Aufführungen kritisch gesehen
von Hans-Wolfgang Nickel
Shakespeare auch für Kinder und Familien („von 8 bis 88“) – das interessante Projekt im Shake-Zelt am Ostbahnhof ist nicht ganz gelungen, weil dem als „Winternachtstraum!“ bearbeiteten Sommernachtstraum die Kombination von Oberon und Väterchen Frost, von Liebeszauber und Persephone-Mythos nicht gut bekommt und weil überdies sowohl Theseus/Hippolyta wie auch Vater Egeus gestrichen wurden, sodass die Handlung nicht mehr richtig motiviert erscheint. Das wird wett gemacht durch das muntere Spiel der Gruppe (auf der Bühne und inmitten der Zuschauer) und ihr musikalisches Können (erst ab 10, würde ich meinen).-
„Absurda comica“ in der Werkstatt der Kulturen: Drei knappe, grotesk-zugespitzte „Alltags“-Szenen, mit wenig Text und sparsamen Kostümakzenten spannend und witzig; dann eine UBU-Bearbeitung, die die grotesk-absurde Handlung und die grobschlächtig-groteske Sprache mit Bouffoneskem mehr als verdoppelt und dadurch nicht nur Vater Ubu seiner Gefährlichkeit beraubt, sondern auch dem Stück die Spannung nimmt. Zu viel der Possen! Interessant vor allem, wenn eine Gruppe Körperausdruck und Groteske erkunden will (ab 14).-
„Gezeiten“ von Sasha Waltz in der Schaubühne: ein Weltuntergangsspektakel, ungeheuer schön und langsam beginnend, immer wieder auch mit ironisch-witzigen oder rührenden Momenten, dann mehr und mehr Bedrohungen von innen und außen – Erdbeben, Krankheit, Wahnsinn – im totalen Chaos endend. Eine Fülle von scharf beobachteten und klar ausgestellten Details, Bilder von Schönheit und von Grauen – wahrlich eine „Schau“-Bühne (ab 15).-
„Inge Bartsch - verschollen“ im Theater Zerbrochene Fenster: Ein attraktives, geheimnisvolles Rätselspiel, Installation genannt. Die Titelheldin war Kabarettistin, Varietékünstlerin in den frühen dreißiger Jahren, von der es offensichtlich kaum konkrete Nachrichten gibt. Eine berührende Geschichte, optisch reizvolle Szenen, ein (mehrfacher) Tod. Drei Artisten (Jonglage, Rola-Rola u.ä.) und Musik sorgen für Varieté-Atmosphäre; dazu ein langes, polnisch gesprochenes Galczynski-Gedicht -eine schöne Aufführung für Zuschauer, die sich auf Stimmungen einlassen und Verrätselungen lieben (ab Sek II).-
Rhetorisch klar und präzise, ja brillant werden Konflikt und Handlung von Goethes „Clavigo“ im Berliner Ensemble spannend exponiert; die Männer redend, die Frauen leidend als Hintergrundfiguren. Für den Schluss mit Mariens Sterben aus seelischer Verwundung, mit Clavigos reuevoll-freudigem Tod an ihrem Grab findet die Inszenierung trotz Badewanne und Himmelbett keine Lösung; es wäre ehrlicher gewesen, denke ich, das Stück vorher abzubrechen und Goethe (oder dem 18. Jahrhundert) die Schuld zu geben (ab Sek II).- |