| Ein Gespenst geht um?
Der Arbeitskreis Ost-West behauptet ein Demokratiedefizit an einigen Ostberliner Schulen
Ein Gespenst geht um in Berliner Lehrerkreisen - das Gespenst des pädagogischen Antikommunismus. Die es ausgegraben und auf die Reise geschickt haben - in die Amtsstuben der Obrigkeit, in die Lehrerzimmer der Schulen und in die Redaktionen der einschlägig bekannten Zeitungen - das waren die Dunkelmänner (und -frauen!) einer verdeckt arbeitenden Gruppe, die sich mit der so harmlos klingenden Bezeichnung "Arbeitskreis Ost-West" getarnt hatte. Und als sich endlich wachsame Augen und Ohren, aufgeschreckt durch Presseberichte im November vergangenen Jahres, dieser dubiosen Vereinigung annahmen, da bestätigten sich die allerschlimmsten Befürchtungen. Schulräte, Schulleiter, Studiendirektoren, Oberstudienräte, ja sogar Religionslehrer (horribile dictu) waren dabei. Wo blieb die Ausgewogenheit, die Beteiligung von Personalräten, Gewerkschaftsfunktionären, Elternvertretern, Bildungsexperten? Das zumindest hätte die aufgeklärte pädagogische Öffentlichkeit doch erwarten können, wenn es um so heikle Themen geht, wie das von den Mitgliedern des Arbeitskreises (AK) behauptete "Demokratiedefizit an (einigen) ostberliner Schulen"!
Ja - die Mitglieder des AK gestehen, dass sie sich nicht nach einem ausgeklügelten Proporz zusammengesetzt haben, der jede streitbare Diskussion so unsäglich erschwert und diese, wenn sie denn zustande kommt, meistens fruchtlos enden lässt. Was die einzelnen Mitglieder des AKs dazu veranlasste, sich an etlichen Abenden zusammenzufinden und ein Thesenpapier zum "Demokratiedefizit an (einigen) ostberliner Schulen" auszuarbeiten, das waren - und nichts anderes! - die jeweils unterschiedlichen beruflichen Erfahrungen der Mitglieder des AK im Ostteil der Stadt. Dass der AK die Erscheinungen, die aus seiner, und wahrlich nicht nur aus seiner, Sicht als "negativ" anzusehen sind, aufgelistet hat, heißt nicht, dass die vielen Fortschritte im Zusammenwachsen der Berliner Schule verschwiegen werden sollen.
Um Missverständnissen vorzubeugen: Es gibt überall in Berlin guten Unterricht, Lehrerinnen und Lehrer, die als pädagogische Vorbilder von ihren Schülern geachtet werden und die durch ihr Engagement und ihre Bereitschaft wesentlich zum Gelingen von Erziehung und Unterricht beitragen.
Beschönigte Sicht des DDR-Schulsystems
Aber es gibt auch die einseitige Beschönigung und teilweise naive Sicht des DDR-Schulsystems - mit allen ihren Folgen für die unterrichteten Inhalte, für pädagogisches Verhalten und für das kollegiale Miteinander. Dies haben die Mitglieder des AKs im Ostteil der Stadt erleben müssen, und sie gehen davon aus, dass auch andere - Kollegen, Vorgesetzte, Eltern, Schüler - diese Erfahrungen gemacht haben. Leider wurde darüber nicht offen diskutiert. Dass beim gewünschten beruflichen Zusammentreffen von Kolleginnen und Kollegen aus beiden Stadthälften unterschiedliche Terminologien und Traditionen aufeinandertreffen, ist nicht verwunderlich. Als problematisch hat es sich aber leider in vielen Fällen erwiesen, wenn das Verständnis von den Aufgaben der Schule durch unreflektierte und stellenweise nicht bzw. zu wenig hinterfragte Einstellungen geprägt und überlagert wird, die mit einem demokratischen Schulsystem im Grunde nicht vereinbar sind.
Handlungsbedarf
Wenn ein Lehrer Redakteure einer Schülerzeitung, die sich mit dem Thälmann-Denkmal in Berlin beschäftigt, darauf aufmerksam macht, dass Ernst Thälmann derjenige war, der die Sozialfaschismus-These gegenüber den Sozialdemokraten in die Welt gesetzt hat, an seiner Schule ausgegrenzt und gemobbt wird, dann ist das ein nicht hinnehmbares Verhalten.
Wenn ein Lehrer als Fachseminarleiter berufen wird und dann von seinen Kollegen gemieden wird, weil er das "Kollektiv" nicht befragt habe, ob es ihn für diese Tätigkeit delegieren wolle, dann muss man sich die Frage stellen, ob schon alle Kollegen im westlichen Schulsystem angekommen sind.
Wenn in einer Unterrichtsstunde Schüler die Mauer als "antifaschistischen Schutzwall" beschreiben, ohne dass dieser Begriff auf seinen ideologischen Gehalt hin hinterfragt wird, dann ist eigentlich klar, dass es nicht nur um Fragen des Verhaltens geht, sondern auch um das Weiterleben dessen, was man in der DDR-Pädagogik als "Klassenstandpunkt" bezeichnet hat.
Wenn im Sportunterricht die Verlierer an die Tafel geschrieben werden und diese Verlierer dann am Ende aufräumen müssen, so ist das eine Form der Bloßstellung, die nicht hinnehmbar ist.
Wenn Religionslehrer im Gegensatz zu Lebenskundelehrern an ihren Schulen oftmals abgelehnt und ausgegrenzt werden, dann ist dies ein Zeichen immer noch nicht vorhandener Toleranz und Offenheit gegenüber kulturell gewachsenen Lebensweisen, die im real existierenden Sozialismus als reaktionär abgetan und ggf. verfolgt worden sind.
Dass überproportional viele LehrerInnen mit einer westlichen Biografie dringend aus dem Ostteil der Stadt umgesetzt werden wollen, ist ein Zeichen dafür, dass Handlungsbedarf besteht.
Weitere Beispiele könnten angeführt werden. Es stellt sich natürlich die Frage, was denn zur Überwindung der geschilderten Problematik getan werden könne. Der politisch Verantwortliche, Herr Böger, hat - das wird manchen Kritiker des AK froh stimmen - zunächst sehr zögerlich reagiert. Mittlerweile hat der AK von der Senatsschulverwaltung das Angebot erhalten, dass es zukünftig Fortbildungs- und Diskussionsveranstaltungen zu dieser Thematik in Kooperation mit dem LISUM geben solle. Wir begrüßen diese Ankündigung, da ein weiteres Verschweigen nicht dazu dient, die Vergangenheit der SED-Diktatur in ihrer Ausprägung im schulischen Bereich erfolgreich zu überwinden.
Wir begrüßen auch, dass sich die GEW dieses Themas annimmt. Denn in Bezug auf konkrete Probleme einzelner GEW-Kollegen an einigen Schulen im Ostteil der Stadt hat sich die Rechtsschutzstelle der GEW BERLIN oft sehr hilfreich gezeigt, aber das hinter den Einzelfällen liegende Problem hat die sie bisher nicht zur Kenntnis genommen.
Es könnte noch mehr geschehen. Gesamt- oder auch Fachkonferenzen, Eltern- und Schülervertretungen könnten darüber diskutieren, sie könnten dem AK ihre (hoffentlich argumentativ begründete) Kritik entgegenhalten und sich der Auseinandersetzung stellen. Jeder, der für ein demokratisches Schulwesen in unserer Stadt eintritt, sollte sich der Mühe unterziehen, dafür offen zu streiten!
Christine Sauerbaum-Thieme
Seminarleiterin |