Von Chancengleichheit weit entfernt
Die soziale und wirtschaftliche Lage der Studierenden in Europa.
von Sabine Kiel, GEW Niedersachsen
Erstmalig wurden 2002 mit dem "Euro Student Report" die Lebensbedingungen der Studierenden in Europa untersucht. Eine zweite Befragung, an der 80.000 Studierende aus elf EU-Ländern (Österreich, Deutschland, Spanien, Finnland, Frankreich, Irland, Italien, Lettland, Niederlande, Portugal und Großbritannien - nur England und Wales) teilnahmen, folgte 2005. Die Studie kommt zu dem Ergebnis, dass nicht nur in Deutschland, sondern auch bei den anderen beteiligten EU-Ländern Arbeiterkinder nicht die gleichen Chancen auf eine höhere Bildung haben wie Kinder von Akademikern.
Deutschland Schlusslicht bei studierenden Arbeiterkindern
Im Vergleich zeigt sich - wie schon bei anderen bekannten internationalen Studien -, dass in keinem Land die Wahrscheinlichkeit so gering ist wie in Deutschland, dass ein Kind, dessen Vater Arbeiter ist, studieren wird. So nehmen lediglich 16 Prozent ein Studium auf und verglichen mit der entsprechenden Altersgruppe (37 Prozent) liegt das Verhältnis bei 0,4, während es in Finnland und den Niederlanden überdurchschnittlich ausfällt. An das geringe, deutsche Verhältnis kommen lediglich Österreich, Frankreich und Portugal heran. In Portugal haben die Eltern von Studierenden fünfmal häufiger einen hohen Bildungsabschluss als der Durchschnittsportugiese. In Deutschland ist die AkademikerInnenquote unter den studentischen Eltern mehr als doppelt so hoch wie bei den Durchschnittsdeutschen. Besser stehen die Chancen für Kinder von Eltern mit einem niedrigen Schulabschluss in Spanien, den Niederlanden, Finnland und vor allem in Irland. Die Iren sind die Einzigen, bei denen sich das Verhältnis von hohen und niedrigen Bildungsabschlüssen unter den studentischen Eltern fast mit dem in der Durchschnittsbevölkerung deckt.
Positive Auswirkungen öffentlicher Stipendien
Auch wenn die Studie keine Gründe für diese Ergebnisse nennt, muss davon ausgegangen werden, dass es einen Zusammenhang zwischen einem funktionierenden staatlichen Stipendien- und Darlehenssystem und der Hochschulquote von Arbeiterkindern gibt. So haben beispielsweise die vergleichsweise durchlässigen Bildungssysteme aus Finnland und Niederlande ein elternunabhängiges Darlehenssystem und fördern damit zwei Drittel ihrer Studierenden. Zum Vergleich: In Deutschland beziehen lediglich 23 Prozent der Studierenden das vom Einkommen der Eltern abhängige BAföG. Bei den monatlichen Lebenshaltungskosten muss berücksichtigt werden, dass es teilweise zu großen Schwankungen innerhalb der einzelnen europäischen Länder kommt - insbesondere im Hinblick auf die Wohnkosten je nach Studienort (Metropole vs. Nicht-Metropole), Wohnart (elternabhängig vs. elternunabhängig) sowie nach biografischer Lebenssituation (kinderlos vs. mit Kindern). So stehen den Studierenden zwischen 262 Euro (Lettland) und 1115 Euro (Finnland) monatlich zur Verfügung. Mit 767 Euro befinden sich die deutschen Studierenden im oberen Feld.
Bei Studierenden, die bereits in einer selbstständigen Wohnform leben, stammen in Deutschland 51 Prozent des zur Verfügung stehenden Geldes von der Familie bzw. dem/der PartnerIn. Nur in Portugal ist dieser Anteil mit 70 Prozent höher, überall sonst niedriger. In Finnland ist die elterliche Unterstützung am geringsten: nur 11 Prozent. Aber auch in Großbritannien, Irland und den Niederlanden erhalten weniger als ein Drittel der Studierenden finanzielle Unterstützung seitens der Familie. Wohnen die Studierenden noch zu Hause, ist der prozentuale Anteil der Unterstützung durch die Eltern meist geringer. Dafür steigt fast überall der Anteil des Einkommens durch Jobben.
Der Anteil der staatlichen Unterstützung ist in den europäischen Ländern sehr unterschiedlich: So unterstützt der Staat die Studierenden mit eigenem Haushalt beispielsweise in Großbritannien zu 52 Prozent. Finnland, Frankreich und die Niederlande tragen mit staatlichen Zuschüssen immerhin fast ein Drittel des studentischen Budgets. Deutschland fällt mit nur 13 Prozent dann schon etwas ab. Aber auch in Irland, Österreich, Portugal und Spanien ist der Staat nicht stark engagiert, am wenigsten in Lettland. Durchschnittswerte verdecken zwar auch einiges, aber immerhin geben sie einen Eindruck, wie viel der Staat gewillt ist, in Studierende zu investieren. In Großbritannien fließt ein Teil der Unterstützung aber direkt an die Hochschulen - dient also nicht zum Lebensunterhalt.
Finnland auch bei Finanzierung vorbildlich
Werden alle Studierenden betrachtet, dann ist eindeutig Finnland führend: 71 Prozent der Studierenden bekommen staatliche Unterstützung und diese beträgt dann im Schnitt 427 Euro. Großbritannien unterstützt sogar noch mehr Studierende, nämlich 85 Prozent und diese dann mit im Schnitt 694 Euro - aber davon sind auch nicht unbeträchtliche Studiengebühren zu zahlen (die es in Finnland nicht gibt). In Deutschland erhalten nur 23 Prozent der betrachteten Studierenden eine staatliche Unterstützung (BAföG) - im Schnitt 352 Euro. Einen hohen Anteil an staatlich unterstützten Studierenden haben noch die Niederlande und Frankreich. In Österreich und Irland ist die Unterstützung vollständig ein Zuschuss, in Finnland muss ein Drittel zurückgezahlt werden. Trotz aller Unterschiede bei der staatlichen Förderung bessern mehr als die Hälfte der Studierenden ihre Einnahmen neben der elterlichen Unterstützung und der staatlichen Förderung mit Einkünften aus Erwerbstätigkeit auf. In Deutschland kommen 27 Prozent des Geldes aus dieser Quelle, in den meisten anderen Ländern sogar noch mehr. Nur in Portugal und Großbritannien ist Jobben eine geringere Einkommensquelle.
Große Unterschiede beim Wohnen
Dass es in Europa noch sehr unterschiedliche Traditionen gibt, wie lange junge Menschen zu Hause wohnen, zeigt sich auch bei der Art der Unterbringung der Studierenden. Während in Österreich, Deutschland, Finnland und Irland die deutliche Mehrheit in einer eigenen Wohnung oder WG wohnt, ist in den südeuropäischen Ländern wie Italien, Spanien und Portugal das elterliche Zuhause auch der Wohnort während des Studiums. In den Niederlanden, Finnland, Großbritannien und Lettland ist das Studentenwohnheim die häufigere Wohnform, in Deutschland nur für etwas mehr als ein Zehntel. Kaum verbreitet sind Wohnheime dagegen in Italien, Portugal und Irland. Dies ist darauf zurückzuführen, dass in diesen Ländern deutlich häufiger die Studierenden bei ihren Eltern wohnen.
Ganz allgemein ist die Unterbringung in Wohnheimen günstiger als in einer eigenen Wohnung oder WG - mit zwei Ausnahmen, die allgemein sehr teuer sind. In Irland zahlen Studierende im Schnitt mit 427 Euro für einen Wohnheimplatz mehr als für eine Wohnung/ WG-Zimmer (386 Euro), ebenso in Spanien (287 Euro für Wohnheim, 224 Euro für Wohnung/ WG-Zimmer). Wohnheim-Plätze in Deutschland sind mit im Schnitt 180 Euro im Europa-Vergleich vergleichsweise billig - in fast allen betrachteten Ländern ist es teurer. Günstiger in Wohnheimen kann man nur in Portugal und - wenig verwunderlich - Lettland wohnen.
Selbst die eigene Wohnung, das eigene WG-Zimmer ist in Deutschland nicht überaus teuer. Irland, Finnland und Frankreich sind um die 100 Euro teurer, aber selbst in Portugal und Österreich muss man mit mehr Ausgaben rechnen. Die hohen Preise in den kleineren Ländern liegen aber auch daran, dass sich dort die Hochschulen in den Großstädten konzentrieren, in denen die Mietpreise hoch sind. In Deutschland mitteln sich hohe Mieten in Städten wie München oder Frankfurt mit sehr günstigen Mieten in Kleinstädten vor allem im Osten. In allen betrachteten Ländern studieren deutlich mehr Frauen als Männer - beispielsweise in Finnland, Lettland. Mit 48 Prozent stellt Deutschland das Schlusslicht dar.
Studiendauer
Auch vergleichsweise wenig Studierende mit Kindern gibt es in Deutschland (5 Prozent) - nur Spanien und Portugal haben noch weniger - während in Lettland, Österreich und Irland doppelt so viele Studierende Kinder haben. In keinem Land ist die durchschnittliche Studiendauer für den ersten Abschluss so lang wie in Deutschland, nämlich ganze 6,8 Jahre, dicht gefolgt von Österreich. Spanien und die Niederlande tummeln sich im Mittelfeld und am kürzesten sind die Studienzeiten in Irland und in Großbritannien mit etwa dreieinhalb Jahren. Der Vergleich ist aber nur einschränkt möglich, da es aufgrund der unterschiedlichen Studienstrukturen bzw. die Umstellung auf Bachelor/Master europaweit noch nicht überall vollzogen wurde.
Anmerkung: Die Studie gibt es als PDF-Datei unter der Internet-Adresse http://www.his.de/eurostudent/
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