Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Das Gorki-Theater nimmt sein „Weihnachtsmärchen“ wieder auf. „Väterchen Frost“ ist ein gut funktionierendes Erfolgsstück: folklorig-russischer Kostümprunk und Bühnenzauber, derb drastisch und zuckrig süß, klar in Gut und Böse gegliedert, mit überdeutlicher Benimm-Schule, einem (ebenfalls gut funktionierenden) Kreisch-Training. Wenn es dem Theater passt, werden die Kinder (ab 5) einbezogen; wenn sie ihren Helden vor dem Backofen warnen wollen, werden sie übergangen. Eigentlich sieht Kindertheater heute anders aus ... -
Die kräftig gebaute Story der „Family impossible“ zwischen Deutschland und Australien passt genau zu den SpielerInnen von Platypus. Sie haben keine Scheu, Szenen drastisch und mit Furor auszuspielen UND zarte Emotion und Langsamkeit zuzulassen. Der Dialog ist fremdsprachendidaktisch geschickt gemischt aus vorwiegend Englisch und ab und an Deutsch (gleichsam Erklärungs- und Erholungsphasen). Sehr empfehlenswert also als Theater UND als Englisch-Training ab 7. Klasse. -
Es ist vielleicht das „Schwedische“, was nicht nach Berlin hinüber geholt wurde; jedenfalls fand ich nur schwer Zugang zu „Raus aus Amal“ bei Grips. Die Inszenierung ist merkwürdig gehetzt, auf Action getrimmt, als traue man der Handlung und den Figuren nicht; sie ist überkräftig, gewollt jugendnahe, fast anbiedernd (dominant männlich?!), lässt Intensität nur selten zu. Dabei behandelt sie wichtige Themen: die äußere Langeweile und innere Unruhe von Jugendlichen, die sich und die eigene Sexualität erspüren, erkunden; dazu ein umfangreiches, aufwändiges, von der Dramaturgie erarbeitetes Programmheft mit viel Material zu Liebe, Sexualität, Homosexualität (ab 15). -
Nach dem weit gespannten, aufschlussreichen und konzentrierten Thema des Vorjahres (Die Familie Mendelssohn) behandeln die Jüdischen Kulturtage in diesem Jahr das jüdische Berlin der zwanziger Jahre eher punktuell und additiv. Im ansehnlichen Spiegelzelt wird Weill/Brechts „Mahagonny Songspiel“ aufgeführt. Die seltsame Zusammenstellung mit Songs aus ‚Happy End’, einem schmierigen Conferencier samt Boxring und Boxern springt mit Tempo von Szene zu Szene, verzichtet dabei freilich auf Story oder verständlichen Zusammenhang. Dass es letztlich doch mehr ist als kulinarisches Theater, liegt an einigen berührenden und erhellenden politischen Einsprengseln, die auf die Realität der Zwanziger (und Dreißiger) Jahre hinweisen (ab Sek II).-
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