GEW Berlin
GEW BERLIN
Home  
Aktuelles  
Adressen  
Downloads  
GEW-Zeugnis  
Gruppen|Gremien  
Informationen  
Inhalt  
Lehrproben  
Mitgliederportal  
Mitglied werden  
Seminare  
Service  
Themen  
Veranstaltungen  
Zeitschrift (blz)  
Impr./Kontakt  
Nr. 04/2002
Von Siegern lernen...
Ein Abend in der finnischen Botschaft.

Nachdem das hervorragende Abschneiden der finnischen SchülerInnen bei der PISA-Studie bekannt geworden war, konnte sich der Botschafter vor Anfragen zu diesem Thema kaum retten. Um das Bedürfnis nach Informationen aus erster Hand zu befriedigen, wurden Interessierte aus Politik und Bildungsorganisationen eingeladen. "Wir machen uns große Sorgen um die 7 Prozent der SchülerInnen, die im Lesen unterhalb der Kompetenzstufe 1 liegen oder diese gerade noch erreichen!" sagt Pirjo Linnakylä, Professorin am Institut für Erziehungswissenschaft der Universität in Jyveskylä und Leiterin des finnischen PISA-Teams. Sie stellt in ihrem Beitrag die Lesekompetenz in den Mittelpunkt der Betrachtung, da diese als fächerübergreifende Basiskompetenz für sämtliche Lernprozesse anzusehen ist.

Finnland hat bei der PISA-Studie am besten abgeschnitten. In der Lesefähigkeit belegt Finnland Platz 1 aller 32 untersuchten Länder. Von den in Finnland als problematisch angesehen 7 Prozent der SchülerInnen befinden sich 2 Prozent auf der Kompetenzstufe 1, 5 Prozent noch unterhalb dieser Kompetenzstufe. Deutschland dagegen belegt einen der hintersten Plätze (Rang 21-25). 23 Prozent der 15-jährigen SchülerInnen in Deutschland erreichen nur die Kompetenzstufe 1 (13 Prozent ) oder liegen darunter (10 Prozent ), was bedeutet, dass sie nicht sinnerfassend lesen, geschweige denn die Inhalte kritisch reflektieren können.

Chancengleichheit

Wichtigstes Ziel des finnischen Schulwesens ist die Chancengleichheit für die SchülerInnen. Alle besuchen 9 Jahre lang die gleiche Schule; die Lerninhalte sind zu etwa zwei Dritteln durch einen nationalen Lehrplan ("Kerncurriculum") vorgegeben und werden zu etwa einem Drittel von den Schulen selbst entwickelt. Es gibt keine zentralen Leistungsüberprüfungen für die SchülerInnen mit Ausnahme des Abschlussprüfung der Sekundarstufe II "(Abitur"). Nach den 9 Jahren Gesamtschule gehen etwa 95 Prozent der SchülerInnen auf die Oberstufe über, entweder in die gymnasiale Oberstufe (60 Prozent) oder die berufliche Bildung. In beiden Schultypen kann eine Abschlussprüfung abgelegt werden, die zur Aufnahme eines Studiums berechtigt. Jede SchülerIn hat Anspruch auf einen Platz in der Sekundarstufe II. Etwa 60 Prozent der SchülerInnen nehmen ein Studium auf.

Vorklasse

Das Schuleintrittsalter beträgt 7 Jahre. Eine freiwillige Vorklasse wird von mehr als 70 Prozent der sechsjährigen Kinder besucht. Zu einem kleineren Teil sind diese Klassen in den Schulen und zu einem größeren Teil in Kindergärten angesiedelt. Ein gemeinsames Curriculum legt die Lerninhalte der Vorklasse fest.

Auch in Finnland gab es bis in die 60er Jahre ein gegliedertes Oberschulsystem. 1964 entschied jedoch das Parlament, dass durch eine Strukturreform die Qualität der Schulbildung verbessert werden sollte: Die 9jährige Gesamtschule für alle SchülerInnen wurde eingeführt.

Frau Linnakylä berichtet aus dieser Zeit, dass es vor allem den ehemaligen GymnasiallehrerInnen nicht ganz leicht fiel, sich auf die nun heterogene Schülerschaft einzustellen. Viele waren der Meinung, so was ginge gar nicht. Sie selbst brauchte ein gutes halbes Jahr, um die neue Situation zu meistern. Heute ist sie überzeugt, dass die Strukturreform der Grundstein für die hohe Qualität des finnischen Schulwesens war.

Zensuren und Tests

In den finnischen Schulen gibt es kein Sitzenbleiben und bis zur 6. Klasse in der Regel keine Zensuren. Tests werden häufig durchgeführt, aber sie werden ausschließlich zur pädagogischen Diagnose gebraucht, um Anhaltspunkte für eine bessere Förderung zu erhalten. Ein Netzwerk an Unterstützung steht den LehrerInnen zur Verfügung: Lehrer-Assistenten, Schulpsychologen, Sonderpädagogen, Schullaufbahnberater und Ärzte arbeiten im Schulteam mit. Braucht ein Kind besondere Unterstützung, erhält es diese selbstverständlich in ausreichendem Maße. Kein Kind wird als ungeeignet abgeschoben.

Daraus folgt auch, dass es keine kommerzielle Nachhilfe in Finnland gibt. Es ist die Aufgabe und die Verantwortung der Schule, alle Kinder optimal entsprechend ihren besonderen Bedürfnissen zu fördern. Evaluation dient der Qualitätskontrolle der Schulen und des Unterrichts, nicht der Leistungsüberprüfung der Schüler mit dem Ziel einer Auslese oder der Vergabe besonderer Chancen.

Trotz aller Erfolge gibt es in Finnland durchaus Kritik am eigenen Schulwesen. Und solange noch SchülerInnen, die nicht ausreichend auf das Leben in der Informationsgesellschaft vorbereitet sind, die Schule verlassen, gibt es noch viel zu tun, sagen die Finnen. "Wir dürfen eigentlich keinen einzigen Schüler verlieren. Denn wenn wir uns nicht jetzt um ihn kümmern, müssen wir das später tun!" Und das wird viel schwieriger und auch teurer.

Sabine Dübbers


Merkmale des finnischen Schulsystems

  • Jeder Schülerjahrgang durchläuft 9 Jahre lang dieselbe Schulart.
  • Lehrinhalte sind im Kern alle gleich
  • Landeseinheitliche Richtlinien für die Lehrpläne
  • Gleiches Angebot von Pflichtfächern und Wahlfächern für alle
  • Kleine Schulen
  • Breites Angebot von Fremdsprachenunterricht, 2 Fremdsprachen obligatorisch
  • Kostenfreier Unterricht, kostenfreie Schulbücher, kostenfreier Schultransport, kostenfreies warmes Schulessen für alle
  • Lehrerausbildung erfolgt an Universitäten
  • einheitliche Regelung für Lehrbefähigung der LehrerInnen
  • Lehrberuf ist hochgeschätzt
  • schulische Einrichtungen genießen das Vertrauen der Bevölkerung
  • Büchereiwesen ist hochentwickelt
  • Büchereien unterstützen die schulische Arbeit
  • Kommunen erhalten vom Staat Mittel für Bildungsarbeit je nach Finanzstärke der Kommune

Quelle: Finnisches Pisa-Team

zurück nach oben
Login
Registrieren
Hilfe
Beitragsquittung für 2011 ausdrucken
Mitmachen: Projekte
blz - die Zeitschrift der GEW BERLIN
Mediadaten
Terminplan
2012
2011
2010
2009
2008
2007
2006
2005
2004
2003
2002
2001
Wir über uns
Kalender 2012/2013 bestellen
Service und Beratung
Ich möchte Mitglied werden
Mitglieder werben Mitglieder
Markt / Kleinanzeigen
Zeugnisprogramm