel
„Der Wind in den Weiden“ war vielleicht vor dem 1. Weltkrieg ein brauchbares Erziehungsbuch für einen Jungen; heute ist der Text eher dubios in seinem veralteten Sozialmodell. Dazu kommt, dass in der Aufführung im Theater an der Parkaue mit vielen Worten immer wieder nur erzählt, aber kaum gehandelt, keine Spannung aufgebaut wird. Auch kann ich nicht einzusehen, weshalb die auf drei putzige Gören geschrumpften Wieselchen den vier Haupthelden Angst machen sollen. Ebenso unverständlich, dass die Bearbeitung keine Rücksicht darauf nimmt, dass zwei der vier ehrenwerten Herren des englischen Autors Grahame zu jungen Frauen geworden sind. Schließlich Ungeschicklichkeiten wie Raucherzimmer, Supermarktanspielungen, Gewehr- und Pistolegefuchtel. Es gibt ein paar szenische Überraschungen auf der zu voll gestellten Bühne; es wird nett, teilweise gut gespielt; aber das reicht nicht für Kindertheater (ab 6).
„Mit arger List“ ist nicht nur ein Stück über, aktuell formuliert, Mobbing, sondern über vielfach verdorbene Kommunikationen auf drei Ebenen: bei Erwachsenen (LehrerInnen, Eltern), bei Schülern, in Schillers Ballade von der Bürgschaft. Die Aufführung bei Strahl ist kunstvoll ineinander geschachtelt, als Rückblende aufgebaut, bis zum Ende mit unaufgelöster Krimi-Spannung. Nur in Schillers Ballade ereignen sich Katharsis und Happy end; in der Gegenwart gibt es keinen Durchbruch zu Ehrlichkeit und Wahrheit. Das macht „Mit arger List“ über den starken theatralen Eindruck hinaus zu einem überaus geeigneten Diskussionsanlass, der auch zur Selbstreflexion der Besucher führen kann (ab 13).-
Schiller (?) auch im Hau 2. „Wallenstein“ ist aber eigentlich nur ein szenisch aufbereitetes Erzählcafé mit Gegenwartsgeschichten und mit dem Nachteil, dass man die Erzähler nicht befragen kann; die Parallelen zu Schillers Stück sind vage, keinesfalls erhellend. -
Ganz anders „Hedda Gabler“ in der Schaubühne: eine konzentrierte Aufführung, die Ibsen (fast) bruchlos in die Gegenwart holt und dabei das Psychogramm einer Gegenwart zwischen Langeweile/Überdruss und ameisenhafter Emsigkeit gestaltet, gefangen in der eigenen Kommunikationsunfähigkeit (ab Sek. II).-
Dann mehrfach Festivals, zunächst des italienischen Theaters. Amüsant, manchmal scharf, ein wenig zu überdreht „L’Ereditera“ (im Gorki-Theater). – Dann das Festival „Politik im Freien Theater“, lobenswerter Weise von der Bundeszentrale für politische Bildung organisiert. Was ich sah oder las, überzeugt mich jedoch nicht. Schon das Programmheft ist wenig einladend, liefert kaum Informationen, eher Anmutungen, Assoziationen. Dazu passt auch das Beispiel aus Weimar. In „Akteure des Verschwindens“ wird das Publikum, eingesperrt in eine Kiste, mit Video traktiert, es gibt einige Fragmente aus Flauberts großartiger und wahrlich politischer ‚Education sentimentale’ - leider unverständlich, wenn man den Roman nicht kennt- also eher ein „Verschwinden“ der Politik in der Selbstbezogenheit. –
Wirklich politisches Theater in Tegel und Kreuzberg: „Die Horatier“ im Gefangenentheater Tegel; eine kraftvolle, disziplinierte, intensive Männergruppe von chorischer Geschlossenheit, ohne dass die Individualitäten ausgelöscht werden; sprachlich verblüffend gut. Die Aufführung mit dem Text von Heiner Müller und eigenen Beiträgen der Spieler reißt Fragen nach Recht und Gerechtigkeit auf, zeigt die Schwierigkeit des Urteilens (ein Mörder? ein Held?), macht Zerrissenheit und Vielgestaltigkeit menschlichen Lebens deutlich und die alte römische Geschichte durchsichtig für existentielle Fragen der Gegenwart (ab Sek. II).
Ionescos „Triumph des Todes“ im theaterforum Kreuzberg: eine streng auf Schwarz-Weiß gestellte Analyse menschlicher Verhaltensweisen unter einer ungreifbaren Bedrohung (Pest), ein Lehrstück politischer und anarchistischer Reaktionen, die schließlich in einen grotesk-komödiantischen Ausbruch umschlagen. Auch dies ein wichtiges Beispiel politischen, gegenwartsbezogenen Theaters.
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